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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 04.11.2018. Rubrik: Fantastisches


Das Waldgeheimnis

Nach der Trennung von Lena im Frühjahr 2017 ging ich nach Büroschluss wieder öfters durch den Stadtwald. Die meisten jungen Männer nutzen ihr wiedergewonnenes Singledasein vermutlich auf andere Weise, aber mich hat der Wald seit meiner Kindheit angezogen.

Eines Tages betrat ich einen schmalen Pfad, den ich noch nicht kannte. Nach einigen Minuten fiel mir ein, dass ich abends eingeladen war und auf die Zeit achten musste. Ich blickte auf meine Armbanduhr. „Sechzehn fünfzig“ murmelte ich und wäre im selben Augenblick fast über eine Wurzel gestolpert, die sich quer über den Pfad wand.

Als ich wieder geradeaus blickte, stutzte ich. Vor mir am Wegrand stand eine Hütte, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ein vielleicht siebzehnjähriges Mädchen lehnte an der Tür. Ihre Kleidung sah seltsam altmodisch aus, wie auf Gemälden aus vergangenen Jahrhunderten. Mein Anblick schien sie ebenso zu überraschen wie mich der ihrige. „Wer seid Ihr?“, fragte sie.

„Wieso ‚ihr‘?“, fragte ich verdutzt zurück. „Ich bin doch allein!“

„Ja, aber ich darf doch nicht ‚du‘ zu Euch sagen. Das schickt sich doch nicht.“

„Walburga!“, rief eine Frauenstimme aus dem Innern der Hütte.

„Oh, die Frau Mutter ruft mich“, sagte das Mädchen, verschwand in dem dunklen Eingang und zog die Tür hinter sich zu. Verwirrt blieb ich draußen stehen. Plötzlich fiel mir auf, dass Totenstille herrschte, während sonst im ganzen Wald das Rauschen der Autobahn zu hören war. Der nächste Gedanke traf mich wie ein Schlag. Ich erinnerte mich an eine Sage, der zufolge es hier im Wald eine Zeitgrenze gab. Sagte man beim Überschreiten eine Jahreszahl, wurde man in das betreffende Jahr versetzt…

Die Wurzel! Als ich gegen sie stieß, las ich gerade die Uhrzeit ab! „Sechzehn fünfzig“ – ich befand mich im Jahr 1650!

Panisch rannte ich zurück, gab der Wurzel einen Tritt, sprang hinüber und rief dabei verzweifelt: „Zwanzig siebzehn!“

In der nächsten Sekunde hörte ich das Rauschen der Autobahn. Nie hat mich ein Geräusch so erleichtert. Ich drehte mich um. Die Hütte war verschwunden.

*

Drei Monate später berichteten die Medien von einem spektakulären Fund. Jemand war im Keller des Hauses seiner verstorbenen Großeltern auf eine Truhe voller Münzen aus dem 17. Jahrhundert gestoßen, die zu ihrer Zeit zwar keinen großen Wert gehabt hatten, jetzt aber dank ihres Alters dem Finder ein Vermögen einbringen würden.

Mein Gedankenkarussell begann sich zu drehen. Ich konnte ja ins 17. Jahrhundert gelangen! Wie käme ich dort an Geld? Die beiden Bewohnerinnen der Hütte hatten wohl keins, aber vielleicht kannten sie jemanden, bei dem ich etwas verdienen konnte. Hoch brauchte die Summe ja gar nicht zu sein. Nur die Stückelung in möglichst viele Münzen war wichtig. Nach der Rückkehr in meine eigene Zeit würde ich mir von dem Erlös ein schönes Leben machen…

Nach sorgfältigem Überlegen brach ich auf. Zum Glück fand ich im Wald sofort die Wurzel. „Sechzehn fünfzig“ – schon erblickte ich die Hütte. Walburga und eine Frau, die wohl noch nicht sehr alt war, aber schon fast wie eine Greisin aussah, arbeiteten in dem Nutzgarten neben dem Haus. „Oh, Frau Mutter“, rief das Mädchen, „dort ist wieder dieser wunderliche Mann!“

Mit einer Harke bewaffnet, stellte die Mutter sich mir in den Weg. Zum Glück hatte ich mich vorher informiert, welches Deutsch um 1650 herum gesprochen wurde, und konnte ihren Redeschwall einigermaßen verstehen. Langsam und deutlich sprechend machte ich ihr klar, dass ich keine bösen Absichten hatte, sondern lediglich aus einer anderen Zeit kam und Geld verdienen wollte.

„Vielleicht“ – der Einfachheit halber gebe ich die Worte der Frau in heutiger Sprache wieder – „kann mein Bruder für ein paar Wochen jemanden auf seinem Bauernhof gebrauchen. Er kommt in einer halben Stunde vorbei.“

Um es kurz zu machen: Während des nächsten Monats wechselte ich mehrmals wöchentlich vom 21. ins 17. Jahrhundert und wieder zurück. Die Arbeit auf dem Hof war hart, zumal es die heutigen Maschinen noch nicht gab, aber die Aussicht auf den Lohn beflügelte mich. Oft schaute ich danach noch bei den beiden Frauen in der Hütte vorbei. Ich erfuhr, dass Walburgas Vater im Dreißigjährigen Krieg gefallen war. Sie hatte noch eine ältere Schwester, die mit Mann und Kindern in der Nähe wohnte. Auch diese Familie lernte ich kennen.

Endlich kam der Tag der Lohnauszahlung. Als ich in meine eigene Zeit zurückkehrte, trug ich einen Geldbeutel bei mir, der prall gefüllt war mit kleinen Münzen.

Mir war klar, dass niemand mir die Geschichte von der Herkunft des Geldes glauben würde. Würde ich behaupten, ich hätte es im Stadtwald „gefunden“, würde die Stadt darauf Anspruch erheben. Nach langen Recherchen im Internet fand ich schließlich doch einen Weg, die Münzen zu veräußern. Näheres verschweige ich lieber, denn vielleicht liest hier jemand von der Stadt oder vom Finanzamt mit.

Die alten Geldstücke waren so viel wert, dass ich meinen Bürojob an den Nagel hängen und mir ein Häuschen am Ufer eines Sees kaufen konnte. Hier lebe ich jetzt. Ich angle, male, schreibe und genieße jeden Tag in dieser paradiesischen Gegend.

Das Beste aber ist meine neue Freundin, die gerade im Bikini aus dem Haus tritt. Ich staune, wie schnell sie sich eingelebt hat. Nur die heutige Sprache ist noch ein bisschen schwer für Walli.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 06.11.2018:
Was für eine tolle Geschichte! Spannend und einfallsreich. Die Idee mit der abgelesenen Uhrzeit ist echt klasse.

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