Veröffentlicht: 22.01.2026. Rubrik: Spannung
Die Uhr ohne Sekunden
Der Raum roch nach nichts. Genau das machte ihn falsch.
Zwei Stühle. Ein Tisch. An der Wand eine Uhr ohne Sekundenzeiger. Sie stand still, und niemand tat so, als wäre das ein Versehen.
„Sie können gehen, wenn Sie wollen“, sagte der Mann im grauen Hemd. Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig. „Die Tür ist nicht verschlossen.“
Sie rührte sich nicht.
Er wartete. Nicht demonstrativ. Einfach geduldig. Als wüsste er, dass Zeit hier keine Rolle spielte.
„Wenn ich Ihnen jetzt sage, warum Sie letzte Nacht wirklich nicht geschlafen haben“, fuhr er fort, „stehen Sie auf oder bleiben Sie sitzen?“
Ein Muskel in ihrem Kiefer zuckte. Mehr nicht.
„Das war eine rhetorische Frage“, sagte sie. „Sie haben keine Ahnung, warum ich—“
„Sie haben um 02:17 Uhr die Decke vom Bett geschoben“, unterbrach er sie. „Nicht wegen der Hitze. Sondern weil Sie dachten, jemand würde Sie beobachten.“
Stille.
„Sie haben nicht zum Fenster geschaut“, ergänzte er. „Und nicht zur Tür. Sondern zur Zimmerdecke.“
Jetzt sah sie ihn an.
„Wissen Sie, was mich daran interessiert?“, fragte er. „Nicht die Angst. Sondern die Gewissheit. Sie waren sich sicher.“
„Hören Sie auf“, sagte sie leise.
Er lächelte nicht. Er schien auch keinen Punkt machen zu wollen.
„Sie haben das Geräusch schon einmal gehört“, sagte er. „Vor drei Jahren. Anderer Ort. Gleiche Uhrzeit. Damals haben Sie weggesehen.“
„Ich habe niemandem etwas gesagt“, presste sie hervor. „Genau deshalb sitze ich hier.“
„Nein“, sagte er sanft. „Genau deshalb sitzen Sie noch.“
Sie stand auf. Langsam. Der Stuhl kippte nach hinten, fiel aber nicht um.
„Sie wollen mir Angst machen“, sagte sie.
„Nein“, antwortete er. „Ich will, dass Sie verstehen, dass Schweigen auch eine Entscheidung ist.“
Er schob ihr ein Blatt Papier zu. Es war leer.
„Gehen Sie“, sagte er. „Oder bleiben Sie. Beides hat Konsequenzen.“
Sie sah auf das Papier. Dann auf die Uhr.
Die Uhr begann zu ticken.
Sie runzelte die Stirn. „Die Uhr…“
„Ist seit acht Jahren kaputt“, sagte er.
Sie setzte sich wieder.
Nicht, weil sie Angst hatte.
Sondern weil sie verstanden hatte, dass das Verhör längst vorbei war –
und das Gespräch jetzt erst begann.
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