Veröffentlicht: 17.03.2026. Rubrik: Satirisches
Schicksal einer Zweitgeborenen
Bereits bei meiner Geburt,
war meine Schwester sauer.
Monatelang hatte man ihr
einen Michael versprochen.
Einen Bruder,
mit dem sie ihre Puppen nicht teilen muss.
Und was kam: ich.
Neun-ein-halb Pfund Mädchen,
sechzig Zentimeter Enttäuschung,
in einem Paket ohne Retourenschein,
geliefert von einem Storch,
der keinen Plan von Logistik hatte.

Ich blieb,
wuchs,
gedieh
wurde zum Vorbild
des Michelin-Männchens,
mit einem zweisprachigen Wortschatz:
Hessisch und Hochdeutsch,
oder: Dialekt und Duden.
Mein Lieblingssatz:
„Wu will auer Kow hau es Ha hi hu?“ (wo will Eure Kuh heute das Heu hin haben)
löste bei Opa Begeisterung aus,
als hätte ich die Weltformel gelöst.
Meine Schwester hielt an ihrer Einstellung fest:
„Ein Mädchen in der Familie reicht.“
Aber wo war das zweite Mädchen?
Meine Schwester liebte: Kleidchen, Puppen, Sauberkeit.
Ich: Hosen, Dreck und Abenteuer.
Sie: „Iiiih!“
Ich: „Geil!“
Auf Fotos trugen wir dieselben Kleider-
genäht von Mutter.
Pseudo-Harmonie zum Anziehen,
die nach dem Klick sofort wieder verflog.
Und heute?
Auch heute noch
sind wir wie Öl und Wasser.
Man kann rühren,
schütteln,
beten -
es kommt zu keiner Verbindung.
Aber-
ich bin dankbar,
dass mich der Schöpfer
zu dem gemacht hat,
was ich bin
und dass es damals
noch keinen Retourenschein gab.
Wer hätte Euch sonst
diese Geschichte erzählt?
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