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geschrieben 2026 von Phoberos.
Veröffentlicht: 28.01.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Am Rand des Tages

Der See liegt da, als hätte jemand die Welt angehalten. Kein Wind, kein Zittern, nicht einmal das leise Kräuseln, das Wasser sonst verrät.

Die Ebene ringsum ist karg, steinig, farblos. Fels, Staub, ein einzelner Baum ohne Blatt. Nichts Grünes, nichts, das Wachstum verspricht.

Das Licht steht tief, aber es ist noch nicht Nacht. Die Schatten sind lang und klar gezeichnet, als wollten sie sagen: Ich war hier.

Das Pferd bleibt stehen. Nicht abrupt, nicht störrisch – eher, als hätte es entschieden, dass es genug ist. Der Reiter lässt die Zügel locker. Für einen Moment treibt er es sanft an, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung. Ein paar Schritte noch. Dann wieder Stillstand.

Er steigt ab. Die Bewegung ist langsam, kontrolliert. Kein Seufzen, kein Zögern. Er nimmt die Zügel und führt das Tier zu einem Felsen, bindet es fest. Das Pferd senkt den Kopf. Es vertraut.

Der Reiter löst die Feldflasche von der Seite, trinkt einen Schluck. Nicht gierig. Nur so viel, wie nötig. Er schöpft Wasser in die Hand, wäscht sich kurz das Gesicht. Staub rinnt ab, verschwindet im Boden. Dann hält er die Flasche dem Pferd hin. Lässt es trinken, länger als er selbst.

Der See ist nah. Ein paar Dutzend Schritte vielleicht. Er schaut hinüber, ohne sich zu bewegen. Das Wasser spiegelt den Himmel, aber nichts von ihm selbst. Kein Spiegelbild, keine Antwort.

Aus irgendeinem Grund geht er nicht näher. Vielleicht, weil der See Tiefe verspricht. Vielleicht, weil Stillstand nicht dasselbe ist wie Ruhe. Vielleicht, weil manches besser unangetastet bleibt, solange der Tag noch nicht ganz vergangen ist.

Er setzt sich an den Felsen, den Rücken an kalten Stein. Zieht den Mantel enger, nicht gegen die Kälte, sondern gegen das Kommende.

Das Licht verändert sich kaum merklich. Die Dämmerung kündigt sich an, ohne zu drängen.

Kein Feuer. Kein Zeichen. Nur das leise Schnauben des Pferdes und die weite Ebene, die nichts verlangt.

Er bleibt. Nicht, weil er nicht weiterkann. Sondern weil Weitergehen heute keinen Sinn mehr hätte.

Begleitendes Musikstück:

https://suno.com/s/7vEenYvxDuHXQZdh

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