Veröffentlicht: 22.03.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die gute alte Zeit
Mit der „guten alten Zeit“ ist es so eine Sache. Sie lässt sich weder mit einem bestimmten Datum, noch mit einem bestimmten Ereignis verknüpfen. Vielmehr ist sie ein Sammelsurium persönlicher Erlebnisse, an die man sich auch Jahre später noch gerne erinnert. So kann auch etwas völlig Alltägliches, an das man - ein wenig nostalgisch verklärt - zurückdenkt, zur „guten alten Zeit“ werden.
Dazu fällt mir eine kleine Begebenheit aus meiner Schulzeit ein:
Nachmittags, wenn ich nach dem Schulschluss nach Hause kam, saßen dort oft meine Oma und ihre Schwägerin in der Küche bei einer Tasse Kaffee und schwatzten miteinander. Sie waren beide schon über 70 Jahre alt und konnten sich ununterbrochen darüber unterhalten, was sie allein oder gemeinsam erlebt hatten. Besonders gern schwelgten sie natürlich in Jugenderinnerungen; was mir damals recht komisch vorkam, weil es mir schwer fiel, mir die beiden alten Frauen als junge Mädchen vorzustellen.
Einmal hatten sie dutzende vergilbter Fotos vor sich auf dem Tisch liegen, die sie sich anschauten. Bei fast jedem Bild wussten sie, wer darauf zu sehen und zu welchem Anlass es aufgenommen worden war.
Auf den Rückseiten einiger Fotos standen in gestochen scharfer Handschrift kurze Notizen. Leider konnte ich sie nicht lesen, denn sie waren in Altdeutsch geschrieben. Doch bei einem der beschrifteten Bilder gelang es mir, eine Jahreszahl zu entziffern.
Sofort begann ich davon zu erzählen, was ich über die Ereignisse dieses Jahres wusste – also das, was ich in der Schule darüber gelernt hatte. Ich bedauerte, dass sie in einer solchen furchtbaren Zeit aufwachsen mussten. Schließlich waren die Jahre nach dem 1. Weltkrieg von Entbehrung, Inflation, Arbeitslosigkeit, in unserer Gegend sogar von revolutionären, militärischem Auseinandersetzungen geprägt.
Im Geschichtsunterricht hätte ich mir mit diesem Vortrag mindestens eine 2 verdient. Aber die beiden Frauen schauten mich so entgeistert an, als hätten sie zum ersten Mal von diesen Geschehnissen gehört, als hätten sie diese überhaupt nicht miterlebt.
Meine Oma nahm mir das Bild aus der Hand und sah sich die Vorderseite an, auf der zwei junge Burschen zu sehen waren.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass sie einen roten Kopf bekam, als sie es ihrer Schwägerin gab. Und auch die drehte es erst einmal verlegen in den Händen. Doch dann steckten die beiden Alten ihre Köpfe zusammen und begannen zu kichern und zu tuscheln wie zwei ganz junge Mädchen.
Mich und meine Schulweisheit hatten sie völlig vergessen, denn sie waren jetzt in ihren „guten alten Zeiten“ angekommen.
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