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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Milena98.
Veröffentlicht: 30.08.2018. Rubrik: Nachdenkliches


An die Stimme in mir

Vorab: Ich danke dir. Dir, du, die mir das Leben seit jeher so schwer machst. Aber im Gegensatz zum Großteil der Menschen, ist schwer für mich kein Synonym für schlecht. Nein, im Gegenteil. Erst durch das das Leiden beginne wir unsere innere Reise. Und oh ja, du hast mich leiden lassen. Wenn ich vor dem Spiegel stand, dann flüstertest du mir zärtlich ins Ohr: "Du siehst aus wie ein Haufen Scheiße". Wenn ich wunderschöne Frauen auf der Straße sah, lächeltest du mich hämisch an und sagtest: "Na, neidisch? Kann ich verstehen, schau dich mal an...". Wenn ich mich verliebte, dann entgegnetest du mir: "Glaub ja nicht, dass er dich wirklich liebt. Dich kann man nicht lieben". Wenn ich nachts vor einer Klausur kein Auge zubekam, dann warst du es, die mich wach hielt: "Das wird nichts!". Und selbst wenn es trotzdem was wurde, und das wurde es meistens, dann musstest du noch etwas hinzufügen: "Das heißt jetzt aber noch lange nicht, dass du intelligent bist". In jedem Moment meines Lebens warst du da, meine ständige Begleiterin. Du bist der Grund, warum ich nachts nicht schlafen konnte, weil deine Stimme mir Bauchschmerzen bereitete. Du bist der Grund, warum ich aus Angst vor der Zukunft manchmal Herzrasen bekam. Du bist der Grund, warum ich mich keinem Mann, den ich liebe, öffnen kann. Du bist die, die mich antrieb, mich bis auf die Knochen zu hungern. Du bist die, die mir ein Messer in die Hand legte, um mich selbst zu bestrafen. Du bist die, die mir befehlt, mich stets zurückzuhalten und bloß nicht mein Maul aufzureißen. Du bist die, die mich zwingt in Ohnmacht zu verharren, sobald mich jemand verletzt. Ja, du bist es immer. Du bist die Sicherheit der Unsicherheit. Nichts scheint durch dich sicher, aber du selbst, du bist es. Du bist treu, fast schützend. Zu lange schon habe ich mich aus dir ausgeruht. Es war bequem, fast schön mit dir. Wie eine schützende Mauer schränktest du meine Möglichkeiten ein. Ich ließ es einfach mit mir machen, denn es war so einfach. Lange dachte ich, ich sei dein Opfer. Aber eigentlich bist du doch meins. Du bist nur ein Produkt von Stimmern der Menschen, die aus einer Unsensibilität heraus frei verletzen. Du bist nur eine geballte Ladung trauriger Erfahrungen in meiner Erziehung. Eine gebündelte Anhäufung von negativen Parolen aus meinem Umfeld. Du denkst, ich sei abhängig von dir. Aber nein, du bist es doch von mir. Du bist nichts, wenn ich dich nicht füttere mit tauber Zustimmung. Du bist erst recht nichts, wenn ich dir nicht zuhöre und gar nichts, wenn ich dich gegen eine andere austausche. Jetzt reicht es mir mit dir. Schluss mit dem Neid, der Eifersucht, den Zweifeln, den Kontrollzwängen, der Angst, der Panik, die du so in mir gestärkt hast. Ich bin lieber alleine als nur mit dir.... Denn vielleicht, meine Liebe, ist es so: Die Welt ist unsicher. Und nein, ich weiß nicht, ob er mich liebt. Ich weiß nicht, ob die Prüfung morgen machbar ist. Ich weiß nicht, ob die Menschen, die mich heute umgeben, morgen noch da sind. Aber was sicher ist, ist, dass deine Überzeugung, alles liefe von Grund auf immer gegen mich, mir nicht hilft, diese Unsicherheit zu akzeptieren. Ich dachte früher, ich hätte keine Wahl. Ich dachte, ich müsse mit dir leben, du seist ein Teil von mir. Das bist du auch und wirst es auch immer sein. Aber ich werde dir nicht immer Recht geben. Ich werde dich unterdrücken, so wie du es mit mir getan hast. Ich werde dir weiterhin geduldig zuhören, aber erwarte ja nicht, dass ich dir klein gebe wie ich es Jahre lang gemacht habe. Dein Schutz ist Trug. Ich werde dich jetzt benutzen, wie du mich benutzt hast. Du sollst mein Antrieb sein. Du sagst, ich sei weniger? Ich werde dir zeigen, dass ich genug bin. Du meinst, ich sei nicht liebenswert? Ich werde ihn dir vorstellen. Du bist überzeugt, ich bleibe erfolglos? Du wirst schon noch sehen. Du findest mich hässlich, dick, unförmig? Wer bist du schon, um zu urteilen?
Eigentlich kannst du sogar froh sein, dass ich mich nicht von dir trenne. Nein, du wirst mir von nun an nützlich sein. Warum sollte ich dich ganz wegwerfen? Du wirst dir ansehen müssen, wie es mir besser gehen wird. Noch einmal: Ich danke dir, liebe Gefährtin. Mehr, als dass ich dich hasse. Du, meine Unsicherheit, hast mir einiges gelehrt. Doch du bist nicht Alles. Du bist nichts Festes, du bist austauschbar. Du bist kein Schicksal, mit dem ich mich abfinden muss. Du bist ein Ergebnis, aber ich habe die Wahl. Mich weiterhin von dir dominieren zu lassen, um unter meinem Potential zu bleiben? Sorry, meine Liebe, die Zeit ist jetzt vorbei. Was sagst du mir? Dass ich ganz alleine sein werde? Ja, ich weiß. Ich habe nur mich. Ich habe nur meine Träume, mein Können, meine Vergangenheit, meine Psyche, meinen Körper, aber du wirst es noch sehen: Es wird genug sein.

1xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Tanjawest am 29.09.2018:

Milena. Sie haben Geschmack. 👌lg Tanjawest

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