Veröffentlicht: 08.04.2026. Rubrik: Unsortiert
Ich mach mein Ding
Ich mach' mein Ding.
„Ich mach' mein Ding – egal, was die anderen labern und raten.”
Seit ich diesen Song von Udo Lindenberg das erste Mal gehört habe, wusste ich: Das wird mein Lebensmotto. So leicht gesagt – und doch so schwer umzusetzen.
Ich versuche jeden Tag aufs Neue, mein Ding zu machen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Aber ich bleibe dran.
Es beruhigt mich, dass Themen wie Unsicherheit, Selbstzweifel oder Depression heute immer mehr in der Öffentlichkeit auftauchen. Viele bekannte Menschen sprechen offen darüber – und das zeigt mir: Ich bin nicht allein.
Und doch gibt es dieses kleine Aber. Es ist da, wenn jemand die Augenbrauen hebt, ein falsches Lächeln zeigt oder eine abfällige Bemerkung fallen lässt. So sehr ich mir wünsche, unerschütterlich zu sein – es trifft mich.
An mich selbst zu glauben, Dinge zu tun, die mich glücklich machen, ohne ständig an mir zu zweifeln – das ist mein tägliches Ziel. Aber alte Stimmen in meinem Kopf flüstern noch immer:
„Das macht man nicht.”
„Was sollen die Leute denken?”
„Du bist zu direkt.“
Diese Glaubenssätze sind wie kleine Stolpersteine aus der Kindheit – unscheinbar, aber tückisch. Sie lassen mich manchmal an mir selbst zweifeln.
Manchmal frage ich mich: Sind die Obdachlosen, die durch die Straßen ziehen, nicht mutiger als ich? Sie zeigen sich der Welt ohne Maske, ohne Angst, beurteilt zu werden.
Als Kinder waren wir doch alle mutig. Wir lachten laut und sagten, was wir dachten, ohne uns zu fragen, ob das jemand stört. Irgendwann kamen dann die Zweifel – und mit ihnen das Schweigen. Unser Selbstwertgefühl wurde nicht geboren, es musste sich mühsam entwickeln.
Ein Leben lang sich danach zu richten, wie andere einen sehen – das ist anstrengend. Immer gefallen zu wollen, um gemocht zu werden, kostet Kraft. Doch gemocht zu werden, ist zutiefst menschlich.
Ich war immer ein Mensch mit Humor, Energie und einem Schuss Kreativität. Wenn ich mich wohl fühlte, konnte ich andere mitreißen, für gute Stimmung sorgen. Wenn mich Angst oder Unsicherheit packten, habe ich versucht, sie mit Lachen zu bekämpfen. Nicht alle mochten meine direkte Art – das ist heute okay. Ich will nicht mehr alle überzeugen.
1991. Der erste Computerkurs. Wir alle – ausgebildete Ausbilder – saßen da wie Kinder in einer neuen Welt. Vorn stand ein Mann im Anzug, erklärte uns die Anwesenheitsliste und sagte: „Bitte tragen Sie Ihren Namen in die Spalte ein.“ Ich hob die Hand: „Habe ich das
richtig verstanden?“ „Heute trage ich meinen Namen ein – und nicht den meiner Nachbarin?”
Das Gelächter war groß. Der Dozent war irritiert. Aber mein Herz schlug schon damals für Verständigung. In der Pause ging ich zu ihm, bot ihm meine Stulle an und sagte: „Kennen Sie das aus der Schulzeit – Stullen tauschen?“ Er schaute mich irritiert an. Kurz darauf saß er bei uns, wir lachten zusammen. Die Mauer, die noch zwischen uns hing, fiel – zumindest für diese drei Tage.
Ein Jahr später traf ich ihn auf einer Fortbildung wieder. Als er mich sah, hob er lachend die Hände: „Bitte nicht diese Frau in meinem Seminar!“ Und wir wussten beide: Humor verbindet.
1992 machte ich ein Studium zur Sozialarbeiterin. Wir waren eine Gruppe von Menschen mitten im Leben, fast alle aus dem Osten. Unsere Dozentinnen kamen überwiegend aus den alten Bundesländern – und einige ließen uns spüren, dass sie uns für weniger kompetent hielten.
In einer Übung sollten wir eine Szene auf dem Jugendamt spielen: ein Elterngespräch mit einem pubertierenden Kind. Ich spielte das Kind – und, zugegeben, ich übertrieb. Mit typischen Sprüchen und trotzigem Ton. Die Dozentin, die die Beraterin spielte, kam ins Straucheln und brach das Spiel schließlich ab. Sie war überfordert. Ich dachte nur: Manchmal ist Realität schwerer auszuhalten als Theorie.
Danach leitete ich eine Kinder- und Jugendeinrichtung. Jedes Jahr das gleiche Chaos: Finanzierungsunsicherheiten, befristete Verträge, Haushaltssperren. Eines Tages hatte ich genug. Ich hetzte – ja, ich gebe es zu – die Honorarkräfte zum Streik auf. Als Angestellte im öffentlichen Dienst durfte ich das eigentlich nicht. Aber mein Herz schlug für Gerechtigkeit.
Als wir später im Amt vorgeladen wurden, hieß es: „Bitte alle Namen und Adressen aufschreiben.“ Ich sagte trocken: „Die Stasi-Zeiten sind vorbei. „Sie haben doch die Verträge – da steht alles drin.“ Ich hätte eine Abmahnung bekommen können. Stattdessen wurde ein paar Tage später die Haushaltssperre aufgehoben.
1997/98. Kamen viele Familien aus Jugoslawien. Der Krieg war zu Ende und hinterließ Spuren bei den Kindern-und Jugendlichen. Unsere Einrichtung wurde ein Treffpunkt für Jugendliche aus Albanien, Bosnien und Serbien. Dazu kamen Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Eine andere Kultur, andere Bräuche und Regeln waren eine großen Herausforderung.
Eines Abends feierten wir ein Fest mit 60 albanischen Jungs – emotionale Musik schallte durch den Raum, das Essen hatten sie mitgebracht und es wurde im Kreis getanzt. Als ich „Aufräumen!“ rief, wollten alle verschwinden. Ich stellte mich in die Tür, gab Eimer und Lappen aus: „Ich weiß, zu Hause machen das eure Mütter oder Schwestern – aber hier läuft das anders!“ Natürlich gab es Protest aber sie akzeptierten – und blieben. So
wischten wir gemeinsam. Im Nachhinein frage ich mich, ob man das heute, 2025, noch so erleben würde.
In Gedanken sitze ich manchmal auf einer Couch – neben mir Udo Lindenberg. Wir singen zusammen laut „Ich mach' mein Ding..." Er schaut mich an und fragt: „Hast du deine Träume und Wünsche wirklich gelebt, ohne dich von anderen bremsen zu lassen?“
Ich überlege kurz, dann sage ich: „Ja, Udo. Ich habe zwei Kinder bekommen – unter nicht einfachen Bedingungen. Ich habe den Beruf gewählt, der zu mir passt. Ich habe mich aus einer toxischen Beziehung gelöst. Ich habe berufliche Herausforderungen angenommen – und losgelassen, wenn es Zeit war. Ich habe meinem Sohn beigestanden, als er schwach war. War für meine Tochter ohne Zweifel an ihrer Stärken, da. Ich habe Menschen losgelassen, die mir nicht guttaten. Ich habe dem Krebs den Kampf angesagt. „Und ich habe den Mut gefunden, meine Geschichten aufzuschreiben – um sie mit anderen zu teilen.“
Udo nickt, zieht an seiner Zigarette, lächelt und singt: „Wieder genauso tun, so wie es war…“
Ich lächle zurück und denke: „Ja, Udo – ich mach’ mein Ding. „Jeden Tag ein wenig mehr.“
4x



