Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 04.04.2026. Rubrik: Aktionen


Der Hügel im Wald

Oberhalb unseres Dorfes lag ein Wald.

Meine Mutter ging jeden Mittwochnachmittag mit meiner Schwester und mir dorthin.
Es war ein Spaziergang von etwa fünfundvierzig Minuten, erst der Strasse entlang, dann rechts in den Wald hinein. Am Ende wartete ein Restaurant mit einem kleinen Flugplatz für Sportflugzeuge und – für uns wichtiger – ein Spielplatz.

Der Weg war immer derselbe.

Auf halber Strecke standen zwei grosse Findlinge, etwa zwei Meter hoch.
Sie waren bekannt als Zwölfi-Steine.
Man sagte, dass sich Verliebte dort um Mitternacht trafen.

Für uns waren es einfach der Mädchen- und der Knabenstein.
Und jedes Mal kletterten wir hinauf.

Kurz vor den Steinen führte ein schmaler Trampelpfad nach rechts in den Wald.
Er war leicht zu übersehen, wenn man ihn nicht kannte.

Als ich älter wurde, ging ich manchmal allein in den Wald.
Mit etwa zwölf folgte ich diesem Pfad zum ersten Mal.

Nach vielleicht hundert Metern teilte er sich.
Links ging es hinunter ins Tobel.
Geradeaus führte ein kaum sichtbarer Weg auf einen kleinen Hügel.

Ich kannte diesen Hügel nicht.

Also ging ich hinauf.

Oben war nichts.

Nur eine kleine Lichtung.

Und doch war da etwas.

Es war stiller als im restlichen Wald.
Nicht einfach ruhig – anders.
Gedämpft.

Ich blieb stehen.

Für einen Moment hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein.

Nicht beobachtet.
Eher… bemerkt.

Dann ging ich wieder.

Zuhause fragte ich unseren Nachbarn.
Er hatte sein ganzes Leben im Dorf verbracht.

Ob er den Hügel kenne.

Er nickte.

„Man vermutet, dass dort einmal eine Burg stand“, sagte er.
„Nicht bewiesen. Aber es würde passen. Von dort oben hätte man alles überschauen können.“

Er schwieg einen Moment.

Dann fügte er hinzu:
„Es gibt Orte, die vergessen nicht, was einmal war.“

Ich war lange nicht mehr dort.

Jahre später kam ich zurück.

Der Weg war noch derselbe.
Auch die beiden Findlinge standen noch da.

Ich ging den Pfad hinunter.
Den Hügel hinauf.

Die Lichtung war unverändert.

Ich trat in die Mitte.

Und blieb stehen.

Ich könnte sagen, was ich gesehen habe, aber besser nicht.

Nur so viel:

Es war kein Wald.

Ich ging.

Ohne mich umzudrehen.

counter2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Mehr von Phoberos (Phoberos):

Das Artefakt
Die einzige Niederlage
Ich liebe es zu gewinnen
Die grösstmögliche Zahl
Hinter dem Helden steht immer einer von uns