Veröffentlicht: 24.01.2026. Rubrik: Lyrisches
Der Herr der Sinne
Sein Atemzug nahm kein Ende und seine Brust füllte sich mit so viel erfrischendem Odem, dass alle seine Sinne gleichzeitig geschärft wurden. Er sah klarer, hörte besser, roch differenzierter, schmeckte intensiver und fühlte. Fühlte so empfindsam, dass sein Ertragen an die Grenzen seiner Menschlichkeit klopfte, um nach Erlaubnis zu fragen, diese überschreiten zu dürfen.
Gern hätte er diesem Wunsch entsprochen, aber er lag weit außerhalb seiner Möglichkeiten. So blieb ihm nur, innerhalb seiner Menschlichkeit zu erfahren, was ihm gerade dargeboten wurde.
Er spürte die zarte Brise des Windes sanft über seine Haut wehen und wie seine Härchen sich aufstellten, um die Streicheleinheiten gebührend zu empfangen. Er sah, wie die Wellen sich wild in ihrem ureigenen Rhythmus wogten, und schmeckte die Salzmoleküle, die auf seiner Zunge tanzten. Seine Nase empfing freudig Spuren von den ätherischen Ölen der Orangen, die in der Sonne reiften, und er hörte das Zirpen der Grillen, die mit ihrem Gesang zur Liebesnacht einluden.
All das nahm er gleichzeitig wahr, bündelte die Eindrücke des Moments, verdichtete sie so lange, bis endlich sein sechster Sinn erwachte. Demütig empfing er, ruhte in sich und spürte die Kraft, die aus dem Kern seines Inneren durch jede Faser seines Körpers strömte. Er schloss seine Augenlider und in seinen Gedanken rauschte ein Fluss der Dankbarkeit. Dankbar, begreifen zu dürfen, wie viel Glück in einem einzigen bewussten Atemzug stecken konnte, wenn es einem nur gelang, seine Sorgen auszusperren.
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