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geschrieben 2026 von Michael Niemann (michiausessen).
Veröffentlicht: 02.11.2026. Rubrik: Persönliches


Eine autobiographische Kurzgeschichte, deren Anfang sich schon vor meiner Geburt abspielte

Eine autobiographische Kurzgeschichte? Kann man seine eigene Autobiographie in Form einer Kurzgeschichte schreiben? Also, einen Versuch ist es wert, glaube ich, deshalb fange ich jetzt einfach mal an und schaue, wie weit ich komme. Und dann kann eine Fortsetzung ja immer noch verfasst werden. Ich habe nämlich schon mal eine Kurzgeschichte mit dem folgenden Titel geschrieben: "Eine kurze Geschichte mit ihrem Ende am Anfang und ihrem Anfang am Ende oder der Anfang vom Ende des gesunden Menschenverstandes". Und einer der ersten Leser dieser Geschichte hat sie kurz nach meiner Veröffentlichung im Internet folgendermaßen kommentiert: "Das ist ja fast eine Urknall-Geschichte".

Auch in meiner autobiographischen Kurzgeschichte wird es um einen Urknall gehen, der am 1. Juni 1967 begann und sich am 23. Februar 1968 vollendete. Acht Monate und dreiundzwanzig Tage sind natürlich ein Klacks, gemessen an den circa 13,8 Milliarden Jahren, die vor diesem Zeitraum lagen und die Zeitspanne definieren, an dessen Anfang es nach heutigen menschlichen Erkenntnissen den bisher einzigen Urknall in der Geschichte des Universums gab. Aber wer sagt denn, dass dies auch wirklich so war? Denn 13,8 Milliarden sind ja rein mathematisch keine unendliche Zahl. Und erst recht keine irrationale, so wie “3,14159undsoweiter”, also die Zahl Pi, die seit jeher als irrational definiert wird, heute aber trotzdem ein unerlässliches Hilfsmittel für die Berechnung des Umfangs oder des Flächeninhaltes von Kreisen ist. Wenn also 13,8 Milliarden Jahre weder unendlich noch irrational sind, muss es doch in der Historie des Universums auch schon mal irgendetwas anderes gegeben haben, oder nicht? Und man sollte ja nicht immer nur fragend auf die Ereignisse der Weltgeschichte zurückblicken, sondern auch möglichst optimistisch nach vorne schauen und vielleicht darauf hoffen, dass ein zweiter oder weiterer Urknall in naher oder ferner Zukunft das ganze Chaos, in das die Menschheit die Erde in den letzten Jahren gestürzt hat, zumindest vorläufig mal etwas ausbremst.

Bevor ich nun mit der eigentlichen Einleitung meiner autobiographischen Kurzgeschichte fortfahre, möchte ich hiermit mal in den Raum stellen, als was ein sogenannter "Urknall" auch noch verstanden werden kann. Nämlich als die Entstehung - oder besser gesagt: die Indieweltsetzung - eines neuen Menschen. Und diese vollzieht sich aus meiner Sicht ziemlich zeitgleich mit der Kollision einer männlichen Samenzelle mit einer weiblichen Eizelle. Oder möglicherweise auch umgekehrt, wenn die Weibliche dabei etwas schneller war als die Männliche. Und dann gibt es vermutlich noch eine höhere Instanz, die den Erfolg einer solchen Kollision bestätigt und die ich hiermit einmal "Gott" nennen möchte. Natürlich kann ein so neu erschaffener Mensch seine Umgebung nicht sofort richtig wahrnehmen, sondern nur ganz allmählich. Wann diese Allmählichkeit genau endet, möchte ich an dieser Stelle aber erst einmal offenlassen.

Doch nun zur angekündigten Einleitung meiner Geschichte, an deren Anfang das Wort steht. Das Wort "Versprechen", das Johannes, der Sohn des Holzschuh-machers Franz aus der Dingdener Dorfbauerschaft einer Hemdener Jungfrau Maria in einem Tanzsaale zu Spork leise ins Ohr flüsterte. An einem Tag, den ich schon längst vergessen habe, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er sich lange vor meiner eigenen Zeit abspielte, spielte im Hintergrund eine laute Musik. Johannes flüsterte Maria deshalb so laut wie nötig, aber so leise wie möglich ins Ohr: "Und ich verspreche Dir hiermit, dass ich alles dafür tun werde, einen neuen Urknall herbeizuführen. Soviel ich weiß, liegt der letzte ja schon 13,8 Milliarden Jahre zurück, und bis ich für einen neuen gesorgt haben werde, lass uns erst nochmal ein bisschen tanzen." Er tat dies in einem plattdeutschen Dialekt, aber wenn ich den hier jetzt möglichst wortgetreu wiedergäbe, würde das niemand verstehen, vermutlich noch nicht einmal ich selbst. Maria willigte also ein, ebenfalls auf Plattdeutsch, und dann tanzten die beiden so lange, bis sie erst einmal eine Pause machen mussten.

"Wie was ik? Nich fehlerfrei, or wat denk' se, Maria?" frage Johannes anschließend ziemlich erschöpft, denn der Walzer, der Schlager, der Foxtrott, oder welcher Rhythmus damals auch immer gespielt wurde, war von der Blaskapelle, die sich bei ihrer Performance immer ein bisschen an der Stimmung im Saal orientierte, deutlich in die Länge gezogen worden. "Jo, dat was ganz good", antwortete Maria. "Wat zeg'se? Zallen wer indussen trauwen?" Johannes traute seinen Ohren nicht und antwortete ziemlich perplex: "Wat? Indussen? De nächste Danz? De nächste Danz? Trauwen? Or meen'se verzoeken? Het heeft doch not gar niet begonnen, de nächste Danz. De Musikers maken doch erstmal een Pause. Laten wer erstmal wat drinken gaan! Ik zal je een Cola of een Water uitgeven..."

Und nach der ausgiebigen Trinkpause, in der Johannes Maria dies und jenes anvertraute, unter anderem, dass er sich schon an zwei zurückliegenden Abenden zum Sporker Tanzsaal begeben hatte und dabei bereits ein Auge auf sie geworfen hatte, während sie sich in der ihr vertrauten Hemdener und Sporker Umgebung mit Bekannten und Nachbarn unterhalten und ab und zu mit den männlichen von ihnen auch mal ein Tänzchen aufs Parkett gelegt hatte. Und auch Johannes hatte an diesen beiden Abenden einige aus seinem Heimatdorf Dingden bekannte Personen zur Kenntnis genommen und mit ihnen smallgetalkt, aber nur sehr sporadisch. Denn, wie gesagt, er hatte bereits ein Auge auf die ihm bis dato unbekannte Maria geworfen und ungeduldig darauf gewartet, sie mal ansprechen zu können. Und an dem Abend, wo er dies dann endlich in die Tat umsetzte, hatte er einem Nachbarn von ihm, der ihm zuvor als Beifahrer in seinem beigefarbenen VW Käfer während der Hinfahrt zum Sporker Tanzsaal Gesellschaft geleistet hatte, schon mit fester Überzeugung angekündigt: "Geloof me, het zal vanavond passieren! Vanavond zal ik die jonge Vrauw, op die ik je al in de laatste Week opmerksam gemacht heb, om een Danz beden."

Und nachdem Johannes das, was er sich so fest vorgenommen hatte, auch in die Tat umgesetzt hatte, verabschiedete er sich von Maria, verabredete sich mit ihr für die nächste Tanzveranstaltung im Sporker Saal und trat anschließend in seinem beigefarbenen VW-Käfer zusammen mit seinem Nachbarn in seliger Verfassung die Heimreise zu seinen Eltern an, verriet diesen aber vorerst noch nicht, dass er ihnen bald deren vielleicht zukünftige Schwiegertochter vorstellen würde. Und nach weiteren Tänzen in Spork und vielleicht auch anderswo sowie nach ausgiebigen Spaziergängen mit Maria, begann Johannes damit, ihr den Hof zu machen, was schließlich in eine Verlobung mündete. Und am 1. Juni 1967 gaben sich die beiden dann das endgültige Ja-Wort vor dem Pfarrer der Pfarrkirche St. Pankratius zu Dingden und schworen sich eheliche Treue, bis dass der Tod sie scheide.

Und vermutlich kurz nach ihrer kirchlichen Trauung und einer ausgelassenen Hochzeitsfeier im Kreise der Familien von Johannes und Maria sowie der Nachbarn aus den Bauernschaften in Dingden und Hemden gab es den bereits erwähnten Urknall. Zu diesem Zeitpunkt trat ich also in die Welt. Und heute bin ich 59 Jahre alt, oder genauer gesagt, 59 Jahre alt geworden, und habe die Entscheidung getroffen, meine Autobiographie in einer vorläufigen Version - oder ich nenne es mal "Urknallversion" - zu veröffentlichen. 1970, 1973 und 1979 hat es übrigens nach meinem eigenen noch drei weitere Urknälle gegeben, als Maria und Johannes meinen drei jüngeren Geschwistern das Leben schenkten. Und nach meiner Theorie hat es sowohl vorher als auch nachher noch unzählige mehr davon gegeben. Aber um diese genau quantifizieren zu können, müsste man die Zahl aller Menschen, Tiere und Pflanzen, die jemals auf der Erde gelebt haben, allesamt aufaddieren. Und nicht nur die - die Summe aller außerirdischen Lebewesen im Universum käme noch hinzu. Und dass eine solche Summe sich der Unendlichkeit zumindest annähert, versteht sich von selbst. Und das wird trotz allen menschlichen Fortschritts wohl auch für alle Ewigkeiten so bleiben.

Ich erblickte also entweder am 1. oder am 2. Juni 1967 das Licht der Welt, oder genauer gesagt: das Licht des Schoßes meiner Mutter. Sie lebt heute nicht mehr, war aber Zeit ihres Lebens überzeugt davon, dass sich dies in ihrer Hochzeitsnacht abgespielt haben musste, denn am 23. Februar 1968 - eine Woche früher als es geplant war - erblickte ich dann endgültig und im wörtlichen Sinne das Licht der Welt. Und wie die meisten anderen Menschen auch habe ich so etwa ab dem fünften Lebensjahr erste konkrete Erinnerungen an Ereignisse, die sich in meinem Leben abgespielt haben. Da wurde ich nämlich von meinen Eltern in die Welt geschickt. Also nicht direkt in die Welt, sondern zunächst nur in den Kindergarten. Und eine sehr konkrete Erinnerung an diese Zeit habe ich zum Beispiel noch an Montag, den 8. Juli 1974.

Am Morgen dieses Tages fragte mich nämlich meine Kindergärtnerin Gabi: "Michael, hast du dir gestern auch das WM-Finale gegen die Niederlande angeschaut?" Und nachdem ich dies bejaht hatte, legte sie nach: "Und wie hat Dir das Siegtor von Gerd Müller gefallen?" Ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, was ich ihr darauf geantwortet hatte, seltsamerweise aber an eine Begebenheit, die sich ein paar Tage (oder vielleicht auch ein paar Wochen) zuvor abgespielt hatte: Da hatte ich nämlich mit Thomas auf der Schaukel des Spielplatzes vor dem Kindergarten gesessen, und er hatte mir gesagt "Gabi ist ganz gemein." Damit hatte er aber sicherlich nicht unsere Kindergärtnerin gemeint, sondern ein Mädchen aus unserer Gruppe, das zufälligerweise denselben Namen trug. Kurz danach ging es jedenfalls in die Sommerferien, und im Anschluss an diese begann ich damit, das Lesen und das Schreiben zu erlernen. Thomas machte dasselbe in meiner Parallelklasse, und ab der 5. Klasse auf dem Gymnasium, wo wir uns dann jeden Tag wiedersahen, erweiterte er seine Kenntnisse in der Mathematik, während ich mich in erster Linie sprachlich weiterbildete.

Tja, und dann? Es ereignete sich noch vieles mehr in meinem Leben, aber über die ganze Zeit hinweg gab es definitiv eine bestimmte Konstante: Geschichten oder sogar ganze Bücher schreiben wollte ich immer schon, mal mehr und mal weniger. Umgesetzt habe ich dies bisher aber nur in sehr begrenztem Umfang, unter anderem mit dieser autobiographischen Kurzgeschichte. Im Alter von zwanzig Jahren hatte ich allerdings damit begonnen, mir Wissen darüber anzueignen, wie man Bücher und auch einzelne Geschichten korrekt katalogisiert und dann in Regale einsortiert. Und man hatte mich darauf vorbereitet, dass dies in Zukunft natürlich alles auch digital organisiert werden kann. Aber dass heute durch Künstliche Intelligenz gesteuerte humanoide Roboter Bücher an ihre richtigen Plätze in Regale aus Holz oder Metall stellen können, das hatte man damals nicht so wirklich erwartet. Meine Professoren nicht, und ich selbst erst recht nicht. Darüber werden sich in Zukunft sicherlich noch viele spannende Bücher und Geschichten schreiben lassen.

Und an dieser Stelle schließe ich meine autobiographische Kurzgeschichte nun zunächst einmal ab.

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Geschichte Nummer 11264

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