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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Isbahan.
Veröffentlicht: 19.04.2021. Rubrik: Unsortiert


Fifty Shits Of Grey

Oder: Fifty shades oft shit to be gray.

Es gab eine Zeit, da habe ich nicht drüber nachgedacht. Ich hatte weder Zeit noch Lust, jedes einzelne, graue Haar persönlich zu begrüßen, keine Zeit für eine Menstruations-Abschieds-Party, keine Zeit für Neumondgetrommel und schamanisches letzter-Tampon-Bestattungsritual, keine Zeit, mitzukriegen, dass ich allmählich älter werde.
Ich bin eine gestandene Frau. Wenn ich auch lieber sitzen würde. Keine Ahnung, wie lange ich schon nicht mehr jung bin. Mein Bindegewebe sagt: Schon länger.
Ich steh nur noch selten vorm Spiegel. Weil ich meinen Gesichtsausdruck nicht ertrage, der zwischen Erstaunen und Fassungslosigkeit mäandert, wenn ich mich nackt sehe.
Da hilft kein gutes Wort, kein Trost. „Auch das geht vorbei“, hieße, zu Ende gedacht: … wenn du erst unterm grünen Rasen liegst. Und wütend die Gänseblümchen von unten durch den Torfmull trittst und schreist: „Aber ich war doch erst gestern noch aufm Santana-Konzert!“

Eigentlich habe ich überhaupt kein Problem damit. Womöglich ein klein wenig Übergewicht - und ein klitzekleines Alkoholproblem - und auch erst, seit meine Gynäkologin beim Ultraschall festgestellt hat: „Hier kann man es schon ganz deutlich sehen ... “
„Was?“, habe ich beunruhigt gefragt.
„… das Schild an ihren Ovarien: SALE – ALLES MUSS RAUS!“
Schön, dass es Frauen gibt, die Humor haben.
Von da an war ich Alterspubertier. Eine Shabby-Chic-Else. Menopausales Dörrobst.
Keine Zielgruppe mehr für Selbstoptimierungs- und Ratgeberliteratur: Weil es sich nicht mehr lohnt. In meinem Alter. So fing nun jeder zweite Satz an.
Lieferanten, Busfahrer und Handwerker nannten mich immer häufiger „junge Frau“ . Was soll das? Ich quatsche alte, dickbäuchige Silberrücken ja auch nicht mit „knackiger Bursche“ an.

Wer in einem Land zu meiner Zeit geboren ist - als es noch Worte gab wie: Sendeschluss, Testbild und Mittagsruhe - und eine Entmietung aus dem mütterlichen Uterus noch Zuhause, auf dem Küchentisch stattfand, der hat bereits einiges durchgemacht: Eine schöne Kindheit, wenn die Erziehungsberechtigten es zuließen.  Frische Luft und naturnahes Spielen war Pflicht. Nur im äußersten Notfall ließ man Kinder tagsüber wieder in die Wohnung, wenn man sie nach draußen geschickt hatte: “Geh raus, spielen – und wehe, du klingelst! Wenn’s blutet, mach Spucke drauf und wenn du Hunger hast: Klau Äpfel!“
Horden vernachlässigter Kinder rotteten sich auf überfüllten Spielplätzen in Banden zusammen, um Verstecken, Fangen, Völkerball, Gummitwist oder mit Murmeln zu spielen. Jedenfalls sah es von außen so aus.
In Wirklichkeit quälten und drangsalierten Ältere ihre jüngeren Opfer, indem sie, qua Körpergewicht, diese hoch oben auf der Wippe, „verhungern“ ließen. Mit der Kaltblütigkeit von Serienkillern blieben sie auf ihrem Sitz hocken, während das Opfer hoch oben in der Luft hing und ängstlich um Gnade bettelte, flehte, weinte. Manch waghalsiger Todessprung eines Fünfjährigen - mit Landung auf steinhartem Sand-Schottergemisch - war teilnehmend zu beobachten. Falls das Opfer dies überlebt hatte und tränenblind und laut brüllend nach Hause lief, lauerten ihm bereits hinter der nächsten Hausecke kindliche Mafiosi auf, die ihn nach Kleingeld, Süßigkeiten oder Spielzeug filzten.

Will sagen: Es war nicht immer leicht, jung zu sein. Und dieser Survival Of The Fittest-Contest zog sich weiter durch mein ganzes Leben: Die flotten Sechziger, die wilden Siebziger, die schrillen Achtziger … Was habe ich in meinem Leben nicht alles gesehen, gegessen und getrunken: Mett-Igel, Jacobs Krönung, Buttercreme-Torte, Ahoi-Brause, Toast Hawai, Feuerzangenbowle … irgendwann war ich trendresistent.
Trotzdem habe ich Kurse wie „Sinnliches Beckenbodentraining“ und „Postmenopausale Lyrik des 20. Jahrhunderts“ an der VHS belegt. Neben „Blumenampeln aus Makramee“ und „Töpfern für Anfänger“. Ich war immer vielseitig interessiert.
Auch an Männern. An vielseitigen Männern. Vom juvenilen Naturburschen bis zum glutäugigen Latin Lover war viel Schönes dabei. Bis ich in die Wechseljahre kam und unsichtbar wurde. Also für gutaussehende Naturburschen und glutäugige Muselmanen, für die ich höchstens noch als Milf durchging, die für den Liebesdienst so einiges springen lässt.

Wenn ich dem unaufhörlichen Verfall und der Erschlaffung meines Bindegewebes etwas Positives abringen soll, dann dies: Das Flirten ist mit fortschreitendem Alter deutlich weniger strapaziös: Ich muss nicht mehr auf High Heels meinen Mr. Lover-Lover auf der Tanzfläche mit einer kompletten Choreo und shakiraesken Bewegungen umzappeln. Ich darf jetzt schön relaxed sitzenbleiben und ihn wie eine argentinische Tango-Tänzerin mit Blicken zum Liebesdienst heranwinken. Von mir wird nicht mehr erwartet, dass ich einen Strip in Lack und Leder hinlege oder an der Stange turne. Statt dessen darf ich nach einem opulenten Essen meinen oberen Hosenknopf öffnen und einer entspannten Zeit der Verdauung entgegensehen.

Wer aber behauptet, es gäbe in der Menopause angeblich tausend Chancen zu entdecken und Sechzig sei das neue Vierzig, der lügt.
Es sei denn, frau möchte vier Stunden täglich zur körperlichen Ertüchtigung nach der Pilates-CD von Barbara Becker turnen, morgens Algen-Schlamm-Smoothies zur Entschlackung trinken und sich in wandverspiegelten Muckibuden demütigen lassen. Wo junge, muskelbepackte Männer dir dabei zuschauen, wie du dir auf einem Folterinstrument, das sich „Beinpresse“ nennt, deine Beine zur Blutgrätsche spreizen lässt und das vom „Power House“ gebildete Zentrum so verzweifelt wie vergeblich anzuspannen versuchst und dabei komische Grimassen schneidest.
Für diesen Shit möchte ich endlich mal zu alt sein – und nicht mehr optimistisch genug, dass ich mit einem Knackarsch einen gutmütigen und schlichten Hulk finde, der meine Vita finanzieren möchte.
In meinem Alter träumt man höchstens noch davon, sich Mariah-Careyesk auf seinem Sofa zu drapieren und stundenlang zu schlemmen, guten Wein zu trinken und sich horizontal möglichst wenig zu bewegen - und ab und zu von einem halbnackten Bodybuilder zum WC getragen zu werden …

Apropos Alpträume: Ich komme an keinem Seniorenheim mehr vorbei, ohne Kruzifix und Knoblauch in der Tasche. Irgendwas zwischen Mittelalt, Silver Ager, Master Consumer und Alte Schachtel zu sein, ist überhaupt nicht lustig. Und dann soll frau nach den Jahren des Wechsels auch noch die Göttin in sich entdecken. Sagt Frau Schöneberger. Die ist gerade Vierzig … also das neue zwanzig. Was aber, wenn von Doktor Mang optimierte, öffentliche Frauen wie Frauke Ludowig mir Angst machen? Weil sie mir weismachen wollen: Shaping-Unterwäsche, High Heels und Botox müssen sein, aber: „Ich muss jetzt nicht mehr schön sein. Ich tu’ das nur für mich. Ich esse keinen Zucker mehr und keine Kohlehydrate, trinke keinen Kaffee und keinen Alkohol, ich habe keinen Sex mehr und schlafe sehr viel …“
Da könnte ich laut schreien: „Ja, und warum willst du dann alt werden, dumme Kuh?“

Bevor ich mich in schlammfarbene Spanx quetsche, Busen und Beckenboden unters Kinn hochzurren lasse, werde ich lieber zu einem, auf Krawall gebürsteten Golden Girl mit lila Haaren, das sich durch diverse Laken schwitzt, schwarze Haare von Oberlippe und Kinn zupft und die junge Kassiererin bei ROSSMANN anfaucht: „Halten sie meine Tena Ladys und das Vagisan extra so hoch, junge Dame, damit hier jeder in der Schlange mitkriegt, was sie über ihren Scanner ziehen?“
Oder ich werde so eine durchgeknallte Alte, die von kleinen Mädchen gefragt wird: „Oma, riechst du so komisch, weil du so allein bist und niemand dich liebhat …?“

Was bleibt also einer reifen Frau - außer einer Mischung aus Feminismus und Alkoholismus? Ein Leben lang habe ich selbst für fällige Wechsel gesorgt. Auf einen „Wind of Change“ in den Zellen könnte ich jetzt liebend gerne verzichten. Meine Trennungskompetenzen sind ordentlich entwickelt – was brauche ich jetzt Möpse, die nicht mehr keck am gewohnten Platz hervorlugen, sondern sich auf Selbstfindungstrip nach Osten, Westen oder Süden befinden?
Es ist ein verdammter Mist: Kaum hat man als Frau im Oberstübchen alles beieinander, bricht einem der Rest weiter unten schon zusammen!

Und falls wieder einer dieser Telefon-Verkäufer anruft: „Herzlichen Glückwunsch, Frau S. - sie haben gewonnen!“, werde ich mit piepsiger Greisinnen-Stimme antworten: „Und ich möchte mit Ihnen über Gott reden … !“
Und dann hole ich meine Trillerpfeife raus und pfeife so laut ich kann „Wind of Change“ …

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 20.04.2021:
Herrlich übertrieben und doch so nah am Leben dran! 😂




geschrieben von Isbahan am 20.04.2021:
Danke @susi56 - freut mich, dass Dir der Text gefallen hat. Würdest Du solche Geschichten auch in Buchform lesen? Es heißt immer: Kurzgeschichten liest kein Mensch. Ich finde: Doch - wenn sie unterhaltsam geschrieben sind!




geschrieben von Dirk Hoffmann am 21.04.2021:
Freut mich, hier noch von Dir lesen zu können. Gruß, Dirk




geschrieben von Susi56 am 21.04.2021:
Ich bin Kurzgeschichten-Fan und verstehe nicht wirklich, warum das so schlecht geredet wird. Bei mir rennst du mit deiner Frage offene Türen ein. 😀 Schon mal über Self publishing nachgedacht?




geschrieben von Isbahan am 22.04.2021:
@susi56: Ja, ich habe schon mal daran gedacht - und es verworfen, weil ich diese Exemplare nicht so "wertig" fand wie mein erstes, in einem Kleinverlag erschienenes Buch. Außerdem bin ich an einem guten Lektorat vor dem Druck interessiert, ich halte meine Texte für noch nicht "druckreif", da könnten Fachleute sicher noch mehr draus machen. Lieber @Dirk Hoffmann, schön, dass Du hier bist! Du kannst mich auch bei "Leselupe" finden, Du weißt ja, unter "Humor und Satire",wenn Du magst. Liebe Grüße und: Wir lesen uns!

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