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geschrieben 2019 von Martin Brandstätter (Martin Brandstätter).
Veröffentlicht: 06.03.2019. Rubrik: Nachdenkliches


Der letzte Entwurf

„Heute erreichte uns die Nachricht, dass morgen um acht Uhr vormittags die Welt so wie wir sie kennen untergehen wird!“, teilte der Nachrichtensprecher, sichtlich angestrengt die Nerven beisammen zuhalten, mit. Es war zwölf Uhr mittags. Thomas wollte nur seine Hähnchenflügel mit Bohnen und Reis genießen, als er aber dieses Urteil vernahm, schob er sein Essen beiseite und konzentrierte sich auf den Fernseher. Bilder von Chaos und ruhiger Entgegennahme waren im TV zu sehen. Wie ein Spiel zwischen Yin und Yang erschienen die gezeigten Ereignisse, jedoch findet sich keine Harmonie in den Bildern. Meditation. Geplünderte Supermärkte. Familien, die sich in den Armen halten. Selbstmorde. Betende. Fanatiker. Die Gegenüberstellung dieser Handlungen machte das Ganze nur pervers. Thomas fühlte sich in einen schlechten Horrorfilm versetzt, nur dass es so aussah, als würde es am Ende sicher keinen Überlebenden geben.

Click!

Schon war der Kasten ausgeschaltet. Schockiert über das Gezeigte sah sich der junge Nachwuchsautor im Raum um. Sein Blick fiel als erstes auf die Wand mit den Familienfotos. Es hingen dutzende Bilder von ihm und seinen Eltern dort. Glückliche Momente. Ihre Sterbebilder hingen auch mit dabei. „Gut, dass ihr dieses Unglück nicht miterleben müsst“, sprach der 1,80m große Mann im Flüsterton zu sich selbst. Abbildungen von einer Frau und Kindern gab es nicht. Thomas glaubte, er müsse zuerst mit beiden Füßen fest am Boden stehen, bevor er eine Familie gründen könnte. Sein Blick ging weiter zu seinem Bücherregal. Um die 1000 Werke türmten sich vor ihm auf. Romane, Theaterstücke, Sammlungen von Kurzgeschichten, Fachbücher, Gedichtbände und sogar Drehbücher befanden sich in seiner Sammlung von literarischem Wissen. 30 Jahre seines Lebens versammelten sich vor ihm, darunter befanden sich einige seiner besten Freunde. Verschiedenste Autoren lächelten ihm entgegen: Thomas Mann, Martin McDonagh, Bertolt Brecht, Aaron Sorkin, Hermann Hesse, Tennessee Williams, Gotthold Ephraim Lessing, Arthur Miller, Oscar Wilde, William Shakespeare und noch unendlich weitere Autoren bedankten sich bei ihm für das Lesen ihrer Werke. Mit Stolz bewunderte er dieses Regal, das sein Leben soweit in eine Richtung lenkte. „Auch wenn ich es schon seit meiner Geburt gewusst hätte, dass die Welt irgendwann untergeht, ich hätte euch trotzdem nicht links liegen lassen“, sprach der Braunäugige in Richtung Regal. Weiterhin inspizierte er sein ganzes restliches Haus, bis er in sein Arbeitszimmer kam. Er entschied sich damals für einen kleinen Raum mit nur einem Schreibtisch, einem Stuhl, einem Haufen Papier und einer Schreibmaschine darin. Somit versuchte er Ablenkung zu eliminieren. In dem Wundergerät steckte immer noch die dreihundertste Seite eines noch nicht fertiggestellten, zehnten Romans. Er veröffentlichte bereits sieben seiner neun vollendeten Romane, trotzdem glaubte er nicht bereit zu sein eine Familie ins Leben zu rufen. Für ungefähr zehn gefühlte Minuten betrachtete er stillschweigend diesen Ort des Erschaffens. Starr und überlegend stand er da wie eine Gottesanbeterin, die auf ihre Beute wartete. Als ihm plötzlich auffiel, dass er vorhin vom Nachrichtensprecher sein „Deadline“ erfuhr, wusste er genau, was er machen musste. Er nahm sich eine Flasche Wein, entjungferte diese mit dem Korkenzieher, schnappte sich ein Weinglas und machte sich an die Arbeit. Als letzten Vorbereitungsakt schaltete er noch sein Mobilfunktelefon aus, da er glaubte, dass sowieso niemand anrufen werde. Viele lebende Verwandte hatte er nicht mehr und der Großteil seiner Freunde stand im Bücherregal, somit fiel ihm diese Entscheidung nicht wirklich schwer.
Es war 13:30Uhr als die erste Taste der Schreibmaschine anschlug. Die Wörter zauberten sich nur so auf das Papier. Von Stress schien Thomas nicht befallen zu sein. Ihm wurde die richtige Dosis Inspiration injiziert. Stunden um Stunden verstrichen wie Minuten. Der Mond erhob sich bereits aus seinem Tagesschlaf, doch der Herr Autor dachte nicht übers Schlafen nach und das aus zwei Gründen. Der erste war, dass er nicht müde war und der zweite war, dass in weniger als zehn Stunden die Zivilisation ihrem Schöpfer entgegentritt. Thomas hatte keine Angst vorm Sterben, aber er hatte Angst nicht fertig zu werden mit seinem Roman. Aber diese Furcht war unbegründet, da sein Schreibfluss nicht zum Stillstand kam. Schließlich erreichte er Seite 553 mit einem Gefühl der Vollendung.
Es war schon hell geworden.
Als der Schwarzhaarige den letzten Satz niederschrieb, purzelte ihm eine Freudenträne über die rechte Wange. „Es ist perfekt… es… ist… ein… Meisterwerk“, sagte er mit zittriger, aber stolzer Stimme.


Es war fünf vor acht.

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