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4xhab ich gern gelesen
geschrieben von Brentano.
Veröffentlicht: 11.03.2019. Rubrik: Unsortiert


Garrincha

1958. Göteborg. Die Scheinwerfer schnitten Lichtspuren ins Schwarz der Nacht, an den Rändern des Stadions schien der Himmel silbern in den Abgrund zu stürzen. Es schrien sich Tausende die Kehlen wund, und Trommelwirbel begleiteten sie, als würden die letzten Tage besungen, als müsste man dem Tod das Leben entgegenschleudern. Die Welt in gelb und grün. Applaus im Regen.
Garrincha, säbelbeiniger Alleinunterhalter des Fussballs. An der rechten Aussenlinie trieb er den Ball vor sich her, hüpfte neben ihm her, schlenzte ihn sich selber zu, streichelte ihn, schlug Räder gar, liess nicht einen, weder Gegner noch Teamgefährte an sein Spielzeug. Tanzte als wären alle andern am Boden festgewachsen. Kreiste um den Gegner, blieb stehen, damit sie ihn wieder einholen können. Ein flüchtiges Lächeln. Der Vogel spielte mit den Katzen. Malandros - ein Schlitzohr.
In Pau Grande, eine Textilfabrik und ein paar Bauernhäuser, zur Welt gekommen, gekrümmter Rücken, die Beine ungleich lang. Vor ihm die staubigen Felder und das Leben, hinter ihm, karges Gebirge. Die Tage gelb und lang und die Nächte kurz. Zog ungleiche Kreise in den Staub des Schulhofes, schoss Bälle gegen Telegraphenmasten und Blechtonnen. Begleitet vom Geheul herumstrolchender Hunde.
Es flogen ihm die Küsse der Frauen zu, Männer schlugen sich vor Freude gegenseitig auf die Brust. Garrincha, Kind unter Männern, Zauberer mit offenem Mund, Künstler der Herzen. Vogel ohne Himmel.
1983. Rio de Janeiro. Es hingen noch die letzten blechernen Töne der brasilianischen Nationalhymne einsam und zitternd in der Luft. Irgendwo schlug ein Hund an. Es standen still nun zwei Trompeter ums Grab. Ein einfacher Holzsarg. Darüber gelegt der blutrote Dress von Botofago. Nummer 7. Es trieb der Wind Papierfetzen an den steinernen Grabstein. Stumm und ohne Worte die Masse der Menschen. Tränen des Abschieds und der Trauer. Leer die Strassen. Der Himmel trug grau und schwer an Wolken.
War weder Prinz noch König, war Bettler bloss und einsam. Mané Garrinche. Liebling des Volkes in jenen Tagen, war einer von ihnen.
»Hier ruht in Frieden der, der die Freude der Leute war.»
Unweit des Friedhofs die Schreie von Kindern, das dumpfe Aufprallen eines Lederballs an ein rostiges Fabriktor, immer wieder und immer wieder. Es steht unentschieden. Und eines der Kinder will immer Garrincha sein. Bestimmt.

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