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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Isbahan (Isbahan).
Veröffentlicht: 15.02.2021. Rubrik: Unsortiert


Ihr inneres Kind ist nicht hochbegabt - was tun?

Es ist nie zu spät, damit anzufangen, sich kindisch zu benehmen. Wie diese Ratgeber-Autoren, die Ihnen suggerieren, Ihr inneres Kind in Ihnen müsse immer irgendwas finden. Und Sie müssten es befreien, verstehen, an die Hand nehmen, sein Potenzial entwickeln, Frieden schließen ...
Ersparen Sie sich nutzlose Ratgeber-Literatur, gehen Sie in sich und entdecken Sie mit mir: Sie sind viele!
In Ihnen schlummern: Der kleine Narzisst, das kleine Arschloch, die kleine Dumpfbacke,das kleine Monster, der kleine Honk,die kleine Hexe ... und andere Blagen.
Ich nehme Sie mit auf die Reise zu sich selbst, in Gefilde, die Sie bis jetzt niemals erahnt, geschweige denn für möglich gehalten hätten: Sie haben ein reiches Innenleben, lassen Sie sich das gesagt sein. Frohlocken Sie, tanzen Sie Ihren Namen und hüpfen Sie in eine Inneres-Kind-gerechte Zukunft!
Doch zunächst müssen wir uns jenen Schatten und einer verborgenen Dynamik in uns nähern, die ihr inneres Kind bis jetzt eingemauert und gefangengehalten hat: Ihre Eltern.
Ich weiß, das ist hart. Ich weiß, wovon ich rede: Es ist schwer, sein Leben zu meistern, wenn man so gar keine Idee davon hat, wer man ist. Aber sind die inneren Muster erst einmal verstanden, können Sie leichter erbrechen. Pardon: ... können Sie sie leichter durchbrechen.

Sie hatten eine anstrengende Kindheit: Ihre Eltern waren schwer erziehbar.
Womöglich wurden Sie missbraucht. Zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse haben ihre Eltern Sie sonntags auf endlose Wanderungen oder in die Kirche mitgeschleppt, wo Sie ihren kleinen Kinderpopo auf harten Holzbänken wund gescheuert haben. Und zum Geburtstag von Tante Käthe mussten Sie immer diese kratzigen Wollpullover anziehen. Ganz zu schweigen von der Folter, im elterlichen Wohnzimmer mit Roland Kaiser, Uriah Heep oder Vivaldi beschallt zu werden, bis Ihnen fast die Ohren abgefallen sind.
Da war so viel Wut, so viel Hass und Verzweiflung in Ihrer kleinen Kinderseele. Am Liebsten wollten Sie achtsam morden. Oder bewusst lynchen.
Doch das wagten Sie nicht. Sie waren so jung, abhängig und Sie brauchten das Taschengeld ...
Viele Menschen haben durch eine restriktive Erziehung erfahren müssen: An dir ist irgendwas grundsätzlich nicht in Ordnung. Und das stimmt. Ich meine, das stimmt: Eine Scheißerziehung, sowas!
Besser für Ihre Entwicklung wäre ein umgekehrtes Fürsorgeverhältnis gewesen: Kinder erziehen ihre Eltern.
Doch wir zahlen einen hohen Preis für unser Abhängigkeitsverhältnis zu unseren Eltern und Respektspersonen: Wir unterwerfen uns, vermeiden oder überkompensieren. Und wenn wir uns als Erwachsene mal ehrlich im Spiegel betrachten, sehen wir nichts als den biederen Bürohengst, die vorgealterte, untervögelte Hausfrau oder den nichtsnutzigen Hulk im Fitness-Studio.
Doch das muss nicht so sein. Bis zu einem gewissen Grad ist es normal und gesund, unliebsamen Persönlichkeitsanteilen besser aus dem Weg zu gehen. Und sich trotzdem für den Größten zu halten.
Widmen wir uns den unreiferen, unangemesseneren, inneren Anteilen, wie dem inneren Kind. Jeder von uns trägt es in sich!
Die Koordinaten der Landkarte unserer Seele sind gar nicht so kompliziert, wie miese Ratgeberliteratur Sie bisher glauben machen wollte. Vertrauen Sie mir: Gestern haben Sie tief in den Abgrund ihrer Seele geschaut. Heute sind wir einen Schritt weiter:
Sie brauchen keine Menschen mehr wie Ihre Eltern, die Ihnen unentwegt erzählen, was Sie alles falsch machen und wie es besser geht. Die Sie gezwungen haben, Hausaufgaben zu machen und Rostbraten mit Klößen zu essen.
Um Ihr inneres Kind hochleben zu lassen, rate ich zu ungebremster Bedürfnisbefriedigung. Tun Sie hemmungslos alles, was Sie später bereuen werden und was objektiv unklug ist. Wenn Sie es richtig machen, landen Sie irgendwann in einer Selbsthilfegruppe und haben viele Fragen: Wie konnte ich nur? Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Haben Sie Wutausbrüche. Lassen Sie Ihre Hasstiraden am besten im Büro freien Lauf und nennen Sie Ihren Chef einen reaktionären Arsch, Ihre Chefin eine Bitch mit Menstruationshintergrund. Trotzige Kündigungen sind eine vielbefahrene Sackgasse, die Sie nicht auslassen sollten. Aber gehen Sie nicht, bevor Sie nicht: „Dafür räche ich mich!“ an die Hauswand Ihrer Firma gepinselt haben.
Ärger, Wut und Trotz sind wunderbar unreife Zustände Ihres inneren Kindes, die Sie auch im Winter warm und durchblutet halten.

Falls Sie zu Bluthochdruck neigen: Werden Sie lieber depressiv. Aber suchen Sie dabei die Öffentlichkeit: „Kevin allein mit einer Familienpackung Prozac zu Haus“ wird sich keiner angucken wollen.
Ihr verletztes, inneres Kind braucht Publikum. Leiden Sie öffentlich. In Talkshows, Arztpraxen, Social Media, beim Friseur ... generieren Sie Aufmerksamkeit. Heulen Sie Rotz und Wasser vor Ihrer Webcam, machen Sie Selfies von halbherzigen Suizidversuchen, zeigen Sie der Welt, wozu Sie fähig sind, wenn Sie keine Likes erhalten!

Wenn Sie mit ihrem inneren Kind groß rauskommen wollen: Erfinden Sie Ihre traurige Geschichte vom Mobbing-Opfer. Geben Sie sich ein bisschen Mühe, irgendjemand wird sich schon finden lassen, der Sie in der Kindergartenzeit „fette Kuh“ genannt oder: „Geh weg, du stinkst!“, gerufen hat.
Wenn Sie ganz cool sein wollen, können Sie damit sogar Geld verdienen: Nennen Sie sich „Comedian“ und mobben Sie öffentlich jene, die über Sie gelacht haben, als Sie mit Ihren Eltern und dem Wachtturm in der Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick gestanden haben. Jetzt machen Sie die anderen gnadenlos fertig, Tschakka!

Haben Sie den Mut, sich lächerlich zu machen. Hopsen Sie volltrunken im kurzen Röckchen und ohne Höschen über die Schinkenstraße am Ballermann. Mit Mitte sechzig.
Gehen Sie aus sich heraus und mit Strapsen, High Heels und Latexklamotten ins Büro. Wenn Sie der Chef sind.
Outen Sie sich als Menschenfresser, Ziegenliebhaber oder Schlagerfan. Hauptsache, Sie schockieren. Ihr inneres Kind wird jubeln und sich endlich mal beachtet fühlen. Denken Sie daran: Ihre Gefühle, Bedürfnisse, Obsessionen sind nichts Peinliches. Wenn man sie zur pompösen oder pornorösen Kunstfigur macht.
Apropos Kohle: Nun haben Sie ein ungefähres Gefühl dafür, was in Ihnen schlummert. Dank dieses wunderbaren, universell anwendbaren Ratgebers. Denken Sie mal scharf nach, was ich jetzt von Ihnen will:
Kauf! Mein! Buch!

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Nordlicht am 15.02.2021:

Ja, beim Lesen habe ich diverse innere Kinder auch bei mir gefunden




geschrieben von Isbahan am 16.02.2021:

Jou. Ich glaube, ich kenne die alle ;)

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