Veröffentlicht: 11.01.2026. Rubrik: Unsortiert
Das Gelbe Haus
Gegenwart
Endlich angekommen. Fast drei Stunden war Anna unterwegs. An diesem kalten und windigen Novembermorgen pustete der Wind mit voller Kraft und riss die letzten gelben und braungefärbten Blätter von den Bäumen ab. Wie in einem klapperigen Schuhkarton fühlte sich Anna in ihrem alten Käfer, denn sie spürte jeden Windstoß und hörte sein lautes Zischen und Pfeifen.
Das alte Haus aus den 1920er Jahren mit einer gelben, in die Jahre gekommenen Fassade und einer grünen Doppeltür stand einsam wie ein verlassener Hund am Ende der Straße. Seine großen Fenster, wie riesige Augen, starrten Anna neugierig an. Sie parkte ihren alten Käfer in der Einfahrt, der beim Anziehen der Handbremse ein lautes Knarzen von sich gab.
„Wie lange ist das her, dass sie hier war?“, dachte Anna. „Sechs Jahre“, antwortete sie sich in Gedanken. „Sechs Jahre“, flüsterte sie leise und machte langsam die Tür ihres Wagens auf. Mit Herzklopfen stieg sie aus dem Auto und bewegte sich rasch zum Haus, denn es begann zu regnen. Pitschnass erreichte sie die Haustür.
Mit zitternden Händen kramte Anna einen alten und etwas angerosteten Schlüssel aus ihrer Manteltasche. Überrascht von einem starken Windstoß ließ sie den Schlüssel fallen. „Verdammt!“, fluchte sie und kniete energisch nieder. Doch der Schlüssel fiel in die braune und nasse Laubschicht und war nicht zu sehen.
„Nicht aufregen“, sagte sie sich leise. „Es ist alles in Ordnung.“ Sie schloss ihre Augen und hielt einen Moment inne. Die kalte und feuchte Herbstluft stieg ihr in die Nase und der Regen prasselte auf ihr Gesicht. Sie machte die Augen auf, hielt ihre rechte Hand in den Laubteppich und begann, ihn nach dem Schlüssel abzutasten. Eine rasche Handbewegung nach rechts, dann nach links.
„Das ist er“, dachte Anna triumphierend. Wie ein Kind, das gerade das längst ersehnte Geschenk bekommen hat, sprang sie auf und drehte sich zur Haustür. Mit einer schnellen Bewegung richtete sie den Schlüssel gegen das Schlüsselloch und versuchte, ihn in die Öffnung zu stecken. Leider vergeblich. Der Schlüssel passte nicht und die große Tür blieb verschlossen.
„Es soll einfach nicht sein. Was erhoffst du dir davon?“, sagte sie leise zu sich selbst. Dennoch hielt sie den Schlüssel hoch und stellte fest, dass dieser total verdreckt war. Braune und dunkel gefärbte Erdmasse klebte an ihm fest. Schnell steckte sie ihre Hand in ihre Handtasche. Energisch nahm sie ein Taschentuch und versuchte, den Schlüssel sauber zu machen.
Der Wind pustete noch stärker. Ihre Hände zitterten, trotzdem hielt sie den Schlüssel mit festem Griff, um ihn nicht erneut fallen zu lassen. „Das bringst du jetzt hinter dich“, dachte sie. Eine rasche Bewegung nach links. Von einem starken Windstoß getroffen, schlug die Tür mit einem lauten Knall auf. Schnell rannte Anna ins Haus und machte die Tür wieder zu.
Eng mit dem Rücken an der Tür schaute Anna sich um. Ein modriger Geruch stieg ihr in die Nase. Das Haus sah noch genauso aus, wie sie es vor sechs Jahren zum letzten Mal betreten hatte. Überwältigt von Erinnerungen spürte sie plötzlich einen dicken Kloß in ihrer Kehle, der ihr die Luft zuschnürte. Sie schloss die Augen und holte tief Luft.
„Komm rein, es ist das Haus meiner Großmutter“, sagte Jan leise. Er streckte Anna die Hand aus und schaute sie an. In seinen grauen Augen sah sie ein helles Leuchten, das sie seit ihrer ersten Begegnung anzog. Anna lächelte ihn an und streckte ihm ihre Hand entgegen.
„Vertraust du mir?“, fragte er.
„Ja“, antwortete sie, und sie betraten das große Haus Hand in Hand.
Jan schloss leise die Tür hinter sich und tastete die Wand zu seiner Rechten nach dem Lichtschalter ab. Plötzlich erstrahlte das Foyer in grellem Licht. Die Kristallglaslampe hing in der Mitte des Raumes und verlieh dem Eingangsbereich eine majestätische Größe. Die Wände waren mit roten Samttapeten mit Muster verkleidet. Schwere, mit viel Staub bedeckte Vorhänge waren fast vollständig zugezogen.
„Willkommen in meinem Refugium“, hörte sie Jan ihr ins Ohr flüstern, dem ihr Staunen nicht entgangen war.
„Das Haus ist schön“, erwiderte Anna etwas zeitverzögert.
„Hier habe ich den größten Teil meiner Kindheit verbracht. Die schönsten Erinnerungen sind damit verbunden, jedoch waren sie nie von Dauer“, sagte Jan leise. „Aber das weißt du ja bereits, meine Akte hast du gelesen“, grinste er und schlug die Vorhänge mit voller Wucht auf.
Das trübe Tageslicht durchbrach das Zimmer und ließ den Kronleuchter etwas weniger majestätisch erscheinen. Staub- und Stoffpartikel flogen durch den Raum.
„Meine Akte“, hallte es Anna in den Ohren. „Es ist falsch“, sagte sie plötzlich. „Ich, ich, ich kann das nicht tun“, stammelte sie. „Ich muss weg.“
Rasch drehte sich Anna um und spürte bereits im nächsten Augenblick die warme und feuchte Sommerluft in ihrer Nase.
„Anna, warte“, hörte sie Jan hinter sich rufen. Sie antwortete ihm nicht. Sie rannte die Straße entlang, ohne sich umzudrehen. Sie wusste, wenn sie sich jetzt zu ihm umdrehen würde, könnte sie nicht gehen.
Ein lauter Knall holte Anna plötzlich zurück in die Gegenwart. Sie öffnete blitzschnell die Augen und sprang erschrocken von der Tür weg. Vorsichtig streckte sie ihre Hand nach dem Türgriff und drückte ihn leicht nach unten. Vor dem Hauseingang sah sie eine alte Mülltonne hin und her rollen.
Erleichtert, aus ihren Erinnerungen zurückgeholt worden zu sein, rannte sie schnell hinaus und schnappte die umgefallene Mülltonne. Sie zerrte sie hinter sich bis zum Geräteschuppen hinter dem Haus. Seine alte Tür war fast vollständig zerfallen.
Inzwischen dämmerte es leicht und die Laternen begannen zu flackern, ihr Licht wurde immer heller und beständiger. Jetzt sah man den Sturm im Abendlicht toben. Anna hatte das Gefühl, der Wind sei noch stärker geworden, jedoch hatte es aufgehört zu regnen. Sie schob die Mülltonne hinein und rannte wieder blitzschnell ins Haus.
Nun stand Anna erneut im Foyer des großen gelben Hauses. Ihre Beine fühlten sich schwer an. Sie stand in der Mitte des Raumes und blickte die lange Holztreppe hinauf, die in den ersten Stock führte. Sie holte tief Luft und bewegte sich auf sie zu.
Beim Betreten der ersten Stufe hörte sie ein lautes Knarren des Holzes unter ihren Füßen. Dieses Geräusch kannte sie. Es fühlte sich vertraut an, wieder hier zu sein. Es fühlte sich an, als würde das Haus mit ihr sprechen.
Langsam bewegte sie sich die Treppe hinauf und versuchte, das Knarren und Quietschen der Stufen in sich aufzunehmen. Sie bemerkte nicht, dass sie die Augen geschlossen hielt. Oben angekommen spürte sie eine warme Träne auf ihrer rechten Wange.
„Weinen ist gut“, hörte sie sich sagen. „Es bedeutet, Gefühle auszuleben, sich darin zu verlieren und sich am Leben zu spüren.“
Sie sah Jans Gesicht. Das Gesicht eines jungen und attraktiven Mannes, der weinend und schluchzend auf dem Boden ihres Büros kauerte. In diesem Augenblick sah er aus wie ein kleines Kind, das man in den Arm nehmen und beschützen will. Seine sonst spürbare Arroganz, Überheblichkeit und der Trotz eines Teenagers waren der Verletzlichkeit gewichen.
Jan umklammerte fest seine Knie und schaukelte mit seinem Oberkörper vor und zurück. Plötzlich blickte er auf, und sie sah seine geröteten grauen Augen. Dieser Blick versetzte sie in Erstarrung, ihr stockte der Atem. Seine dunkelblonden, leicht gelockten Haare hingen ihm teilweise in die Stirn.
„Fühlen Sie sich am Leben, Frau Doktor?“, fragte Jan mit einer leicht zynischen Note.
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