Veröffentlicht: 24.04.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Der Spiegel
Vorwort: Hier eine kleine Story zur einer meiner liebsten urbanen Legenden. Viel Spaß beim lesen! (Und vielleicht denkt ihr an diese Geschichte, wenn ihr das nächste mal in den Spiegel schaut)
Das kalte Badezimmerlicht flackerte, als ich mich vorbeugte. Nur ein dummes Spiel, dachte ich, während mein Atem den Spiegel beschlug. „Bloody Mary“, flüsterte ich. „Bloody Mary.“ Beim dritten Mal blieb das Echo an den Fließen kleben.
Plötzlich verzerrte sich mein Spiegelbild. Eine Frau stand dort, wo eben noch die Wand war. Sie war atemberaubend schön, doch ihre Haut glitzerte grausam – hunderte feine Glasscherben steckten tief in ihrem Fleisch, wie Diamanten aus Schmerz. Bevor ich schreien konnte, schoss ihre Hand aus der glatten Oberfläche und krallte sich in mein Hemd. Mit übermenschlicher Kraft riss sie mich vorwärts. Das Glas gab nach wie Wasser, und ich stürzte in eine kalte, dunkle Unendlichkeit.
Ich fand mich in einem Labyrinth wieder. Ein endloses Spiegelkabinet, in dem jede Wand mein panisches Gesicht reflektierte. Die Frau war überall. Sie flüsterte meinen Namen aus tausend Richtungen, ihr Lachen klang wie zerbrechendes Kristall. Der Wahnsinn fraß sich in mein Hirn, bis ich es nicht mehr aushielt. Mit bloßen Fäusten schlug ich zu. Immer und immer wieder peitschte ich auf mein eigenes Abbild ein, bis die Wände barsten. Blut lief über meine Knöchel, und die scharfen Splitter schnitten tief in meine Arme, doch ich hörte nicht auf.
In der Ferne sah ich einen Rahmen, der noch ganz war. Mit letzter Kraft sprang ich hindurch.
Ich erwachte auf dem harten Badezimmerboden. Mein Herz raste, mein Körper zitterte, aber alles war still. „Nur ein Traum“, keuchte ich und rappelte mich mühsam hoch. Ich wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser, um die Visionen zu vertreiben. Doch als ich den Blick hob und in den Spiegel sah, gefror mir das Blut in den Adern.
Mein Gesicht war bleich, doch unter der Haut regte sich etwas. Mit einem leisen Knirschen stießen die ersten Spitzen durch meine Wangen. Scharfe, klare Glasscherben wuchsen wie bösartige Blumen aus meinem Fleisch, und im Hintergrund des Spiegels sah ich sie lächeln, während sie darauf wartete, dass ich entgültig zerbreche. Es war kein Traum – die Verwandlung hatte gerade erst begonen.





