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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Lisa.
Veröffentlicht: 16.04.2018. Rubrik: Nachdenkliches


Für immer im Herzen

Nie hatte ich gedacht, dass mir ein solches Ereignis geschehen könnte. Zwar besteht das halbe Fernsehen von Tod, Trauer, Enttäuschung und Verzweiflung. Oft denkt man darüber nach, was wäre, wenn man so etwas selber erleben müsste. Aber genau so schnell wie dieser Gedanke entsteht, verschwindet er auch wieder. Wir wollen alle nicht an solch ernste Themen denken. Doch wenn wir sie dann selbst erleben, merken wir erst, was ein wirkliches Problem ist. Alle Probleme, die man vorher als schrecklich ansah, wirken plötzlich als klein, unwichtig und vor allem lächerlich.

Erst wusste ich gar nicht, was meine Mutter meinte und was nun eigentlich Sache war. Als ich dann realisierte, dass sie sagte, mein 18-jähriger Bruder sei heute am 26.12.2016 bei diesem Autounfall ums Leben gekommen, musste ich schreien. Mir war übel und ich wusste nicht wie ich mich dagegen wehren sollte. Also schrie ich. Ich schrie mir die Seele aus dem Leib. Jedes Mal wenn jemand etwas sagte schrie ich. Ich vergrub meinen Kopf in meinen Schal und wollte die Augen nicht mehr öffnen. Meine Mutter konnte nicht weinen, weil sie es nicht einmal glauben konnte. Leider konnte sie mich auch nicht trösten, was sie sonst immer tat wenn ich weinte, denn in diesem Moment war sie mindestens genau so zerstört wie ich. Mein Appetit war verschwunden, mein Körper wollte nicht einmal Flüssigkeit zu sich nehmen. Das Einzige, was er wollte, war meinen Bruder in den Armen zu halten. Draußen war es kalt und mit Wolken bedeckt - passend zur Stimmung.
Nach und nach kamen meine Tanten, Opa und Oma und meine zwei liebsten Freundinnen. Vielleicht meinen viele Leute, man würde an einem solchen Tag allein sein wollen, aber das traf bei uns und vielen anderen nicht zu. Obwohl man mit den Anwesenden nicht viel redet, es tut einfach gut, nicht allein zu sein. Einfach in Stille das gemeinsame Leid teilen.
Die kommenden Tage kamen mir vor, wie ein Film im Zeitraffer. Ich weiß nicht mehr viel und vor allem was wir wann gemacht haben. Ich weiß aber noch, dass wir zum Bestatter mussten, um eine Todesanzeige für die Zeitung und ein Sterbebild zu gestalten. Wir gingen auch noch zum Schrottplatz, wo meine Eltern – zum Glück ohne mich - die übrigen Sachen aus dem zerstörten Auto holten. Wie durch ein Wunder blieb das Leinwandbild, auf dem er beim Almabtrieb zu sehen war, ganz. Dies bekam er am Tag zuvor von seiner Freundin zu Weihnachten geschenkt und legte es in den Kofferraum. Außer ein paar Kratzer, die kaum zu sehen sind, bekam das Bild nichts ab und nun hängt es bei uns im Flur.
Ich weiß nicht mehr an welchem Wochentag es war, aber wir durften meinen Bruder noch einmal ansehen. Auf der einen Seite tat es gut, da man einfach eine Bestätigung hatte, dass er nicht mehr bei uns ist, aber ich konnte danach nicht mehr viel sagen. Normalerweise bin ich ein sehr offener Mensch, mit dem man viel reden kann, aber in diesen Tagen, hatte ich meine Stimme, mein Lachen und meinen Glauben verloren.

Wie ich das alles wiedergefunden habe? So einfach war das nicht. Aber ich hatte die aller beste Medizin, die man sich vorstellen kann. Meine beiden Freundinnen waren immer für mich da. Sie fragten mich jeden Tag, wie es mir ging und was sie für mich tun könnten. Man kann sich nicht vorstellen, wie schön es ist und wie gut es tut, wenn man nach ungefähr einer Woche wieder lachen kann und darf. Es ist so befreiend. Unglaublich. Wir gingen zu dritt zum Reiten, man bedenke, dass ich das nicht kann, aber es hat so Spaß gemacht. Das aller schönste war, dass ich wieder lachen konnte. Aber trotzdem hatte dies auch einen Nachteil. Als ich nach Hause kam, hatte ich ein unfassbar schlechtes Gewissen, weil ich meine Eltern trauern sah, während ich glücklich war, wieder etwas Freude zu spüren. Jetzt weiß ich, dass dieses schlechte Gewissen nicht berechtigt war. Mein Bruder hätte nicht gewollt, dass ich zu Hause in meiner Trauer untergegangen wäre.
Ursprünglich war Silvester mit der ganzen Clique geplant. Richtig fette Silvesterparty. Mir war aber sofort klar, dass ich dort nicht hingehen konnte. Also fand ich mich damit ab, Silvester mit meiner Familie in Trauer zu verbringen. Zum Glück aber, kam von meinen zwei Freundinnen die Idee, mit ihnen zu "feiern". Gesagt, getan. Die zwei sagten unserer Clique ab, um mit mir Silvester zu feiern. Wahnsinn. Wir feierten zum Glück nicht bei mir zu Hause, sondern bei einer von den Beiden. Vraps gab es zum essen, die wir selbst zubereiteten, dazu etwas Sekt und Wein. Es war für mich einfach nicht selbstverständlich, was sie für mich taten und ich könnte jetzt noch vor Rührung heulen, wenn ich daran denke, wie sie mich unterstützten. Ich wusste ab diesem Zeitpunkt, wer meine richtigen, wahren Freunde sind.

Jetzt kam der Alltag ohne meinen Bruder ins Spiel. Keine Streitereien mehr, keine Gespräche mehr, keine Albereien mehr, zuhörenden Ohren mehr. Es tat so weh, das alles nicht mehr zu haben. Es war so komisch, beim Tischdecken statt fünf Teller nur noch vier hinzustellen. Das war eine Gewohnheit, wofür ich sehr viele Tage, Wochen, Monate benötigte um sie mir abzugewöhnen. Nun... Es war kein leichter Weg, aber er ist zu schaffen. Ich weiß nicht, ob ich alles richtig gemacht habe – sicher nicht – aber inzwischen geht es mir wieder besser. Ich kann auch nicht sagen, dass es komplett vergessen ist, denn seinen Bruder wird man nie vergessen, egal wie sehr man es zu verdrängen versucht. Es wird immer Tage geben, an denen man alte Bilder sieht, durch die Umwelt an ihn erinnert wird oder einfach an ihn denken muss. Es geht einfach kein Tag vorbei, an dem er nicht in meinen Gedanken ist. Aber das ist gut so, denn mein Bruder gehört nun mal zu meinem Leben ich habe 16,5 Jahre mit ihm verbracht, die ich wunderschön fand.

Jetzt bin ich sehr stolz, so einen Bruder gehabt zu haben. Er wird für immer in meinem Herzen sein, darum werde ich auch immer um ihn trauern. Aber das macht nichts, denn es tut gut die Gefühle zuzulassen. Jeder hat seine eigene Art und Weise zu trauern, darum darf man keinem irgendetwas übel nehmen. Wenn jemand in ein Festzelt geht nach einem solchen Ereignis, dann ist es eben seine Art und Weise zu trauern und wenn es ihm wirklich nicht gut getan hat, wird er das selbst merken und es sicher nicht wieder tun.

Inzwischen habe ich meine Freude wiedergefunden, mein Lachen. Das Einzige, was ich an mir merke, was sich verändert hat: manchmal fehlen mir die Worte. Reden, was mir früher gar nicht schwer fiel, macht mir manchmal etwas Schwierigkeiten. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Ich habe wunderbare Freundinnen, die ich seit dem sehr zu Schätzen weiß. Ich habe einen Freund, der mich glücklich macht, gleichzeitig aber auch mit mir trauern kann.

Unser Mobile hat sich wieder halbwegs ausgeglichen. Er wird nie vergessen sein. Nie. Vielleicht war es eine Prüfung an uns, was ich trotzdem nicht verstehen würde, denn warum muss ein Mensch sterben, um die Familie vor eine Herausforderung zu stellen? Ist das nicht total ungerecht? Menschen erblicken das Licht der Welt nur als Mittel zum Zweck? Ist es Gott, der das entscheidet oder ist es einfach Schicksal? Ich weiß es nicht und werde es auch nie erfahren, warum er so früh gehen musste. Da bin ich nicht die Einzige, ich weiß. Ich glaube einfach, dass man nicht so viel über dieses „Warum“ nachdenken sollte, sondern Dinge, die passieren einfach hinnehmen und versuchen mit ihnen umzugehen auch wenn es verdammt schwer ist. Es ist zu schaffen. Man muss nur daran glauben und darf auf keinen Fall aufgeben, komme was wolle.

Lieber Bruder,
ich weiß, dass du bei mir bist und auf mich aufpasst. Ich vermisse dich unendlich aber das weißt du bestimmt. Ich habe keine Ahnung, was du da oben so treibst und wie es da ist. Wenn ich an deine Hände und an dein hübsches Lachen denke, kommen mir die Tränen, weil ich das alles einfach so vermisse. Es ist unbeschreiblich... Aber eins weiß ich sicher: Wir werden uns wieder sehen und darauf werde ich mich freuen, wenn es soweit ist. Bis dahin werde ich aber mein Bestes geben glücklich zu leben und mit Liebe mein Leben genießen. Ich werde auch die traurigen Stunden zulassen, denn sie gehören dazu, weil du einfach nicht mehr da bist. Du warst alles für mich. Ich hab dich lieb.

In Liebe deine Schwester.

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