Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
1xhab ich gern gelesen
Diese Geschichte ist auch als .pdf Dokument verfügbar.
geschrieben von As'a hel.
Veröffentlicht: 07.03.2022. Rubrik: Unsortiert


Der Kelch der Gräuel

Gut gelaunt verschließt der von der ganzen Gemeinde geachtete Prediger die schwere Holztür seiner kleinen Kirche und weiß: Ein weiterer erfolgreicher Tag im Dienst für den Herrn!

Erzogen von gottesfürchtigen und liebevollen Eltern, erklärter Liebling seiner Lehrer sowie gemocht und gefördert von seinen Vorgesetzten ist das Leben des tüchtigen Predigers ein einziger Siegeszug. Dem letzten Kirchgänger freundlich zunickend, dankt er Gott für die Gnade, die seinen Schäfchen und ihm zuteil wird.

Wie jeden Dienstag ist er vom Bischof zu einer Abendgesellschaft geladen. Dort treffen sich gebildete Geistliche aus verschiedenen Bereichen der Diözese, die ausnahmslos ohne wirklichen Glauben sind. Diese Männer haben den äußeren Schein von Gottesfurcht und halten sich selbst für Erwählte Christi, aber ihnen fehlt die innere Liebesbeziehung zum Erlöser. Zwar betet er für die Geistlichen und wirkt auch missionarisch, soweit es sein Stand erlaubt, doch bisher ohne wahrnehmbare Wandlung.

Während der Prediger, der ein talentierter Schachspieler ist, überlegt, mit welcher Strategie er heute den Bischof unbemerkt gewinnen lassen könnte, nimmt er die falsche Abzweigung zum Anwesen seines Gönners; und als ihm sein Irrtum bewusst wird, hat Sie ihn schon fest im Blick: Ein altes Weib, das in der Gegend als Hexe verschrien ist. Sie ist eine Engelmacherin, die ungewollt Schwangeren hilft, das Ungeborene loszuwerden. Sie wird von allen verachtet und doch von vielen gebraucht; vielleicht ist es diese Mischung aus Hass und Macht, die sie zur abstoßendsten Person werden lässt, die er kennt.

Bemüht, seine Schrittfolge nicht zu unterbrechen, um jeden Anschein von mangelnder Nächstenliebe zu vermeiden, sucht der begabte Taktiker nach einer Lösung: Die Umkehr oder das grundlose Wechseln auf die andere Straßenseite wären zu unhöflich, eventuell könnte man die tratschenden Frauen im gegenüberliegenden Hauseingang in ein Gespräch verwick- Magste Tee?, fährt ihn die Alte aus 24 Metern Entfernung an. Es tut mir leid, ich habe eine wichtige Verabredung, vielleicht ein ander- Du magst nicht, weil ich arm bin!, unterbricht sie.

In seinem Geist sieht er deutlich die Dämonen, die begierig auf seinen Bruch des heiligen Gebotes der Nächstenliebe lauern, während die Engel, die alles für die Ewigkeit verzeichnen, schreibbereit auf seine Entscheidung harren. Tee wäre schön, lügt er und hört das Kratzen von Schreibfedern auf Pergament.

Die Unterkunft der Frau besteht aus einem Zimmer, an einer Wand lehnt eine abgenutzte Matratze und in der Mitte stehen ein kleiner Tisch sowie zwei Stühle. An den Wänden ist Schimmel und aus den Ecken dringt der Gestank von Moder, es ist offenkundig, dass hier noch nie gereinigt wurde. Der von Gott begünstigte junge Mann wird erfüllt von Ekel und denkt an Flucht, doch eine ihm bisher unbekannte Kraft fordert ihn auf, standhaft zu sein.

Die Gastgeberin beobachtet jede seiner Reaktionen mit durchdringenden Augen, und so blickt er über den Dreck auf dem Stuhl hinweg und setzt sich an den Tisch. Mit Schrecken sieht er, wie sie aus einem Müllhaufen aus Geschirr und Fäulnis eine Tasse sowie eine Kanne zieht und beides auf den Tisch stellt. Die Tasse ist außen mit Schleim überzogen und innen am Boden befindet sich eine unbestimmbare Masse.

Gefühle von nie erlebter Stärke jagen durch Körper und Geist und verwehen seinen Vernunftglauben wie der Sturm den Rauch; seiner Grundlage beraubt, beginnt sein Selbstbild zu wanken, fällt auf den Boden der Wahrheit, wird zerschmettert wie billiges Geschirr und offenbart die Abscheulichkeit dahinter. Während er hilflos ist wie ein Neugeborenes, werden ihm seine Sünden gezeigt: Selbstsucht, Ungerechtigkeit, Überheblichkeit, Prahlerei, Lieblosigkeit, Unbarmherzigkeit, Liebe zum Nichtigen dieser Welt, seine boshaft gespielte Nächstenliebe und sein teuflisches Verständnis von Gottesliebe, welches die alles überstrahlende Herrlichkeit des Schöpfers herabwürdigt, um den eigenen Hochmut zu befriedigen. Tränen der Schande und Schuld fließen über seine Wangen, als ein einziges Wort in seinen Geist gelegt wird: Gethsemane.

Jesus Christus, der einzige schuldlose Mensch, wurde für uns zur Sünde.
Dieser Jesus trank den widerlich stinkenden Kelch, der gefüllt ist mit unserer Schuld, damit alle Menschen errettet werden können, die wahrhaft Buße tun; er zog sich als Sünde den Hass des Allmächtigen zu und wurde für die Stunden am Kreuz von ihm getrennt, wodurch alle, die Christus von Herzen lieben, in Ewigkeit von Schuld und Tod befreit werden.

Trink!, reißt ihn die Alte zurück in das Weltliche. Und während er die lauwarme Brühe bis zum letzten Tropfen trinkt, betet er zum ersten Mal in seinem Leben mit ganzem Herzen bedingungslos zum Herrn.

counter1xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Das Blut Christi
Waldgespräch
Der Weg ins Leben
Hoffnung
Der Irdische