Veröffentlicht: 22.01.2026. Rubrik: Satirisches
Der Goldfasan
Ein Goldfasan lebte in einem Garten, umgeben von vielen Hennen. Er war überzeugt, er sei von allergrößter Bedeutung. Sein Gefieder leuchtete in allen Farben, schillernd und bunt. Täglich stellte er sich auf einen großen Stein, um gesehen zu werden.
„Schaut mich an“, rief er, „so sieht Erfolg aus.“
Er redete viel, sagte aber wenig. Oft drehte er sich nach allen Seiten und wartete auf Bewunderung. Doch die Hennen waren mit sich beschäftigt. Sie ließen ihm gewähren, suchten Nahrung, kümmerten sich umeinander und wollten nicht gestört werden.
Der Goldfasan deutete dieses Verhalten als Missachtung seiner Persönlichkeit. Schließlich sei er der Schönste und Klügste. Also wurde er lauter, schriller, bunter und selbstverliebter.
Als ein Sturm aufkam, suchten die Hennen Schutz und fanden auch Unterschlupf. Der Goldfasan jedoch blieb auf seinem Stein stehen. Niemand sollte sein Gefieder übersehen. Auch der Wind nicht. Der Wind zerrte an seinen Federn, der Regen peitschte auf ihn ein, doch er rührte sich nicht.
Als der Sturm vorüber war, stand er im zerzausten Gefieder auf dem Stein. Niemand sah zu ihm auf. Die Hennen kamen aus ihren Verstecken, schüttelten sich und gingen wieder ihrer Arbeit nach.
Nun begriff der Goldfasan, dass es wenig nützt, wenn man nur bewundert werden will. Wer nur bewundert werden will, übersieht leicht, was er tatsächlich taugt.
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