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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 22.09.2018. Rubrik: Spannung


Egon

„Egon wars“, stand auf dem Display des Handys, das neben der Toten lag. Mit letzter Kraft hatte Ramona einen Hinweis auf den Täter geben wollen, bevor sie an ihrer Schussverletzung gestorben war.

„Haben Sie eine Ahnung, wer dieser Egon sein könnte?“, fragte der Kommissar behutsam. Pia schüttelte schluchzend den Kopf. Sie hatte ihre Schwester tot aufgefunden, als sie sie zu einem Museumsbesuch abholen wollte. Tags zuvor hatte Ramona sie angerufen: „Dino verreist wieder für ein paar Tage, da können wir was zusammen unternehmen.“

Der Kommissar hatte bereits von Pia erfahren, dass Ramonas Ehemann Dino ein- oder zweimal jährlich eine kurze Auszeit nahm und dann für niemanden erreichbar war. Ramona hatte damit nie ein Problem gehabt. Jetzt allerdings bedeutete dies, dass man ihn nicht vom Tod seiner Frau unterrichten konnte. Laut Pia blieb er jedoch nie länger als vier oder fünf Tage weg.

„Ramona hat mir nie etwas von einem Egon gesagt.“ Pias Stimme war tränenerstickt. „Sie hatte auch fast nur mit jungen Leuten zu tun. Egon ist doch ein Altmännername.“

Der Kommissar musste sich ein Grinsen verbeißen. Gut, dass die junge Dame nicht weiß, dass mein Zweitname Egon ist, dachte er.

„Jedenfalls muss dieser Egon direkt nach der Tat die Wohnung Ihrer Schwester verlassen haben. Offenbar glaubte er, sie sei tot. Daher hat er sich auch gar keine Gedanken darüber gemacht, ob sie sich vielleicht mit einem Handy bemerkbar machen könnte.“

„Einen Notruf hat sie ja auch nicht mehr abgesetzt. Sie spürte wohl, dass ihr Leben in wenigen Sekunden zu Ende ging. Nur einen Hinweis auf den Täter wollte sie noch geben. Und jetzt können wir damit nichts anfangen.“ Pia weinte.

*

Zwei Tage später erhielt der Kommissar einen Anruf von Pia. Ihre Stimme klang jetzt etwas fester. „Ist es eigentlich sicher, dass RAMONA den Satz auf dem Handy geschrieben hat? Könnte es nicht auch der Täter gemacht haben? Um eine falsche Spur zu legen?“

„An und für sich eine gute Idee! Aber nein, das war eindeutig Ihre Schwester. Nur ihre Fingerabdrücke befanden sich auf dem Handy.“

„Ich dachte nur, weil… Mich wundert, dass ‚wars‘ ohne Apostroph geschrieben wurde. Ramona hatte einen richtigen Tick mit der Rechtschreibung. Sie hätte auf jeden Fall zwischen ‚war‘ und das nachfolgende ‚s‘ einen Apostroph gesetzt.“

„Nun ja“, seufzte der Kommissar, „sie hatte nur noch wenige Sekunden, und bis man den Apostroph im Handy findet…“

„Ja, da haben Sie recht. Die arme Ramona hat wohl gar nicht mehr lesen können, was sie schrieb.“ Pias Stimme brach von neuem.

*

Wieder war schon fast ein ganzer Tag vergangen. Der Kommissar wurde allmählich missmutig. Noch immer gab es keine Spur von dem mysteriösen Egon. Außerdem war der Witwer Dino nach wie vor nicht erreichbar, was allerdings noch im normalen Rahmen seiner „Auszeiten“ lag.

Um sich abzulenken, nahm der Kommissar sich andere Arbeiten vor. Plötzlich durchzuckte ihn ein Geistesblitz.

Was hatte Pia gesagt? „Die arme Ramona hat wohl gar nicht mehr lesen können, was sie schrieb.“

Der Kommissar ergriff sein eigenes Handy. Wie immer war T9 eingeschaltet. Auch wenn er sich schon oft über die Vorschläge des Wörterbuchs geärgert hatte und manchmal lange warten musste, bis das richtige Wort angezeigt wurde, so fand er das Schreiben mit T9 doch immer noch bequemer als ohne.

Ein Blick auf die Buchstaben auf den Tasten bestätigte seinen Verdacht. Ramona hatte einen anderen Namen schreiben wollen.

Er machte den Versuch. Auf dem Display erschien EGON. Getippt hatte der Kommissar DINO.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 27.09.2018:
Und so hat das Handy den Täter verraten. Eine fein ausgedachte spannende Geschichte.




geschrieben von Elke Butthoff am 09.11.2018:
Ein prima Kurzkrimi. Jetzt muss Dino nur noch gefunden werden. ..

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