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geschrieben 2019 von JFHorn (JFHorn).
Veröffentlicht: 10.06.2019. Rubrik: Menschliches


Persico und Dirty Harry

Ein dumpfer Knall. Rascheln, metallisches Klimpern. Zwei Umdrehungen – die Haustür ist verschlossen. Ich drehe mich um und schiebe meinen linken Jackenärmel nach oben. Schon 7:08 Uhr, jetzt aber hopp. Während ich mich schnellen Schrittes zur Bushaltestelle bewege, wird mir erst langsam bewusst, wie kalt es heute eigentlich ist. Auf dem Gehweg liegt ein wenig Schnee und die Autos, die ich im Augenwinkel erkenne, als ich sie passiere, haben gefrorene Scheiben. Zum Glück muss ich jetzt nicht kratzen, denke ich und gehe festen Schrittes weiter.

Ich kann die Bushaltestelle schon sehen und ich verlangsame mein Tempo ein wenig. Kurz halte ich inne, blicke nach unten und schließe den Reißverschluss meiner Jacke. Doch kaum schaue ich wieder nach oben, sehe ich, wie sich mein Bus langsam aber sicher in Richtung der Haltestelle bewegt. Die ersten Schulkinder zücken schon ihre Monatskarten und trotten in Richtung des Haltestellenschildes. Und täglich grüßt das Murmeltier.

Ich setze zu einem Usain Bolt verdächtigen Sprint an und renne wie ein Verrückter in Richtung der Haltestelle. Meine lederne Umhängetasche schwingt hin und her und droht das ein oder andere Mal, mich zu erwürgen. Kalte Luft strömt in meine Lungenflügel und erzeugt in meinem Inneren ein widerliches Brennen. Natürlich taucht jetzt auch noch eine alte Dame mit ihrem Dackel vor mir auf dem Gehweg auf. Musst du ausgerechnet jetzt mit deinem scheiß Köter Gassi gehen?!, fluche ich in mich hinein und weiche auf die Straße aus, damit ich die Frau samt ihres Hundes nicht in Football-Manier über den Haufen renne. Jetzt nur noch einmal kurz Vollgas geben. Verzweifelt sehe ich, wie gerade die letzte Person in den Bus einsteigt und sich die Vordertür zu schließen droht.

Ohne Rücksicht auf Verluste überquere ich die letzte Kreuzung, die mich und meine Mitfahrgelegenheit noch trennt und erreiche schließlich mit einem Puls von 180 die Fahrertür des Busses. Sie ist gerade dabei sich zu schließen und ich klopfe gegen die Scheibe. Der Kopf des Busfahrers dreht sich wie in Zeitlupe in meine Richtung und mir offenbart sich ein Gesicht, das nichts Gutes verheißen lässt.

Ausgerechnet heute sitzt dort auf dem Fahrersitz dieses heruntergekommen Fortbewegungsmittels der Busfahrer, mit dem ich schon so einige unschöne Erfahrungen teilen durfte. Im Geiste sehe ich mich schon zur Linie 11 laufen und deren Haltestelle ist 500 Meter entfernt.

Vielleicht sollte ich heute auch einfach zu Hause bleiben und Netflix gucken, es ist eh viel zu kalt, um in die Uni zu gehen. Eine nette Kommilitonin mit vernünftiger Handschrift lässt sich eh immer finden, sodass die Mitschriften auch einen Weg zu den Faulen und Kranken finden – oder in meinem Fall zu denen, die den Bus verpassen und dann aus Frustration zu Hause bleiben.

Doch obwohl ich gestandener Agnostiker bin, werde ich Teil eines kleinen Wunders. Die buschig-grauen Augenbrauen eines Gesichtes, das schwerlich noch genervter aussehen könnte, ziehen sich zusammen.
Aber dann geschieht es: Die rechte Hand des Mannes, der täglich über das rechtzeitige Erscheinen von Menschen entscheidet, bewegt sich zum Türöffner und mit einem lauten Zischen öffnet sich die Fahrertür des Busses. Warme, stickige Luft strömt mir entgegen. Ich habe es also mal wieder geschafft.

Schnell fummle ich aus meinem Porte-Monnaie mein Semester-Ticket, halte es dem Fahrer vor das Gesicht, er nickt es miesmutig ab und ich begebe mich zu meinem Stammplatz. Dort angekommen, merke ich erst wie unglaublich heiß mir jetzt gerade ist. Mein Gesicht pocht – von außen betrachtet habe ich wahrscheinlich die gesunde Hautfarbe einer reifen Tomate – und ich schwitze ganz fürchterlich. „Und am siebten Tage erfand Gott das Deodorant.“ Ich muss fast ein wenig über den Gedanken schmunzeln. Das sind eben die Gedanken, die einem nach einem schweißtreibenden Sprint durch Winterfell durch den Kopf gehen.

Um nicht weiter mit meinen idiotischen Gedanken alleine zu sein, krame ich aus meiner Jackentasche meine Kopfhörer. Zunächst reiße ich mir geradezu den Schal vom Hals und öffne meine Jacke, damit ich nicht ganz eingehe. Schnell das Kabel unter dem Hoodie durchschieben und mit der Handybuchse in der Hosentasche verbinden. Eigentlich sollte man ja vermutlich sein Handy nicht in der Hosentasche haben, gerade, wenn man sich noch vermehren möchte. Da heute aber keine Familienplanung im Programm steht und das abgesehen davon eine Style-Sache ist - vergleichbar mit dem Kopfhörerkabel unter dem Pulli -, lasse ich es einfach an seinem gewohnten Platz. Schon merkwürdig, wenn man bedenkt, dass ich sonst keinen Trends hinterherrenne. Jetzt nur noch die Kopfhörer in die Ohren und abschalten.

Kaum Spotify geöffnet, wird mir angezeigt, dass meine letzte Begegnung mit Musik MC Fitti – 30 Grad gewesen sein muss. Jetzt Sommer wäre zwar geil, aber ich schwitze eh schon wie ein Schwein. Bis ich mich schlussendlich dafür entschließe, meine Rockplaylist zu hören, hat der Bus schon zwei weitere Haltestellen abgegrast.
Die gesamte Fahrt über lasse ich meinen Blick abwechselnd durch den Bus oder durch die an mir vorbeiziehende Stadt schweifen. Es steigen nach und nach immer mehr Leute zu und der Bus nimmt sukzessive eine Füllung an, die einem Klaustrophoben fürchterliche Angstzustände bereiten würde. Mit zunehmender Beladung steigt auch die eh schon tropische Wärme ins Unermessliche. Ich ziehe notgedrungen auch meine Winterjacke aus.

Da mein Körper sich jetzt nicht mehr ausschließlich darauf konzentrieren muss, nicht literweise Schweiß zu produzieren, werden meine anderen Körperfunktionen aktiver. Ganz zu meinem Verdruss ist mein Geruchssinn heute in Topform und lässt mich in voller Pracht an all den schönen Gerüchen einer Busfahrt teilhaben. Ich versuche, meine Atmung auf ein Minimum zu beschränken und mich wieder meiner Musik zu widmen.

I was made for lovin‘ you ertönt als nächster Song in meiner Playlist. Man könnte meinen es wäre Schicksal, denn just in diesem Moment fällt mir auf, dass gerade eine wahre Schönheit eingestiegen ist. Eine junge Frau, vielleicht 20 Jahre alt und sie sieht wirklich umwerfend aus. Schulterlanges, feuerrotes Haar, ein Lippenstift der ebenso rot ist und eine traumhafte Figur. Dazu trägt sie kniehohe, schwarze Stiefel. Sie steht dort einfach im Gang und schaut gleichgültig aus dem Fenster.

All der Gestank und die unerträgliche Hitze verlieren für einen Augenblick ihre Wirkung und ich kann nicht anders und schaue sie einfach an. Auf einmal blickt zu mir herüber und für den Bruchteil einer Sekunde treffen sich unsere Blicke. Ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht. Auch ich muss lächeln, da ich mir fast sicher bin, dass ich ihr gefalle. Während sie danach jedoch wieder die Harte spielt und erneut desinteressiert dreinblickt, wage ich in regelmäßigen Abständen weitere Blicke in ihre Richtung. Ab und an treffen unsere Blicke sich dennoch, da auch sie es anscheinend nicht ganz lassen kann, nach mir zu schauen. Ich bin mir weiterhin sicher, dass die Mimik sie fortwährend verrät. Ihre vermeintliche Coolness scheint gespielt.

Das ganze Spiel des heimlichen Anschauens erstreckt sich über mehrere Haltestellen, was mir jedoch gar nicht richtig auffällt, da meine Gedanken – meine Augen noch viel mehr- gerade um andere Dinge kreisen. Bewusst wird mir das erst, als ein Mann mit der Statur eines Sumoringers die Idylle zerstört, indem er sich direkt vor das einzige stellt, das diese Fahrt bis zum jetzigen Zeitpunkt erträglich gemacht hat.

Ein grundsätzlich anderes Bild tut sich mir auf: Ein käsebleicher, fetter Kerl mit einer Sonnenbrille und millimeterlangem Haar, das schon eher an eine Glatze als an eine noch vorhandene Frisur erinnert. Dazu trägt er einen Pullover der Band Frei.Wild. Ich spüre nichts als Verachtung für diesen Kerl. Das rührt aber weniger aus seiner modischen Bekennung zu dieser Rechtsrock-Band als aus der Tatsache, dass er meine Phase der post-jugendlichen Schwärmerei unterbrochen hat. Vielleicht ist sie ja morgen wieder im Bus., denke ich – hoffe ich viel eher – und merke just in dem Moment, dass auch meine Fahrt an der nächsten Haltestelle endet.

Flink ziehe ich meinen Schal wieder an, werfe meine Jacke über und ziehe den Reißverschluss hoch. Durch die Lautsprecher ertönt in einer Lautstärke, die eindeutig an das Hörvermögen der Generation 60+ angepasst ist, die Ansage für den nächsten Stopp.

Der Bus hält in einer Art, die den Witterungsverhältnissen nicht wirklich angepasst ist und das Murren einiger Fahrgäste ertönt. Mein Ausstieg ist geprägt von gemischten Gefühlen. Keine Lust auf Uni, die allzu schnell Endende Begegnung mit dieser jungen Dame und der abstoßende Möchtegern-Skinhead ergeben in der Summe eine eher bedrückende Gefühlslage. Eben dieser bedenkt mich während meines Ausstiegs noch mit einem Blick der töten könnte. Wahrscheinlich hat er durch seine Sonnenbrille doch erspähen können, dass ich ihm nicht ganz wohlgesonnen bin und sich das durchaus in meiner Mimik widergespiegelt hat.

Am liebsten würde ich ihm jetzt ein gepflogenes „Fick dich selbst, du rechte Sau!“ in seine aufgequollene Visage schreien. Zeit und Ort sind jedoch mehr als unpassend und ein Handgemenge am Morgen möchte ich auch nicht provozieren. Zumal ich mich sonst als gestandenen Pazifisten beschreiben würde.

Innerlich koche ich zwar noch vor Wut, sobald ich jedoch den Bus verlasse fühle ich mich wie in Sibirien. Angesetzt ist ein 15-minütiger Fußmarsch zur Uni und ich mache mich schweren Herzens auf. Besonders weit komme ich jedoch nicht, da sich unweit der Bushaltestelle eine Menschentraube gebildet hat.

Von einer richtigen Masse kann man zwar nicht sprechen, aber es sind schon circa 10 Leute. Sie haben sich um eine Bank versammelt. Eben diese Bank befindet sich auf dem Gehweg und ich überlege schon, die Straßenseite zu wechseln, während ich mich langsam auf sie zu bewege.

Wie aus dem nichts ertönt plötzlich ein Martinshorn und die Musik, welche eben noch meine Ohren beglückte, ist passé. In Windeseile kommt ein Krankenwagen herangeschossen und hält dann abrupt in der Nähe der Bank auf dem Bürgersteig. Ich ziehe mir die Kopfhörer aus den Ohren und bewege mich von Neugier gepackt in Richtung der Bank. Einer der Sanitäter steigt gerade aus und vertreibt Schaulustige, als sich mir ein Bild auftut, dass ich mit Sicherheit nicht so schnell wieder vergessen werde.

Auf der Holzbank sitzt beziehungsweise liegt viel eher ein Mann mittleren Alters. Er hat zotteliges graues Haar und einen Bart, der vermutlich durch Zigarettenrauch einen orangenen Anstrich bekommen hat. Sein Gesicht ist braun gebrannt, Flecke, die Tumore sein könnten, erstrecken sich über sein Gesicht. Es macht einen faltigen, ja gar einen abgenutzten Eindruck. Am Körper trägt er lediglich ein dreckiges Holzfällerhemd, aus dessen Hemdtasche eine Zigarettenschachtel guckt.

Als mein Blick weiter nach unten wandert, vorbei an der versifften Jeans und den zerschlissenen Turnschuhen, fällt mir etwas auf, dass mich aus irgendeinem Grund noch mehr fesselt als der Rest des Bildes.
Dort unter der Bank stehen eine Flasche Dirty Harry und eine Flasche Persico. Zwei kleine Fläschchen, solche wie man sie im Kassenbereich von Supermärkten kaufen kann. Neben diesen zwei Schnäpsen eine kreisrunde Flüssigkeitsansammlung mit Stückchen drinnen – eindeutig Erbrochenes. Mir wird wahnsinnig schlecht, ich kann jedoch meinen Blick nicht abwenden, bin wie gefesselt.

Während die Sanitäter wohl die Vitalzeichen des Mannes prüfen, starre ich weiterhin auf die beiden Flaschen unter der Bank und mir wird irgendwie klar, dass dieser arme Kerl schon längst nicht mehr unter uns weilt. Sie stehen einfach nur da unter Bank, fast so als würden sie sich verstecken. Gleichzeitig erscheinen sie auch werbereif positioniert – leicht gedreht, sodass man das Etikett zwar erkennt und dennoch die Flaschen nicht direkt von vorne sieht.

Mich beschleicht ein komisches Gefühl, welches ich nicht so richtig beschreiben kann. Eine Mischung aus Hass und tiefem Mitgefühl für den Kerl, ergreifen von mir Besitz. Hass nicht auf ihn, er liegt dort ganz alleine. Wahrscheinlich ist er sogar einsam gestorben. Nein, die Wut, die sich auf einmal durch meinen Körper bahnt, gilt den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass er jetzt hier liegt. Ich kenne natürlich keinen von ihnen, kann auch nur vermuten warum er hier liegt, aber im tiefsten Innern glaube ich den Grund für das Schicksal dieses Mannes zu kennen.

Vielleicht hatte ja auch er mal ein erfülltes Leben. Eins ohne diese zwei kleinen Taschenfreunde. Aber unsere Zeit bietet für Fehler keinen Platz, auch wenn sie nicht immer selbstverschuldet sind. Bestimmt Stress mit dem Chef was? Dann die Frau und die Kinder weg und keiner da, der dich auffängt. Scheiße sowas…

An der Szenerie bewegt sich ein Mann vorbei. Er hat schwarze, feine Schuhe an und trägt einen Aktenkoffer bei sich. Seine Jacke sieht sündhaft teuer aus. Er würdigt den Verstorbenen nur eines Kurzen Blickes und schüttelt im Vorbeigehen seinen Kopf. Schon das zweite Arschloch, dem ich heute begegne.

Ich merke, dass mich die Rettungskräfte erbost anschauen, da auch ich mich zu einem ekligen Gaffer gemacht habe. Von meinem Mitgefühl kannst du dir leider auch nichts mehr kaufen mein Freund. Ich rücke meine Tasche zurecht und wechsle schnellen Schrittes die Straßenseite. Ich muss hier einfach nur noch weg, zurück in meine Studentenblase.

Wie es aussieht, trage auch ich unter meinen Sneakern eigentlich Budapester.

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