Veröffentlicht: 26.08.2025. Rubrik: Persönliches
Wenn Blut allein nicht reicht
Manchmal frage ich mich, ob wir uns jemals wirklich nah waren oder ob wir nur Geschwister auf dem Papier sind. Blut verbindet, sagt man, aber reicht Blut allein aus, um ein Herz zu verbinden? Ich habe mir so oft gewünscht, dass wir dieses unsichtbare Band spüren, dass wir füreinander da sind, bedingungslos, so wie es Schwestern sein sollten. Doch die Realität ist eine andere. Sie hat mich gelehrt, dass Familie nicht immer bedeutet, dass man sich versteht, dass man füreinander kämpft oder dass man sich gegenseitig auffängt. Und genau dieser Schmerz liegt zwischen uns, schwer wie ein Schatten, den ich nicht abschütteln kann.
Alle haben immer gesagt, dass du die Person bist, die am Ende an meiner Seite sein wird, wenn alle anderen längst gegangen sind. Doch du bist es nicht. Und das ist die härteste Wahrheit, die ich akzeptieren musste. Denn du bist nicht nur irgendwer, du bist meine Schwester. Eigentlich sollte genau das bedeuten, dass wir uns gegenseitig auffangen, wenn alles andere zusammenbricht. Aber zwischen uns war es nie so. Wir waren nie wie Pech und Schwefel. Zu sehr haben wir uns miteinander verglichen, zu sehr hat immer etwas zwischen uns gestanden, vielleicht Neid, vielleicht verletzter Stolz, vielleicht unausgesprochene Erwartungen. Ich wollte immer dein Vorbild sein, diejenige, auf die du schauen kannst, wenn du Halt brauchst. Ich wollte die sein, die dich unterstützt, wenn du fällst. Aber du hast mich nie so gesehen. Für dich war ich nur dann gut genug, wenn du niemand anderen hattest oder wenn du etwas von mir wolltest. Von Anfang an hattest du die Tendenz, mich aus deinem Leben auszuschließen. Und als Ich ging und es für dich schwer war, war es so, als wäre es die perfekte Gelegenheit, mir die Schuld zu geben. Als es dir so schlecht ging, habe ich mir selbst die Schuld gegeben, weil ich nicht da war, weil ich hier war, während du dort gelitten hast. Innerlich habe ich geblutet. Ich habe mir gewünscht, deinen Schmerz zu tragen, ihn dir abzunehmen, obwohl ich selbst kaum meine eigene Last schultern konnte. Doch als ich endlich bei dir war, und erfuhr, dass du mich bei dieser einen Sache ausgeschlossen hast und mir dann auch noch so dreist ins Gesicht gelogen hast, da habe ich mich verraten gefühlt. Hintergangen. Ausgeschlossen, als wäre ich kein Teil der Familie, sondern nur jemand, den man benutzt und dann wieder wegstößt. Es wirkte, als hättest du jetzt alles erreicht, was du wolltest und ich war plötzlich überflüssig. Du benimmst dich wie ein Einzelkind. Und das Schlimmste daran: Sie spielen dieses Spiel mit. Als du jeden Tag angerufen hast, war es nie, um mich zu fragen, wie es mir geht. Es ging nur darum, dass du jemanden brauchst, um dich auszuweinen, auszukotzen, deine Last loszuwerden. Ich habe dir zugehört, jedes Mal, auch wenn ich selbst kaum Kraft hatte. Aber nie, wirklich nie, hast du gefragt, wie es in mir aussieht. Meine Gefühle, mein Schmerz – sie waren dir egal. Ich war dir nicht wichtig genug. Eine Schwester sollte hinter einem stehen. Man sollte sich gegenseitig trösten, unterstützen, stolz aufeinander sein. Doch das waren wir nie. Stattdessen standen wir immer in einem ständigen Wettkampf. Wer ist besser? Wer bekommt mehr Aufmerksamkeit? Wer darf glänzen? Es war Krieg, ein stiller, aber erbarmungsloser Krieg zwischen uns.
Ja, ich wollte dir die ganze Schuld geben. Ich wollte dich hassen dafür, dass du dich nicht für mich freust, dass du nicht einmal stolz sein kannst. Ich war so wütend auf dich. Aber die Wahrheit ist: Ich bin nicht unschuldig. Es gehören immer zwei dazu, dass eine Beziehung zerbricht. Auch ich habe Fehler gemacht, auch ich habe Mauern gebaut. Und trotzdem schmerzt es, dass du versuchst, Gründe zu finden, mich zu hassen, statt einfach nur meine Schwester zu sein. Ich habe gehofft, wir könnten gemeinsam durchs Leben gehen. Dass ihr an meiner Seite bleibt, egal wo mein Weg mich hinführt. Aber ich habe gelernt: Hoffnungen sind wie Träume – schön, aber nicht alle werden wahr. Also gehe ich jetzt meinen Weg, egal wohin er mich führt und mit wem. Ich hätte euch gern dabeigehabt, aber manchmal muss man akzeptieren, dass manche Dinge nicht zu retten sind.
Vielleicht ist das unser Schicksal: nebeneinander zu existieren, aber nie wirklich gemeinsam zu gehen. Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass wir mehr sind als Erinnerungen voller Streit, Missverständnisse und unausgesprochener Vorwürfe. Aber während ich immer versucht habe, eine Brücke zu bauen, hast du Steine gesammelt, um Mauern zu errichten. Trotz allem und das ist der Widerspruch, der mich zerreißt, wünsche ich dir nicht das Schlechte. Ich wünsche dir Frieden, den du bei mir nie gesucht hast. Ich wünsche dir Liebe, die du mir nicht geben konntest. Und ich wünsche dir, dass du eines Tages erkennst, dass wir beide etwas verloren haben, das man nicht so einfach ersetzen kann. Aber ich kann nicht länger auf dich warten. Ich kann nicht länger hoffen, dass du dich irgendwann umdrehst und nach mir greifst. Ich gehe jetzt meinen Weg. Ohne Bitterkeit, aber mit Klarheit. Vielleicht wirst du irgendwann verstehen, was wir beide verloren haben. Vielleicht auch nicht. Doch ich weiß: Ich muss loslassen, damit ich nicht untergehe. Am Ende bleibt nur dies: Du bist meine Schwester, aber nicht mein Zuhause. Und ich werde mir mein Zuhause jetzt selbst bauen, auch wenn du darin keinen Platz haben willst.

