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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 16.01.2022. Rubrik: Lyrisches


Cynghanedd und Tanka

In meinem vorigen Posting hatte ich die Cynghanedd vorgestellt. Frage: Kann man walisische Gedichte, die in dieser äußerst komplizierten Lautharmonie verfasst sind, überhaupt in eine andere Sprache übertragen? Antwort: Jein.

Den vollen Umfang der Cynghanedd wird man nie wiedergeben können, wohl aber den Inhalt der Gedichte. Ehrgeizige Übersetzer (zu denen auch meine Wenigkeit gehört) versuchen außerdem, die Lautharmonie zumindest ansatzweise anklingen zu lassen. Hier ein vermutlich aus dem 9. Jahrhundert stammender Dreizeiler aus Canu Llywarch Hen:

HENAINT
Y ddeilen hon, neus cynired gwynt,
Gwae hi o'i thynged!
Hi hen; eleni ganed.

Auch ohne Walisisch-Kenntnisse kann man einige Lautharmonien am Anfang bzw. Ende von Wörtern erkennen: gwynt – gwae; cynired – thynged – ganed; hi – hen (wobei sich das ‚i‘ und das ‚en‘ im nachfolgenden ‚eleni‘ wiederfinden).

Deutsche Übersetzung von mir:
GREISENALTER
Dies Blatt, getrieben vom Wind:
Bitter sein Los fürwahr!
Alt ist's – geboren dies Jahr!

Ich habe einen Reim verwendet (‚fürwahr – Jahr‘) und außerdem vier Konsonanten der ersten Zeile in der zweiten wiederholt (wobei das ‚v‘ in ‚von‘ lautmäßig als ‚f‘ gilt): B-L-F-W (Blatt, vom Wind / Bitter, Los, fürwahr). Deutschsprachigen Lesern, die noch nie etwas von Cynghanedd gehört haben, fallen diese Feinheiten wohl leider nicht auf!

Cynghanedd ist eine Kunst, doch sie hat auch Schattenseiten. Aufgrund der Konzentration auf die Lautharmonie spielt der Inhalt oft eine untergeordnete Rolle. Bei GREISENALTER zum Beispiel missfällt mir, dass der unbekannte Dichter (m/w/d) das angeblich kurze Leben des Blattes beweint. Nun, für ein Blatt entsprechen 6-7 Monate – heute aufgrund des Klimawandels noch etwas mehr – rund 85 Jahren bei einem Menschen. Wie hätte der Gute wohl eine Eintagsfliege bemitleidet?!

Im Übrigen: „Geboren“ wird ein Blatt zwar erst im Frühling, aber sein Leben beginnt schon Monate vorher. Siehe das folgende Gedicht, das ich 2020 für einen Tanka-Wettbewerb verfasste. Die japanische Tanka-Form ist im Vergleich zur walisischen Cynghanedd denkbar einfach: fünf Zeilen mit der Silbenzahl 5-7-5-7-7! Umso wichtiger ist der Inhalt.

WINTERKNOSPE

Winterkälte liegt
schwer auf dem kahlen Laubbaum
nirgends mehr ein Blatt
doch wenn du genau hinschaust
siehst du dass er Knospen trägt

Winterknospe, Bild
der Stärke und der Hoffnung!
Schon im Herbst beginnt
ihr Leben und braucht Kälte
um im Frühjahr zu erblühn

(https://pawelek3.wixsite.com/tanka/die-schoensten-doppeltanka-anderera)

Welche Art von Dichtung die „bessere“ ist, kann man nicht sagen, denn das hieße Äpfel und Birnen zu vergleichen. Ich mag beide, Cynghanedd und Tanka!

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