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geschrieben 2011 von Simon.
Veröffentlicht: 28.02.2018. Rubrik: Fantastisches


Die Bücher des Lebens

Es geschah und geschieht in einer Zeit, in jener - die wir, die unsere nennen. Das ein ständiges Kommen und Gehen seinen Einzug hält. Uns schüttelt, an uns zerrt, um dann wieder lautlos wie ein Schatten zu verschwinden, dessen Atemzug man immer noch zu spüren glaubt.
Eine alte Geschichte erzählt von den 2 Büchern des Lebens. Dem schwarzen Buch und dem Weißen. Jedes Menschenleben findet zwischen jenen Seiten dieser Bücher statt.
Lacht ein Mensch oder empfindet er große Liebe und Freude, so reißt eine Seite des schwarzen Buches aus und eine neue Seite im weißen Buch des Lebens wird erneuert. Herrscht jedoch Trauer, Unfrieden oder Hass im Menschenleben hervor, löst sich sogleich eine Seite des weißen Buches und das schwarze Buch erhält eine druckfrische Seite dazu. Das Auf und Ab und das Spiel um die stetige Balance zwischen den Büchern spiegelt sich in jedem Menschenleben wieder.
Nun begab es sich, dass endlich jemand das Geheimnis dieser Bücher lösen wollte und er fing an in alten Schriften und Zeichnungen danach zu suchen. Doch je mehr er davon las, und wen er auch danach fragte, - das Geheimnis der Bücher des Lebens blieb verschlossen…
An einem Frühlingsmorgen, das Leben atmend, gelehnt an einen Baum, fiel das Menschenwesen in eine Art Tagtraum, der es ihm ermöglichte, sich fallen zu lassen und seinen Gedanken folgend - treibend auf einer Pusteblume immer weiter fortgetragen zu werden. Herrlich, frei, bunt und gelöst. Doch die Reise änderte sich und plötzlich erhoben sich drohende Felsen und markante Steinwände, kein Licht fand mehr Zugang.
Eng, schmal und trichterförmig endete das Ganze in einer Sackgasse voller Gedanken und wurde gurgelnd von einer Welle des Vergessens aufgewirbelt und weggespült. War das hier das berühmte Ende der Welt, wo man hinunter fällt, wenn man sich zu weit vorbeugt?? So wie bei einer Fliege, die über den Tellerrand lugt und in eine unendliche Weite blickt. Nein- inmitten dieser Trostlosigkeit aus Stein, Fels und Geröll gab es einen Punkt. Einen winzigen Punkt, kaum sichtbar für ein menschliches Auge und dennoch da.
Irgendwo dort zwischen Raum und Zeit, Tag und Nacht, da mussten die Bücher ihre Heimat haben. An einem Ort den niemand finden würde, wenn er nicht bereit war, abseits der Wege zu gehen. Ja, die Bücher gab es wirklich und in tiefen Gewölben, geschützt durch Staub und Zeit schliefen sie gebettet auf Engelsflügeln in der Unendlichkeit.
Das weiße Buch war strahlend hell, anmutig edel. Geschrieben von der Sonne, diktiert von des Mondes Zauber und die Seiten verziert vom Glanz der Sterne. Das weiße Buch war voller Liebe und Leben, obgleich es nie menschliche Gefühle empfand.
Das schwarze Buch ward geschrieben in dunklen Zeiten, im Schattenspiel des Kerzenscheins. Dicke schwere Seiten ruhten in ihm, tiefschwarz. Beim bloßen hinsehen waren jedoch keine Buchstaben oder Zeichen zu entdecken, doch kamen Tränen mit den Seiten in Berührung, so bildeten sich Schriftzeichen und ganze Sätze. Niemand vermochte in den Büchern zu lesen. Denn es waren gesammelte Worte und Zeichen aus allen Zeiten, von allen Menschen die je gelebt hatten und eben jenen Neugeborenen die erst langsam in den Büchern ihren Platz fanden. Das Menschenwesen lief also inmitten dieser riesigen Felswände und hoffte irgendwann ins Freie zu gelangen. Da endlich nach einer Ewigkeit wie es schien, gaben die Felsen den Weg frei und in der Ferne war ein Tal zu sehen.
Grün, bepflanzt und scheinbar von Menschenhand geschaffen. Langsam waren richtige Wege zu finden und es roch nach Wiesen und Blumen. Je weiter der Mensch den Spuren folgte, desto mehr erkannte er sich selbst inmitten seines eigenen Lebens. Bilder tauchten vor ihm auf, Erinnerungen und Gedanken umhüllten ihn wie einen Mantel – den ein guter Freund um einen legt, wenn ein kalter Wind bläst und Regen sich ergießt. Bisher war ihm niemand begegnet, kein Menschenwesen das er fragen konnte, wo er denn nun zu den Büchern finden könne. Eine Grünanlage erstreckte sich vor ihm.
Er lief weiter und kam an einen Brunnen, umgeben von wunderbar gestalteten Säulen mit elfenhaften Gestalten. Er blickte in die tiefe, dunkle Unendlichkeit des steinernen Koloss. Nichts war zu erkennen, außer ein paar kleinen Wasserläufern die erschrocken aufschwirrten. „Der Brunnen zeigt dir Alles was du sehen willst.“ „Dinge die waren, Dinge die sind… und Dinge die sein werden.“ „Lass die Dir das Herz nicht schwer werden.“ Dann war die Stimme verschwunden.
Suchend schickte er seinen Blick umher, hastig tastete sein Augenpaar alle Begebenheiten ab. Doch nichts und Niemand rückte sich. Also nahm er die rostige Kette, die seitlich neben dem Brunnen hing und ließ sie in die Tiefe hinab, vielleicht fand er da eine Antwort auf das Flüstern. Es schien ewig zu dauern bis die Kette wieder an die Oberfläche kam, dann tatsächlich an ihr hing eine Art Teller oder Schale auf der sich das Brunnenwasser gesammelt hatte und vor sich hinschwappte. Auf den Teller starrend, so wie ein Kaninchen bei der Jagd, fokussierte er den Teller und langsam entstanden Bilder.
Sie sprachen auf ihre eigene Art zu ihm und er verstand ihnen zu folgen.
Eine Zeitlang durchwanderte er noch jenen Park um dann vor einem riesigen monströsen Felstor zu stehen, das bedrohlich auf ihn herab sah. Keine Tür, kein Tor, kein Einlass. Eine Steintafel verwittert und marode mit den Symbolen, einer Träne, einer Sonne und 2 Büchern schien der einzige Hinweis zu sein. Das musste der Weg zu den Büchern sein. Er tastete die Steintafel ab, klopfte an den Felsen, doch nichts bewegte sich. Sollte er hier warten, aber worauf. Grübelnd, kickte er einen Stein gegen die Mauer, zu seiner Verwunderung wurde aus dem Stein eine winzig kleine Blume. Er wiederholte es und abermals erwuchsen aus den kleinen Steinen Blumen mit roten Blüten und einen türkisblauen Innenpunkt. War das Zauberei, lange Zeit blieb ihm nicht um darüber nach zu denken. Mit großem Ächzen und Stöhnen öffnete sich das Tor, wie von Geisterhand und er schritt hindurch.
Eine große Halle baute sich vor ihm auf, aus gläsernen Säulen die regenbogenfarbig glitzerten, wie bei Seifenblasen oder Aquarell Straßenbilder die vom Regen bunt zerwaschen werden. Es klang wie ein zartes Windspiel, während er die Hallen durchquerte. Doch je weiter er lief, es gab kein Ende. Er war in einem Glaslabyrinth und landete bereits das dritte Mal in einer Sackgasse, teilweise klang das Windspiel nun wie ein belustigtes Kichern, wurde er beobachtet? Und wenn ja - von wem, angestrengt lauschte er dem Klang um wenigstens die Richtung zu erkennen aus der das Kichern kam.
„ Du bist abseits der Wege gegangen, nicht viele wagen den Weg hierher.“ Wer bist du und wo bin ich hier? „Die Antwort musst du selber finden, sie ist es, die es gilt zu ergründen.“ Dann war die Stimme verschwunden. „Nun wenn du das Ziel willst, dann musst du auch den Weg wollen“. Er sah sich um, eine andere Stimme meldete sich nun zu Wort und diese nahm sogar Gestalt an.
Eine Sanduhr stand vor ihm. Er starrte in das Innere, während sie mit ihm sprach, rieselte feiner Silbersand durch ihren Glaskörper. Wer bist du, wollte er fragen, doch er brachte keinen Wortlaut hervor. „ Ich bin dein Zwiegespräch oder Diskussionspartner, dein Gedankenanstoß“ .Scheinbar konnte diese Sanduhr Gedanken lesen. Du bist also mein Selbstgespräch? „Nenn es wie du’s willst“, ich bin es gewohnt, dass man mir ständig neue Namen gibt. Die Sanduhr lehnte sich an eine der Kristallsäulen und atmete tief durch. „Nun wohin gehen wir?“
Ich will die 2 Bücher des Lebens finden. „ und dann“ fragte die Sanduhr wenig beeindruckt. „Naja, ich will wissen, wo sie sind und was sie bedeuten, es verstehen.“ Wie kommen wir hier heraus?“ „Na wie kommt man aus einem gläsernen Haus?“ „Weiß nicht, man zerbricht es“, erwiderte das Menschenwesen zögerlich. „Wenn du meinst, na los zerstör die Glassäulen“. „Vielleicht könnte ja auch dein Sand helfen, wir streuen ihn hin und er führt uns aus dem Labyrinth, kannst du das?“ „Die Frage ist, ob du es kannst“, gab die Sanduhr zurück.
Flugs ergriff das Menschenwesen die Sanduhr und versuchte die obere Hälfte zu öffnen um den Sand freizugeben. Es knirschte und quietschte ein wenig, dann aber gab der Glaskörper nach und allmählich rieselte der silberfarbene Sand zu Boden. Und tatsächlich gelangten sie so ins Freie. „Na lass noch was von mir übrig, brummte die Sanduhr, deren Stimme jetzt deutlich dünner klang. Schnell stopfte das Menschwesen den Deckel rauf. „Du hast uns rausgebracht, “ stellte das Menschenwesen zufrieden fest. „Wo geht es nun zu den Büchern, sag schon? „ Finde die Stufen zur Schriftenhalle und dein Weg wird sich ergründen.“
Stufen, nach Wunderbar, vor ihnen lag nichts als unbezwingbares Gelände, fade, flache Ebene mit nichts als Gestrüpp und angedeuteten Trampelpfaden. Aber kein treppenartiges Gebilde. Es wurde dunkler und dunkler und ein Regenguss zog über die Ebene, völlig nass und frierend schlich das Menschenkind Stunde um Stunde weiter, und jede Stunde war fast ein ganzes Menschleben. Die Zeiten zogen vorbei, Tag und Nacht wechselten und dann kamen sie an eine lange, schmale Steinbrücke die metertief hinab fiel und scheinbar im Nichts endete.

Er ließ sich auf der Steinbrücke nieder und starrte erneut in den Glaskörper seines sandigen Begleiters. „Da hinunter“, kam ein leises Flüstern. Das Menschenwesen sah hinab, nichts als eine schier endlose Steinbrücke, kein Hinweis, keine Steintafel nichts, sollte er sich einfach hinabstürzen… doch er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn er kam ins Rutschen oder wurde er gar geschubst. Mit einem angsterfüllten Schrei fiel er in die steinige Unendlichkeit, ohne jedoch aufzuschlagen.
Im Gegenteil, er fiel beinahe schwerelos und bewegte sich zwischen 2 Ebenen. Das Augenlicht gewöhnte sich allmählich und er erkannte Umrisse von Holzgebilden, Regale, Schubladen, meterhohe Schränke mit den schönsten Schnitzereien die er je gesehen hatte. Bücher, hunderte Bücher und Schriften, nein abertausende Bücher zwischen denen er schwebte. Sensorartig tastete er die Regale mit den Augen ab, doch welche waren die 2 Bücher, nach denen er suchte. Es waren große, schwere gebundene Werke. Dann etliche Schriftrollen, wo sollte er da anfangen. Plötzlich gab es eine Art Windbö und er wurde zu Boden gedrückt.
Als er aufsah befand er sich wieder in einer Art Säulenhalle, ein kleiner Schreibpult aus Kristall mit einer Feder und einem Tintenfass stand vor ihm. Ein angefangenes Stück Papier lag dort.
Hier endet nun die Reise ein jeder füllt die Seiten wohl auf seine Weise. Umschlossen sind der Worte Macht, hier am Ende von Tag und Nacht. Dann endete das Geschriebene.
Das Menschenkind nahm die Feder zur Hand und begann zuschreiben, von Dingen die waren, Dingen die sind und Dinge die noch kommen würden, als er geendet hatte, öffnete sich unter ihm eine Art Treppe ,er stieg hinab und ein alter Mann trat heran.
„ Ein Suchender wie mir scheint, gewandelt auf steinigen Pfaden um nach den Büchern des Lebens zu fragen!“ Er nahm dem Menschenkind seine geschriebenen Worte ab. Unfähig auch nur eine Frage zu stellen oder wegzulaufen, folgte das Menschenkind dem Greis. Ein Zauberer? Ein Wächter der Zeit? Sie liefen eine Zeitlang durch endlos lange Gänge und kamen schließlich an eine riesige Tür die aussah wie ein überdimensionaler Buchdeckel auf dem sämtliche Buchstaben graviert waren. „Nun tritt ein“ der Greis zeigte auf die mächtige Buchstabenseite.
Die Augen fest zugekniffen und tief atmend setzte das Menschenkind den ersten Schritt durch die Buchtür, doch sein Schritt verlief im Nichts- er schien auf Watte zu gehen, federleicht kam er voran. Die Seiten waren weiß und es war hell. Doch er fand keine Worte oder Zeichen so wie er sie kannte. Sondern nur ein wohliges Gefühl, ähnlich wie bei einem Vollbad wenn man sich danach in einem Morgenmantel kuschelt, oder wenn das Schnurren einer Katze sich um den Körper legt. Wie bei einer Umarmung von guten Freunden. Es war fantastisch.
Er lief weiter hinein und fand sich inmitten Schmetterlingen die lachten und lachten und plötzlich davon flogen, wie in einem Kindertraum. In dem Augenblick verweilend, spürte das Menschenkind plötzlich einen Schauer, ein beunruhigendes Gefühl.
Da ein Spiegel, mit zitternden Händen sah es hinein, um seinen Blick gleich wieder abzuwenden, doch der Spiegel zog ihn ins Innere und er landete auf einem schwarzen Tuch, Angst stieg in ihm auf, war er auf dem Weg zur Hölle, würde er gleich von Bestien zerfressen. Nein, nichts von alledem geschah, mit allem Mut knüllte er das Tuch zusammen und warf es in eine Ecke. Das Tuch war nun zu einem schwarzen Ball geworden und rollte davon.
„ Willst du immer noch wissen, was in jenen Büchern steht“ hörte er eine leise Stimme. Die Sanduhr stand neben ihm. Das Menschenkind nickte, „Nun dann ist es dein Wille“. Die Sanduhr begann zu kippeln, kam ins Straucheln und der letzte Sand rieselte zu Boden und unter dem glasigen Boden waren die 2 Bücher zu erkennen, auf Engelsflügeln gebettet.
Der Boden gab nach und das Menschenkind fiel hindurch direkt in das Schwarze Buch, das bedrohlich schmatzend seinen Buchdeckel öffnete und es einsog.
Dunkelheit, nichts als die tiefe Dunkelheit umgab ihn. Das Menschenkind tastete sich weiter, doch auch auf der nächsten Seite gab es nichts, das ihm helfen konnte, im Gegenteil es fühlte sich alles schwer und trostlos an, nass und einsam.
Er erinnerte sich an solche Gefühle in Zeiten von Traurigkeit, schleppend wie zentnerschwerer Ballast der mit jedem Schritt schwerer wird. Durch eine Welle des Mitgefühls wurde das schwarze Buch aufgebäumt und das Menschenwesen purzelte heraus, wie bei einem Sack Konfetti bei dem man die Ecke heimlich abgeschnitten hat und sich ein bunter Papierschnipselregen ergießt.
Er lag jetzt vor dem weißen strahlend hellen Buch, es hatte den Anschein als würde es ihm zu lächeln. Ein Buch - das Lächeln konnte, doch er blieb darüber nicht lange im Ungewissen. Der Buchdeckel öffnete sich und er wurde er wie auf einem Lichtstrahl gleitend in die Seiten geführt.
Auf einer Blumenschaukel saß eine elfenhafte Gestalt, sie sprach kein Wort und dennoch hatte er das Gefühl Willkommen zu sein. Mit jedem Schaukelschlag kam er die Seiten voran, doch kurz bevor das Buch endete, wurde es angehoben. Es fühlte sich an, als ob jemand versuchte ein Lesezeichen rauszuschütteln, um es in einem neuen Kapitel festzustecken.
Aus der Traum… das Menschenkind saß wieder am Boden, der Greis trat abermals heran.
„Nun du hast gesehen, was in den Büchern geschieht, es ist ein ständiges Geben und Nehmen. Kommen und Gehen.“
Du entscheidest, was du anfängst mit deiner Zeit, die Dir in den 2 Büchern des Lebens gegeben ist.
Der Greis gab ihm seine geschriebenen Worte zurück und auf der letzen Seite war zu lesen, und dann lebte er glücklich bis ans Ende seiner Tage. „Und das werde ich, flüsterte das Menschenwesen.“ Und ging in das weiße Buch zurück…
ENDE                         Angie 05/2011

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