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10xhab ich gern gelesen
geschrieben von Hessehex.
Veröffentlicht: 19.02.2026. Rubrik: Unsortiert


Die betrogene Generation

Geboren wurde er 1926 in Hamburg, 1940 hatte er die Schule beendet. Es folgte eine 3jährige Lehre. Inzwischen schrieb man das Jahr 1943 und es zeichnete sich schon ab, dass Deutschland den Krieg verlieren würde. Der Feind beschoss die Stadt und noch heute berichtet man von dem entsetzlichen Feuersturm, welcher den Stadtteil Hammerbrook in Schutt und Asche legte.
Er war 17 Jahre und kam sofort zum Arbeitsdienst. Er musste Verschüttete ausgraben und Leichen bergen. Kaum hatte er sein 18. Lebensjahr erreicht, schickte man ihn mit dem letzten Aufgebot an die russische Front. Auch Vater und Bruder wurden noch zum Dienst herangezogen. Viel war von ihm nicht zu erfahren was die Ereignisse an der Front betraf. Er war dort einer der Jüngsten und entsprechend naiv gegenüber den abgebrühten alten "Frontschweinen". Wählen und rauchen durfte er noch nicht, aber Menschen totschießen schon!
Ein Wiener aus seiner Kompanie rettete ihm im November 1944 – bereits auf dem Rückzug hinter der polnischen Grenze - das Leben, als er angeschossen wurde. Packte sich den Jungen auf die Schulter und schleppte ihn zur nächsten Versorgungsstelle. Er hat nie wieder von seinem Retter gehört und auch seine Auffindungsversuche nach dem Krieg über den Suchdienst des Roten Kreuzes blieben ohne Erfolg.
Irgendwo hinter der Front kam er dann in ein Notlazarett, wo man ihm den Fuß bis hinauf zum Knie amputierte. Es musste später mehrmals nachoperiert werden und er erlebte diese Zeit nur im Rausch von Betäubungsmitteln. Als er transportfähig war, wurde er mit einem Lazarettzug Richtung Westen gebracht. Zwischenstation machte man in Rastenburg auf Hitlers Wolfsschanze. Der Führer war zwar nicht anwesend, aber auf seinen Befehl hin wurden die Soldaten dort gut versorgt. Anschließend ging es weiter in ein Kloster im Fränkischen, wo Nonnen die Pflege der Verwundeten übernahmen. Inzwischen war der Tag der Kapitulation fast herangekommen und alles ging drunter und drüber. Nur notdürftig versorgt und ohne Prothese, nur mit Behelfskrücken versehen, machten sich die Verwundeten auf den Heimweg in den überfüllten Zügen. Kein Mensch kümmerte sich mehr um die ziel- und planlos herumirrenden Soldaten.
Als er Hamburg und sein Zuhause erreichte, fand er nur noch Trümmer vor und seine Mutter brach bei seinem Anblick in Tränen aus. Vater und Bruder waren heil zurückgekehrt. Die englischen Besatzer verweigerten den Verwundeten Hilfe und Prothesen. Noch in hohem Alter traten an vielen Stellen seines Körpers Granatsplitter aus der Haut, quälten ihn Phantomschmerzen.
Wenn dummerhafte Menschen ihn fragten, warum man in dieser schlimmen Zeit nicht protestiert oder sich gewehrt habe, war seine Antwort: „Es hätte morgens um 5 geklingelt und das wäre nicht der Milchmann gewesen.“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von En-hedu-ana am 19.02.2026:

HI Hessehex

Einer der besten Texte, die ich bisher hier lesen durfte. Ich bin gerührt, bestützt, gefangen - von diesem Schicksal, das ich zwar aus den Erzählungen meiner Verwandten ebrnfalls kenne, doch es hier in so nüchternen Worten niedergeschrieben zu lesen, packt. V.a. das Umherirren der vielen Versehrten, die niemand gern sah - hiess es doch, sich an das Vergangene erinnern zu müssen, das man kollektiv schnell hinter sich lassen wollte, um sich dem Leben wieder zuzuwenden.

Ich weiss nicht, ob sich unsere heutigen Kriegstreiber an diese Schreckenszeit erinnern oder so argumentieren, dass nur der Krieg den Krieg und seine Schrecken verhindern kann ... Pistorius zählt ja bereits die Stunden und Minuten.

In jedem Fall sind solche Geschichten - aus Ost und West - heutzutage wichtiger als alles, was wir da im Fernsehn zu sehen bekommen. (Als ich vor über einem Jahr mal wieder den Fernseher anmachte, um ein Spiel der Deutschen Fussballnationalmannschaft zu sehen - und zwischendrin das heute-journal sah, wurde mir einmal mehr bewusst, wie massiv die Medien Russland und Putin als Aggressor in die Köpfe hämmern wollen.)

Umso mehr braucht es solche Erinnerungen. Obwohl jedem klar sein sollte, dass Krieg Tod bedeutet, scheinen es unsere Regierungen vergessen zu haben. Wenn alte Männer - etwa wie Gauck zum Krieg aufrufen ...

Vielen Dank für deinen Text!

Herzliche Grüssen
En-hedu-ana




geschrieben von Angricolan am 19.02.2026:

Es gibt, oder man könnte, tausende ähnlich Geschichten schreiben oder lesen über Schicksale aus dieser Zeitspanne. So wie hier lesbar, vermute die Person aus deiner Familie, könnte ich ähnliches schreiben, tat es schon nach dem Tod meines Vaters. Von ihm blieb mir mehr Schriftliches erhalten neben vielen Fotos. Er sprach selbst nur darüber zu uns Kindern, wenn ich Fragen stellte. Er hatte einen Traum, auswandern nach Florida durch seine Gefangenschaft. Es blieb ein Traum.
Dein Text hat mir gut gefallen.




geschrieben von Bad Letters am 22.02.2026:

Meinem Opa wurde ein Arm abgeschossen, er hatte Lebenszeit schwer daran zu tragen gehabt. Viele seiner Gräulgeschichten sind mir heute noch präsent. Das Kriege immer noch angezettelt werden ein Beweis, das wir unfähig sind aus der Geschichte zu lernen.

MfG
Bad Letters




geschrieben von Babuschka am 22.02.2026:

Hallo Hessehex,
mir graust es auch vor einem nächsten großen Krieg, und wie leichtsinnig mit dieser Gefahr umgegangen wird.

In meiner Familie hatte es meinen Onkel schwer erwischt, der jung eingezogen worden war und als Flieger gekämpft hat. Ihn traf ein Schuss, ein Lungendurchschuss, der nie gänzlich ausheilte und woraus sich eine Tuberkulose entwickelte. In seiner Not fing er an zu trinken, und starb 1972 mit 46 Jahren.

Liebe Grüße, Babuschka




geschrieben von Hessehex am 23.02.2026:

Ihr Lieben alle, Danke für Euer Interesse und die Reaktionen. Eines ist mir dabei wieder einmal klar geworden: Auch über 80 Jahre nach Kriegsende ist noch immer kaum eine Familie, die nicht betroffen war von dieser schrecklichen Zeit und ihren Ereignissen. Hoffentlich bleibt es bei dem "Nie wieder."
Herzlichst Anne

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