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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von En-hedu-ana (En-hedu-ana).
Veröffentlicht: 22.02.2026. Rubrik: Persönliches


In Nöten mit Goethen - Teil 5: Thoas und Thiel

Als die Wohnung meiner Oma rekonstruiert wurde, verschwand dein Bild von der Wand über ihrem Bett. Ich weiß nicht, wohin wir es taten. Es musste alles so schnell gehen. Nur dein Sommerhaus fanden wir danach wieder und hängten es an seinen Platz zurück. Oma sah es und sagte: „Das wird wohl auch nicht mehr lange“, und deutete auf das sich aus dem Rahmen rollende Papier. Zum ersten Mal betrachtete ich es mir genau. Ich sah die feinen Striche, die, obwohl gedruckt, so wirkten, als hätte sie der Maler gerade erst aufgebracht.

Oma selbst wurde immer kleiner und sprach kaum noch von dir. Wann hatte sie dich das letzte Mal gelesen? Wenn sie etwas las, musste sie sich das Buch ganz nah vor die vom Diabetes fast blinden Augen halten. Ihre Ausgabe von Herrmann und Dorothea steht nun in meinem Bücherschrank. Darauf ihr Name in ihrer stolzen, geraden Schrift. Es wartet darauf, von mir gelesen zu werden.

Ich wiederholte die 12. Klasse auf einem anderen Gymnasium. Statt Faust setzte uns die Lehrerin Iphigenie auf Tauris vor. Ich verliebte mich in Thoas, sein Schicksal ging mir nah, sein Leb wohl!, mit dem er sich an Iphigenie wandte, berührte mich so sehr, dass ich eine Eins aufs Papier kleckste. Von meiner Lehrerin bekam ich zu hören, dass ich unberechenbar sei, hier genial, dort knapp am Ausfall vorbei. Sie raufte sich die Haare und mahnte mich: „Treib dieses Spiel bloß nicht im Abitur!“ Ich nickte und zuckte zugleich mit den Schultern. Ich ahnte, dass ich nur schreiben könne, wenn es mich ergriffe – so, wie späterhin, als ich die Geisteszustände des Bahnwärter Thiel erfasste.

Es gab trotzdem nur eine Drei, weil ich die epochetypischen Merkmale nicht benannt hatte. „Bei Iphigenie hat es doch geklappt, warum dann nicht hier?“, barmte meine Lehrerin. Ich habe lange auf diesen Aufsatz gestarrt, ihn schließlich weggelegt, weil ich begriffen hatte, dass mich derlei Fragen beim Thiel nicht interessierten.

Ich begann Hauptmann zu lesen, weil mich das von ihm beschriebene Leben der einfachen Menschen interessierte. Sein Blick, der wertend, aber nicht bewertend, geschweige denn abwertend, war. Und er zog mich, wenngleich anders als Kafka, so doch auch auf den Grund der menschlichen Verzweiflung, ins Unheimliche, Transzendentale hinab.

Heute überlagern sich die Bilder des Thiel mit denen aus dem für das Fernsehen der DDR gedrehten gleichnamigen Film. Wie sich Martin Trettau dem Wahn hingibt, ja, geradezu entgegenreckt, die Augen halb geschlossen, das Foto seiner Liebsten ans Herz gedrückt, während draußen in Eiseskälte ein Zug vorbeirast, finster grollend wie eine die Erde aufreißende Urgewalt. Indessen hockt er in seinem Bahnwärterhäuschen, das ihm zum Schrein geworden. Umwoben von düsterer Einsamkeit, in dem die Flamme einer einzigen Kerze verrenkte Schatten an die Wände zuckt.

Gerade dieses Bild hatte ich auch während meines Aufsatzes vor Augen, als ich Thiels Abstieg in den Wahnsinn nachverfolgte. Es sei mir eine psychologisch exzellente Ausführung gelungen, schrieb mir meine Lehrerin unter die Arbeit.

Im Abitur erhielt ich auf die Erörterung zum Schloss Dürande von Eichendorff 8 Punkte, also wieder eine Drei. Ich erinnere mich an nichts mehr. Wer, was, wann, wo und wie? Dafür liebe ich seinen Taugenichts, weil er das kann, was ich gern verinnerlichen würde – innezuhalten und den Augenblick zu genießen. Bewusstheit in der Selbstvergessenheit.

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