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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 22.07.2021. Rubrik: Unsortiert


Im Pfarrhaus

Am Abend eines anstrengenden Arbeitstages saßen der Pfarrer und seine Frau (natürlich war es ein evangelischer, die katholischen dürfen ja keine haben) in ihrem Wohnzimmer und ließen die Ereignisse der vergangenen Stunden Revue passieren.

„Heute war es schwierig im Bibelkreis, Dorothea“, seufzte der Geistliche. „Sowieso ist ja außer mir nur ein einziger Mann dabei, und gerade der war heute verreist. Ich war also allein mit acht Frauen, und ausgerechnet heute stand Lukas 10,38-42 auf dem Programm: Jesus bei Maria und Marta!“

Die Religionslehrerin Dorothea wusste sofort Bescheid. „Oh je, mein armer Theodor, das war bestimmt heikel. Maria hört Jesus zu, und Marta fragt ihn, ob es ihn gar nicht störe, dass ihre Schwester ihr die ganze Arbeit überließe. Er solle Maria doch sagen, sie solle ihr helfen. Jesus antwortet: ‚Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.‘“

„Genau“, nickte Theodor. „Bekanntlich haben selbst sehr gläubige christliche Hausfrauen ihre Schwierigkeiten mit ‚Eins aber ist not‘, was ja im Umkehrschluss bedeuten kann, Hausarbeit sei nicht nötig…“

Gespannt fragte Dorothea: „Und? Wie hast du das Problem gelöst?“

„Nun, ich sagte, Jesus habe ausdrücken wollen, dass das Wort Gottes wichtiger ist als alles andere. So hätten Marta und Maria ihn sicherlich auch verstanden. Dass seine Formulierung den Umkehrschluss erlaubt, Hausarbeit sei nicht notwendig, habe in der von Lukas geschilderten Situation offenbar niemand bemerkt. Im Übrigen müsse man die Zeit bedenken, in der das Gespräch stattfand. Damals mussten Frauen die Männer bedienen, und ihre Arbeit wurde fast ebenso gering geschätzt wie die der Sklaven. Das nahmen alle als selbstverständlich hin. Auch Marta beklagt sich ja nur darüber, dass Maria ihr nicht hilft, nicht über die Hausfrauenpflichten an sich. Heute hätte Jesus wahrscheinlich gesagt: ‚Komm, Marta, hör auch du mir zu, und danach helfen wir dir alle beide!‘“

Die Pfarrersfrau war begeistert. „Hast du das tatsächlich so gesagt? Das ist ja toll!“

„Nicht wahr?“, schmunzelte ihr Mann geschmeichelt. „Die acht Damen habe ich damit jedenfalls ruhiggestellt.“

„Wirklich super! Dann machen wir es aber ab sofort auch so. Du deckst jetzt den Abendbrottisch, und danach gehst du in den Keller und holst…“

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Weißehex am 23.07.2021:

Was für eine hübsche Geschichte!




geschrieben von Christine Todsen am 23.07.2021:

Freut mich, dass sie Dir gefällt!

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