Veröffentlicht: 22.03.2026. Rubrik: Satirisches
KI und die letzte Mahnung
Heute erhielt ich Post vom Versandhaus. Bisher hat mich solche Post nicht interessiert. Seit meine Ex mich vor Kurzem verlassen hat, gehört es aber zu meinen Pflichten, auch diese Post zu öffnen und zu lesen.

Meine Ex hatte nämlich eine bemerkenswerte Angewohnheit entwickelt. Sie kaufte auf meinen Namen ein. Nicht etwa Bücher oder Werkzeug, was ich noch nachvollziehen könnte, sondern Dessous, BHs, diverse Röcke und Jeans. Alles in unterschiedlichen Größen.
Die Bezeichnung der Damengrößen ist überhaupt sehr merkwürdig. Offenbar folgt die Damenkonfektion einer mathematischen Logik, die sich dem männlichen Verstand entzieht. Mal ist eine 36 eine 40, mal eine 38 eine 42. Vermutlich hängt das mit den Mondphasen oder der Luftfeuchtigkeit zusammen. Oder es soll die männliche Ratlosigkeit auf die Probe gestellt werden. Man weiß es nicht. Jedenfalls bestellte meine Ex prinzipiell mehrere Größen desselben Kleidungsstücks.
Diese Rechnungen erhalte ich nach wie vor. Doch warum muss ich diese Rechnungen bezahlen? Diese Klamotten sind nicht für mich. Ich trage sie auch nicht.
Mich schriftlich dagegen zu wehren, dauerte mir zu lange.
Deshalb griff ich gleich zum Telefon, um diese Angelegenheit zu klären. Am anderen Ende meldete sich eine angenehme, leicht metallische Stimme. Eine künstliche Intelligenz.
Ich erklärte der KI geduldig mein Problem. Sie war höflich, aber offensichtlich mehr künstlich als intelligent. Also wiederholte ich, dass die Bestellungen von meiner Ex stammten und nicht von mir. Dass ich mit BHs und Dessous im Alltag nur begrenzt etwas anfangen kann. Und dass Röcke in meiner Region traditionell eher selten von Männern getragen werden.
„Ich wohne schließlich seit meiner Geburt in Sachsen“, fügte ich zur Klarstellung hinzu.
Die Stimme blieb höflich. Ich wurde deutlicher.
„Sie wissen doch alles über mich“, sagte ich. „Die Daten der Schufa sind ihnen zugänglich. Sie wissen auch, dass ich beim Bezahlen von Rechnungen eine gewisse Zurückhaltung pflege. Wenn also Forderungen bestehen, wenden Sie sich bitte an den Verursacher. Das ist meine Ex.“
Dann legte ich auf.
Man darf Maschinen nicht den Eindruck vermitteln, sie hätten das letzte Wort.
Heute nun kam die Antwort des Versandhauses.
Ich sah nur die Überschrift: Letzte Mahnung.
Endlich, dachte ich. Meine Beschwerde wurde verstanden und hatte Erfolg. Vermutlich war die Angelegenheit intern bereits geklärt worden.
Zufrieden steckte ich das Schreiben ungelesen in den Schredder.
In unserer heutigen Ellenbogengesellschaft muss man schließlich lernen, konsequent zu handeln.
Am Nachmittag klingelte es an der Tür.
Der Gerichtsvollzieher stand davor.
Er sah mich prüfend an. Sein Blick streifte mich von oben bis unten. Dann blätterte er in seinen Unterlagen, schüttelte leicht den Kopf und fragte schließlich mit professioneller Höflichkeit:
„Sagen Sie… „Tragen Sie diese Sachen wenigstens?“
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