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5xhab ich gern gelesen
geschrieben von Onivido kurt.
Veröffentlicht: 04.08.2022. Rubrik: Unsortiert


… auf den zweiten Blick

“Weiter kommst du nicht”, spottete die Frau, als sie auf dem Pfad vorbei kam, an dessen Rand er stand. Er schätzte sie zwischen vierzig und fünfzig. Sie wirkte etwas übergewichtig, ein wenig schwammig. Vielleicht war es ihre sehr weisse Haut, die diesen Eindruck verursachte.
Ihre dunkelhäutige Begleiterin streifte ihn mit einem flüchtigen spöttischen Blick. Sie sagte nichts. Um ihre Knie schlotterte eine viel zu weite Bermuda. Der Oberkörper war in ein übergrosses faltiges Herrenhemd gehüllt, das über die Hose hing. Es reichte bis über die Schenkel und verbarg ihre weiblichen Attribute, sofern sie welche besass.
Eine Strähne weissen Haares durchzog die schwarze Mähne ihres krausen Haares von der Stirn bis zum Ende des Schopfs. Ihr Gesicht war fast mager, aber nicht abgehärmt, sizilianisch.

“Wenn mich zwei solche Schönheiten wie ihr dazu auffordern, gehe ich bis zum Pico Naiguatá”, antwortete er.
“Du kannst gerne mitkommen und uns gegen Wegelagerer beschützen.”
“Wie weit geht ihr denn?”
“Ich bis zum Refugio, aber meine Freundin geht bis zur “Silla”.”
“Ok. Bis zur Silla wollte ich nicht, aber ein Stück weit, gehe ich mit.”

Die beiden zogen weiter und er folgte ihnen. Sogleich wurde ihm klar, dass sie keineswegs in dieser Bergwelt spazieren gingen. Das Tempo mit dem sie auf dem steilen Pfad vorwärts strebten war mit ihrem Aussehen nicht ganz vereinbar. Nicht, dass er Mühe gehabt hätte mitzuhalten, aber sein Atem beschleunigte sich merklich. Die beiden Damen sprachen kaum. Beim Refugio angekommen machten sie Halt. Die Frau, die ihn angesprochen hatte, setzte sich auf eine Bank. Die andere begann Liegestütze zu machen. Er zählte zwanzig. Um keine Schwäche zu zeigen, absolvierte er ebenfalls zwanzig. Jedoch die Frau hatte gerade zu einer zweiten Serie angesetzt. Er machte eine Pause und folgte ihrem Beispiel. Zusammen kamen sie auf zweihundert Liegestütze, bevor sie die Tortur beendete.
Jetzt musterte ihn die Frau.
“Ich gehe weiter. Kommst du mit?”
“Ja, ein Stück”, sagte er vorsichtig geworden.
Sie gingen jetzt nebeneinander. Das Tempo war mörderisch. Als sich der Pfad verengte war er dankbar hinter ihr gehen zu können. Er hielt ein wenig Abstand, damit sie ihn nicht keuchen hörte. Gegen seine ursprünglich Absicht begleitete er sie bis zum Gipfel “La Silla”. Sie setzten sich und sahen auf das Meer im Norden. Giuliana hiess sie, wie die Mutter ihres italienischen Vaters. Vor zwei Wochen hatte sie den Caracas Marathon gewonnen, erzählte sie ihm nebenbei. Das brachte sein geknicktes Selbstbewusstsein wieder etwas ins Lot. Immerhin hatte er mit der Siegerin eines Marathons mitgehalten. Ob sie auf ihn Rücksicht genommen hatte? Diese Möglichkeit quälte seinen Mannesstolz.
Von diesem Tag an wartete er jeden Sonntag auf dem Pfad auf sie. Warum war ihm nicht klar. Ihr Aussehen, soweit man das bei ihrem Aufzug beurteilen konnte, entsprach nicht seinen Vorstellungen von einer begehrenswerten Frau, aber er war gerne in ihrer Nähe. Ihre Stimme klang melodisch, ihr Gesicht war attraktiv, ihre schwarzen Augen geheimnisvoll, ihre Lippen hätte er gerne geküsst. Als ihm das bewusst wurde, beschloss er nicht mehr auf sie zu warten. Jedoch am nächsten Sonntag war er wieder zur Stelle. Aber Giuliana kam nicht. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er enttäuscht war, nicht nur enttäuscht, sogar etwas traurig.
“Warum denn? Hatte er sich in sie verknallt?”
“Unsinn! Wenn schon verlieben, dann in eine Frau mit guter Figur nicht in eine magere Marathonläuferin, eine Vogelscheuche undefinierbaren Alters.”
Kaum hatte er das gedacht, als er sich dieses Gedankens zutiefst schämte. Giuliana hatte das nicht verdient.
Am Montag Morgen verliess er das Büro und nahm die U-Bahn, ins Zentrum. Eine Station weiter bestieg eine Dame die Bahn. Hohe Hacken, ein Kleid, das jede Rundung ihrer Figur herausfordernd zur Geltung brachte, kurz genug, um ihre herrlichen Schenkeln bewundern zu können. Sonnenbrille, grosse Ohrringe. Dieser Traum aus einem Männermagazin kam auf ihn zu. Er erkannte sie an der weissen Haarsträhne im geglätteten schulterlangen schwarzen Haar.

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