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geschrieben 2018 von Weißehex.
Veröffentlicht: 10.06.2019. Rubrik: Historisches


Am verbotenen See

Es war uns natürlich verboten, allein an den See zu gehen, als wir noch Kinder waren. Das muss so in den 50er Jahren gewesen sein. Und natürlich hielt uns dieses Verbot nicht davon ab. Jeden Mittag nach der Schule rannten wir zum See, zogen Schuhe und Strümpfe aus und wateten im seichten Wasser, aber keiner traute sich weit vom Ufer weg. Unsere Eltern hatten uns gewarnt: „Der See ist anfangs ganz flach, doch auf einmal wird er furchtbar tief und ihr könnt ertrinken!"
„Wir können doch schwimmen", hatte mein Bruder achselzuckend gesagt und sich für diese Antwort umgehend eine schallende Ohrfeige von unserem Vater eingehandelt.
„Es ist verboten, an den See zu gehen", musste er außerdem hundertmal aufschreiben. Was für ihn eine schlimmere Strafe war als die Ohrfeige. Ich lachte ihn nur aus. Selbst schuld, warum musste er seine Klappe auch so weit aufreißen? Die Eltern mussten doch gar nichts von unseren Ausflügen zum See wissen. Es war ja sowieso nie lange: höchstens 10 Minuten nach der Schule, damit es unseren Eltern nicht auffiel. Wir glaubten, sie ahnten nichts.

Einmal fielen die letzten zwei Stunden aus und selbstverständlich wussten Fritz und ich sofort, was wir mit der freien Zeit anfangen würden. „Auf zum See!" flüsterte mein Bruder mir zu und ich nickte. Vor ein Uhr mittags war unsere Mutter sowieso nie zu Hause; sie arbeitete vormittags in einem Lebensmittelgeschäft. Und unser Vater kam sowieso erst abends nach Hause. Fritz und ich rannten johlend zum See. Im Nu waren Schuhe und Strümpfe ausgezogen und wir mit den Füßen im Wasser. Doch dann stockte mir der Atem: Fritz zog sich bis auf die Unterhose aus.
„Fritz, was soll das?"
Er lachte. „Dreimal darfst du raten, Schwesterlein, ich werde jetzt mal endlich richtig weit hinausschwimmen."
Ich war entsetzt. „Lass das! Der See wird tief! Das ist gefährlich! Und Vater hat's verboten!"
„Blablabla", sagte Fritz, „ich kann schwimmen und du übrigens auch. Aber du traust dich ja nicht, du Feigling!" Er warf sich ins Wasser und kraulte mit kräftigen Stößen davon. Ich sah ihm sprachlos hinterher und schickte mich dann an, mein Kleid über den Kopf zu ziehen, um es ihm gleich zu tun und ebenfalls, nur mit der Unterhose bekleidet, hinterher zu kraulen.
„Lass das lieber sein", sagte auf einmal eine helle Stimme hinter mir. Ich fuhr herum. Ein kleines Mädchen mit dunklen Zöpfen und in einem hellblauen Kleid stand dort unter einem Baum. Ich hatte es nicht kommen sehen.
„Wo kommst du denn auf einmal her?" fragte ich verwundert.
Das Mädchen antwortete nicht. Ich betrachtete es näher. Ich hatte es noch nie gesehen und das war seltsam, denn hier in den kleinen Dörfern kannte jeder jeden.
„Wie heißt du?" probierte ich es noch einmal.
Statt einer Antwort wies das Mädchen mit der Hand auf den See und dann in den Himmel.
„Auch gut, wenn du nicht antworten willst," sagte ich, wandte mich wieder dem See zu und erschrak, denn Fritz war nicht mehr zu sehen.
"Fritz! Fritz!" brüllte ich aus Leibeskräften und rannte ein Stück am See entlang. Doch er war nicht zu sehen und es kam auch keine Antwort. Ich rannte in die andere Richtung und rief nach ihm. Auch hier war er nicht zu sehen und nicht zu hören. Schließlich brach ich weinend am Ufer zusammen. Ob Fritz ertrunken war? Auf einmal war ein leises Lachen zu hören. Ich drehte mich und sah, wie Fritz hinter einem Baum hervortrat - klatschnass in seiner Unterhose, doch ansonsten kreuzfidel. Und er lachte mich aus! Ich lief auf ihn zu und schlug nach ihm.
„Du Scheusal! Ich dachte, du seist ertrunken!"
Er wehrte mich ab. „Bin ich nicht", grinste er.
„Das sag ich Vater! " brüllte ich, ich außer mir vor Wut, doch Fritz lachte nur weiter. Kein Wunder: es wäre schön dumm gewesen, ihn zu verpfeifen, denn dann hätte ich ja zugeben müssen, ebenso wie er am See gewesen zu sein. Er ließ mich toben und schreien, bis ich mich beruhigt hatte. „So, jetzt gehen wir nach Hause", befahl er dann und zog seine Klamotten wieder an.
Ich erinnerte mich auf einmal an etwas. „Vorhin war hier ein kleines Mädchen", sagte ich und sah mich suchend um. Das Mädchen war nicht mehr zu sehen.
„Hier war niemand", sagte Fritz. Für ihn war das Thema damit erledigt.
Wir schafften es, nach Hause zu kommen und Fritz sogar, sich umzuziehen, ehe Mutter nach Hause kam. Ich ärgerte mich, weil ich nichts erzählen konnte und er so natürlich keine Strafe bekam, doch andererseits war ich heilfroh, dass ihm nichts passiert war. Doch ich ging nie mehr mit ihm an den See.

Später suchte ich den See ab und zu alleine auf, in der Hoffnung, das Mädchen im blauen Kleid noch einmal zu treffen. Doch ich sah es nie wieder. Außer mir hatte es auch nie jemand gesehen.

Und manchmal denke ich noch heute, es muss wohl ein Geist gewesen sein.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 12.06.2019:
Tolle Geschichte, ich bekam eine Gänsehaut, als ich von dem Mädchen im blauen Kleid las. Wäre es vielleicht besser, den letzten Satz wegzulassen? Meiner Meinung nach wäre der vorletzte Satz - "Außer mir hatte es auch nie jemand gesehen" - als Schluss geeigneter, da er die Fantasie des Lesers anregt. (Aufgrund der Handbewegung des Mädchens tippe ich am ehesten auf die Seele eines ertrunkenen Kindes, die aus dem Himmel kam, um die Ich-Erzählerin zu warnen.)




geschrieben von Weißehex am 15.06.2019:
Ich freue mich sehr, dass dir die Geschichte gefallen hat. So war das mit der Handbewegung auch gedacht, schön, dass es genau so ankommt. Mit dem letzten Satz weglassen bin ich mir nicht so sicher. "Außer mir hatte es auch niemand gesehen" ist eigentlich kein richtiger Schluss, finde ich. Danke für deinen Kommentar!




geschrieben von Vothan am 20.06.2019:
Eine sehr schöne Geschichte, echt nachvollziehbar. Sie nimmt den Leser mit an den See und in die Kindheit. Im großen muss ich Christine recht geben, denn der letzte Satz macht die Stimmung etwas nieder. Vielleicht wenn der Satz als Frage formuliert wäre würde die Stimmung erhalten bleiben. Ich habe auch lernen müssen nicht jeden Gedanken in die Geschichte einfließen zu lassen. Manchmal ist weniger mehr!




geschrieben von Christine Todsen am 20.06.2019:
Ja, da hat Vothan mein Gefühl richtig ausgedrückt, der letzte Satz macht die Stimmung der ansonsten wunderschönen Geschichte etwas nieder. Andererseits hat Weißehex recht, dass der – von mir als Schluss vorgeschlagene – vorletzte Satz auch nicht ideal wäre. Ein möglicher Schluss wäre vielleicht (Namen, Jahr und Lebensalter könnte Weißehex ändern): „Viele Jahre später erkannte ich das Gesicht des Mädchens auf einem Foto in der Dorfchronik. Sie hieß Anna und war 1930 mit acht Jahren im See ertrunken.“




geschrieben von Weißehex am 21.06.2019:
Danke Vothan und Christine, für eure Kommentare und eure Anregungen. Es ist lustig, zunächst wollte ich ein ähnliches Ende schreiben wie von Christine vorgeschlagen, ich hatte es auch schon fast fertig. Die Protagonistin blätterte in alten Fotoalben und erkennt da das Mädchen. Aber dann dachte ich, Geschichten mit einem solchen Schluss gibt es schon zuhauf. Deswegen habe ich den Schluss dann wieder geändert. Trotzdem habt ihr recht, dass der letzte Satz die Stimmung ein wenig kaputt macht. Vielleicht fällt mir da noch etwas ein.




geschrieben von Noxlupus am 22.06.2019:
Hallo Weißehex, ich habe deinen Text gelesen und oben einen Daumen hoch gegeben :-) Was das Ende der Geschichte betrifft, so könnten die beiden letzten Sätze gestrichen werden, um den Lesern Freiraum für die eigene Fantasie zu geben. LG

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