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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 19.12.2021. Rubrik: Total Verrücktes


Die wahlentscheidende Katze

In der winzigen Republik Hinterland stand eine Wahl an. Seit Jahrzehnten hatte entweder die A- oder die B-Partei den Premierminister (m/w/d) gestellt. Auf die übrigen Parteien entfielen immer nur wenige Prozent der Stimmen.

Das Namensrecht des Zwergstaates ähnelte dem isländischen, jedoch mit dem Unterschied, dass nach meist zwei Vornamen stets der Mutter-, nie der Vatername kam, gefolgt von -sohn bzw. -tochter. Nicht-binäre Hinterländer durften sich stattdessen -kind nennen, scheiterten aber bisher mit dem Antrag, dass dies die allgemeingültige Namensform werden solle. Angeredet wurden alle mit ihrem ersten Vornamen und per Du.

Wer aufgrund des oben Gesagten glaubt, in Hinterland lebten besonders aufgeschlossene, sympathische Menschen, den muss ich leider enttäuschen. Auch dort artet ein Wahlkampf regelmäßig zur Schlammschlacht aus.

Da der amtierende Premier nicht mehr kandidierte, war die Spannung groß, wer ihm folgen würde. Für die A-Partei ging Lennart Anton Bertassohn ins Rennen, für die B-Partei Selma Karin Elsbethstochter.

Am Abend des Tages, als die beiden Kandidaten gekürt worden waren, wurde Lennart von einem Unterstützer namens Gert angerufen: „Selma wohnte bis vor zwei Monaten in einem Haus neben unserer Schrebergartenkolonie. Als sie wegzog, hat sie ihre Katze einfach hiergelassen! Ich habe gesehen, wie das arme Tier zwischen den Schrebergärten umherirrte. Jetzt wohnt es bei mir!“

„Fantastisch!“ Lennart sah sich bereits als Premier. „Wenn die Hinterländer eins nicht verzeihen, dann ist es das Aussetzen von Haustieren. Morgen Abend tritt die herzlose Hexe bei einer Veranstaltung in der Hauptstadt auf. Am besten gehst du mit der Katze auf dem Arm hin und stellst Selma vor allen bloß! Ich werde im Publikum sitzen!“

Und so geschah es. Als die Kandidatin wie eine Primadonna die Bühne betreten hatte, sprang Gert mit einem Fellknäuel auf dem Arm hinzu. „Hallo Selma, dies ist deine Katze, die du beim Umzug ausgesetzt hast!“

Selma wurde bleich, log aber dann sofort geistesgegenwärtig: „Ach, da ist ja meine Kitty! Sie ist mir weggelaufen! Ich habe sie überall gesucht! Wo war sie denn?“ Sie streckte die Hand nach der Katze aus – und schrie laut auf, als Kitty kräftig zubiss!

Jetzt war der Tumult groß. Ein Arzt aus dem Publikum eilte herbei und kümmerte sich um die blutende Selma. Auch deren Gegenkandidat Lennart, der wie verabredet im Saal gesessen hatte, kam nach oben. „Gert, mach dir nichts draus! Ist doch Selmas eigene Schuld! Der Biss hat jedem gezeigt, dass Kitty Selma hasst und dass dies einen Grund haben muss! Prima für uns!“

Ganz so einfach war es leider nicht. Die Juristen beider Parteien traten in Aktion. Vereinfacht ausgedrückt bestand der Konflikt darin, dass Selma möglicherweise wegen des Aussetzens eines Haustieres, die Gegenseite dagegen möglicherweise wegen Körperverletzung belangt werden konnte (was juristisch schwerer wog). Nach Ansicht von Selmas Anwälten hätten Gert und Lennart nämlich wissen müssen, dass die Katze zubeißen würde.

Hier jedoch biss sich die Katze in den sprichwörtlichen Schwanz, denn die Anwälte der beiden konterten: „Wenn ihr unseren Mandanten vorwerft, dass sie den Biss hätten voraussehen müssen, dann gebt ihr damit zu, dass eure Mandantin ihre Katze misshandelt hat! Warum sonst hätte das Tier gebissen?“

Selmas Anwälte rieten ihr, das Aussetzen der Katze zuzugeben und dadurch eine Verurteilung der Gegenseite wegen Körperverletzung zu ermöglichen. Jedoch zeigten sämtliche Meinungsumfragen der Hinterländer Medien, dass die tierliebe Bevölkerung beide Vergehen gleich schlimm fand…

Der Wahltag kam herbei, ohne dass der Streit geklärt worden wäre. Nach dem Motto „Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte“ siegte zum ersten Mal in der Geschichte Hinterlands der Kandidat einer kleinen Partei. Oder besser „die Kandidatenperson“, denn Sascha Dominique Ellenskind war nicht-binär. Der Hauptgrund für den Sieg war Saschas Versprechen gewesen, Kitty in diesem Fall als Mäusefängerin in der Amtswohnung einzustellen, gemäß dem Vorbild des britischen Regierungskaters in der Downing Street. Dies geschah, und wenn Kitty nicht inzwischen im Katzenhimmel ist, dann fängt sie noch heute Mäuse.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christelle am 21.12.2021:
Kommentar gern gelesen.
Spannend geschrieben! Sehr phantasievoll, allein schon die Namen der Kandidaten mit den Endungen. -sohn, -tochter und -kind. Eine Katze, die die Wahl entscheidet - darauf muss man erst mal kommen.




geschrieben von Christine Todsen am 21.12.2021:

Vielen lieben Dank, Christelle!




geschrieben von Christine Todsen am 11.01.2022:

Es gibt eine Fortsetzung der Geschichte: www.kurzgeschichten-stories.de/t_3581.aspx!

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