Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
3xhab ich gern gelesen
geschrieben von Hessehex.
Veröffentlicht: 29.03.2026. Rubrik: Unsortiert


Mister Easy

Unser Haushalt bekam Zuwachs: Einen Wellensittich– eigentlich mehrere: Sozusagen einen nach dem anderen. Der erste Vogel war ein Weibchen. Das erfuhren wir aber erst später, als es nämlich nach einiger Zeit ein großes Gewächs am Hinterleib bildete und bald starb - vielleicht aus Kummer darüber, dass wir es „Hansi“ getauft hatten. Vom Züchter erfuhren wir dann, dass man entweder ein Pärchen halten solle oder ein einzelnes Männchen. Also wurde ein Pärchen angeschafft, aber diese Zwangsehe funktionierte nicht. Die beiden bissen sich, was das Zeug hielt und der Züchter holte sie schon bald wieder ab, nicht ohne gleich Nachschub dazulassen. Dieser Junggeselle zeichnete sich aus durch übertriebene Menschenscheu, und als mein Opa seinem Käfig zu nahekam, fiel der Vogel tot von der Stange: Das Herz – oder war es etwa Opas Anblick? Die Zahl der kleinen Gräber in unserem Garten nahm zu... Nun, irgendwann ist jeder mit dem Glückhaben dran: Es kam der richtige Hansi (diesmal ein blauer, nachdem wir mit grün, türkis und gelb so viel Pech hatten), und er wurde ausschließlich MEIN Hansi! Das ging so weit, dass er zur selben Zeit aß wie wir, mittags sogar von meinem Teller. Er kam angeflogen, fischte sich eine Nudel aus meiner Suppe auf den Tellerrand und verspeiste sie dort sauber und vornehm. Sehr gerne mochte er auch Kartoffeln, er war nicht wählerisch. Auch seine eigene Kost verschmähte er nicht: Hirse liebte er, da kannte er kein Maß und Ziel. Nachdem er sich des Öfteren nach deren übermäßigem Genuss übergeben hatte, wurde sie streng rationiert. Sein Käfig stand auf dem Küchenschrank und mir oblag es, für frisches Futter, Wasser und Sand zu sorgen sowie in regelmäßigen Abständen seinen Käfig mit Seifenlauge zu reinigen. Er hatte verschiedene Spielsachen darin hängen: Ein Glöckchen, einen Spiegel, einen gelben Plastikfreund und diverse Kletterstangen, auch einen Wetzstein für seinen Schnabel und die Krallen.
Mit Hansi konnte man herrlich spielen: Ich versteckte mich, und er musste mich suchen. Das erledigte er teilweise zu Fuß und blähte sich vor Stolz, wenn die Suche erfolgreich war. Auf meinem Kopf baute er sich ein Nest aus meinen Haaren und ließ sich durch die ganze Wohnung tragen. Oder er flog auf den Fußboden und kletterte auf einen meiner Füße. Hatte er davon genug, hangelte er sich von dort nach oben bis auf meine Schulter, knabberte an meinem Ohr und brabbelte vor sich hin. Ja, er lernte nach einer gewissen Zeit sogar sprechen! Da meine Mutter es nicht gern sah, wenn er seine Häufchen oder während der Mauser seine Federn in der Wohnung verbreitete, blieben seine Aktivitäten meist auf die Küche beschränkt – sehr zu seinem und meinem Leidwesen. Diese besagten Häufchen hatten den Vorteil, dass sie keine Flecken hinterließen. Sie trockneten binnen kürzester Zeit ein und konnten mühelos entsorgt werden, waren also durchaus nicht eklig. Aber der Küchenschrank sah schon schlimm aus, denn Hansi aalte sich im Vogelsand, dass es nur so spritzte. Oft musste ich mit Schaufel und Besen dort wieder für Sauberkeit sorgen. Der Sand enthielt wohl auch Bestandteile gegen Parasiten, trotzdem hatte er eines Tages Milben und musste mit entsprechendem Puder eingestäubt werden – aber von mir ließ er sich das schon gefallen, ich durfte ihn sogar in die Hand nehmen.
Hansi beobachtete von seinem erhöhten Startplatz aus genau, wenn einer von uns sich anschickte, ins Wohnzimmer zu gehen. Dann kam er im Sturzflug und versuchte, mit hineinzuschlüpfen. Einmal wurde er so zwischen Tür und Rahmen eingeklemmt. Er war sehr lange krank. An einen Tierarztbesuch dachte damals niemand, außerdem gab es im Ort nur einen Viehdoktor. Wir fürchteten ernsthaft um sein Leben. Gott sei Dank erholte er sich wieder, aber er behielt eine Hühnerbrust bis zu seinem Ende. Seine zweite schlimme Verletzung holte er sich beim Baden. Hansi hatte in seinem Edelzwinger sogar Badegelegenheit: Ein durchsichtiges Plastikgehäuse, welches mit Wasser befüllt vor den Käfigausgang gehängt werden konnte. Er verschmähte es aber und badete nur in unserem großen Porzellanspülbecken und ausschließlich unter fließendem Wasser. Natürlich handelte es sich hier um kaltes Wasser, warmes Wasser aus der Leitung gab es damals nur in neueren Privathäusern. Nach einem solchen Bad schüttelte er sich, dass es nur so spritzte. Trotzdem gelang ihm mit dem nassen, schweren Gefieder nicht der Rückflug in seinen Käfig. So wurde das triefende Bündel von mir behutsam in ein Handtuch platziert und vorsichtig angetrocknet.
Eines Tages hatte ich mir in der Spülschüssel heißes Wasser und Seife vorbereitet. Hansi sah das und beschloss spontan, ein Bad zu nehmen. In der Annahme, das Wasser sei kalt, hüpfte er in die Schüssel hinein. Geistesgegenwärtig griff ich ins heiße Wasser und schaufelte ihn heraus, aber er war schon schwer verletzt. Alle Federn fielen ihm aus und der ganze Brustbereich war eine einzige nässende Wunde. Während ich dies schreibe, fühle ich noch die Aufregung und das Mitleid, das uns alle damals ergriff. Bezeichnenderweise kann ich nicht mehr sagen, was mit meiner verbrühten Hand geschah. Das arme Tier aß und trank nicht, saß tagelang bis zur völligen Entkräftung mit hängendem Kopf auf der Stange, und wir konnten ihm nicht helfen. Wir litten alle fürchterlich. Aber er muss einen tollen Schutzengel gehabt haben – er wurde wieder!
An sonnigen Tagen wurde sein Käfig vors Fenster an einen Nagel gehängt, und so konnte er die anderen Vögel beobachten. Die jedoch wollten von ihm nichts wissen. Wen wundert es, dass unser Hansi einen starken Drang zur Freiheit entwickelte. Heimlich und von uns unbemerkt übte er, seine Käfigtür selbst zu öffnen, und eines Tages klappte das auch. Stolz thronte er oben auf seinem Käfig und ließ sich auch durch mein Bitten und Flehen nicht halten – weg war er. Da war was los! Alle Nachbarn beteiligten sich an der Suche, alle Büsche und Bäume in der Nachbarschaft wurden durchkämmt, jeder wollte irgendwo einen blauen Vogel gesehen haben. Aber Hansi war und blieb fort. So fing denn ein großes Trauern an bei uns. Es wurde nicht viel gesprochen, aber wir hatten alle beim Abendbrot keinen Appetit, und mancher stumme Blick fiel auf den leeren Käfig. Als ich mittags aus der Schule kam und die Wohnung leer und ruhig vorfand, wo mich mein Vogel sonst freudig begrüßte, da war die Tragödie perfekt. Am späten Nachmittag aber – Hansi war schon einen Tag weg – kam unsere Nachbarin und hielt etwas in der Hand, strahlend stolz und siegessicher. Als sie die Hand öffnete, brach der Jubel los! Um es kurz zu machen: Sie hatte bei ihrem Spaziergang mit den Kindern im Maschendrahtzaun einer nahegelegenen Hühnerfarm einen blauen Fleck entdeckt, der sich beim Näherkommen als Vogel entpuppte – das musste Nachbars Hansi sein! Er ließ sich auch willig in die Hand nehmen und nach Hause transportieren. Endlich war die Welt wieder in Ordnung! Der Großvater nagelte einen Fliegendraht vors Küchenfenster, und Hansi bekam eine schwenkbare Luxus-Sitzstange am Fensterrahmen installiert. Von diesem Logenplatz aus konnte er Licht und Luft genießen, aber nicht mehr entfliehen.

Wir konnten nicht wissen, dass an ein Entfliehen kurze Zeit später eh nicht mehr zu denken war. Das kam so: Hansi hasste die Farbe gelb. Das bekam sein gelber Plastikkamerad sehr oft zu spüren, und wenn wir Hansi ärgern wollten, hielten wir ihm etwas Gelbes vor die Nase. Am liebsten aber hackte er auf eine alte, eingetrocknete Zitrone ein. Die konnte er natürlich nicht fassen, sie rollte immer weg. Das machte ihn noch wütender. Eines Tages passierte es dann: Im Eifer des Gefechts hatte Hansi die Zitrone vor sich her gerollt bis zum Ende des Fensterbretts. Die gelbe Kugel war so stark ins Rollen gekommen, dass sie von dort herunterfiel auf den Fußboden und unseren Hansi mit sich riss. Er kam so unglücklich zu Fall, dass er sich einen Flügel brach. Aber auch das ließ unseren Sonnenschein nicht verzweifeln - er entwickelte sich einfach zum Fußgänger. Von nun an mussten wir bei jedem Schritt aufpassen, dass wir nicht auf ihn traten. Von seinem Käfig auf dem Küchenschrank konnte er zwar noch herunterflattern, aber hinauf kam er nur noch mit unserer Hilfe. Uns erleichterte das natürlich, ihn abends zur Ruhe zu bringen. Das war vorher nicht einfach, kannte er doch alle unsere Tricks, mit denen wir ihn zur Nachtruhe in seinen Käfig locken wollten – wie ein kleines Kind, das nicht ins Bett will. Hatten wir es endlich geschafft, wurde zwar ein Tuch über seinen Käfig gelegt, dennoch gab er erst Ruhe, wenn auch wir zu Bett gingen.

Jedenfalls brachte ihm das Überstehen all dieser Schicksalsschläge den Spitznamen „Mister Easy“ ein, kurz „Easy“ genannt. In all den Jahren hat mich mein Hansi nicht einmal mit seinem kräftigen Schnabel gezwickt oder nach mir gehackt – bei anderen passierte das schon, wenn ihm etwas nicht passte!
Hansi hat ein sehr hohes Alter erreicht: 18 Jahre! Er lebte noch, als mein Großvater einige Jahre später starb. Auch als ich acht Jahre später das Haus verließ, um zu heiraten, lebte er noch. Wie einsam muss er sich vorgekommen sein, alleine in der Wohnung... Sogar als mein Kind schon geboren war, lebte er noch, und meine Mutter brachte ihn mir, als sie zum ersten Male zu ihrer Schwester nach Amerika flog. Aber da hatte ich ein neues Spielzeug, und Hansi spürte das auch – er saß meist regungslos wie ein müder alter Mensch. Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich dem Tier seine Liebe so schlecht gelohnt habe. Ein ständig sich wiederholender Traum quält mich über Jahre: Ich habe vergessen, den Vogel zu füttern und bin in Todesangst, dass er inzwischen verhungert sei. Bisher hat er jedoch jedes Mal überlebt. Mir fällt das Lied ein von Paff, dem Zauberdrachen, und ich denke in Liebe und Dankbarkeit an den besten Spielkameraden meiner Jugendzeit.

counter3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Rautus Norvegicus am 29.03.2026:

Liebe Hessehex, eine wirklich beeindruckende Erzählung über Hansi.

Der Vogel hat viel erlebt und erleben müssen, aber ähnlich erging es auch einigen Tieren von mir. Das Leben ist eben kein Ponyhof. Wirklich toll und auch bewegend geschildert!

Mit lieben Grüßen
🐀
Rautus




geschrieben von Hessehex am 29.03.2026:

Danke Rautus !!! LG




geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 29.03.2026:

Hallo @Hessehex,
Deine Story von Hansi habe ich sehr gern gelesen.
Gegen Deinen Hansi ist ja unser Wellensittich mit seinen Blessuren ziemlich gut weggekommen.
Der Hansi war ja ein ziemlich harter "Hund". 😎
Danke, dass Du ebenfalls eine so schöne Erinnerung in unser Forum gestellt hast.
Viele Grüße, Jo

Mehr von Hessehex:

Oster-Nostalgie
Damian
Na dann Prost !
Die betrogene Generation
Eine wahre Geschichte