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geschrieben 2026 von Hardy Jaster (Hardy61).
Veröffentlicht: 12.03.2026. Rubrik: Spannung


Tee, Törtchen& Tote

Millys WeltNettleby-on-Wye war die Art von Dorf, in der jeder jeden kannte und jeder über jeden redete. Die Hauptstraße bestand aus einem Postamt, geschlossen seit 2019, sehr zur Empörung von Miss Millicent Hartwick, einem Pub namens „The Drowsy Badger", einer Bäckerei, einer Kirche und dem unvermeidlichen, unnötigen Kreisverkehr mit dem rostigen Dorfschild, an dem seit Jahren ein Blumenkübel hing, der aussah, als hätte er den Ersten Weltkrieg nur knapp überlebt.

Miss Millicent Hartwick, von allen nur „Milly" genannt, 68 Jahre alt, pensionierte Postbotin und inoffizielle Hüterin des Dorfgedächtnisses, wohnte in einem weißgetünchten Cottage am Ende der Elm Street. Ihr Tee war immer heiß, ihr Garten ordentlich, und ihre Meinung zu allem und jedem prinzipiell vorgefertigt, ungeachtet dessen, dass niemand danach gefragt hatte.
An ihrer Seite: Winston.
Er war ein Corgi von beachtlichem Umfang. Er bewegte sich durch die Welt mit der Gelassenheit eines Wesens, welches genau wusste, dass es im Grunde für Besseres bestimmt war – vorzugsweise für den Buckingham Palace.
Stattdessen lebte er in Nettleby-on-Wye und trug dieses Schicksal mit stoischer Fassung. Und gelegentlich mit lautem Bellen.
„Winston, heute ist ein besonderer Tag", erklärte Milly an jenem Samstagmorgen, während sie die Leine befestigte,
„heute ist der Backwettbewerb." Winston sah sie nur gleichgültig an.
„Ich weiß, was du denkst. Aber wir gehen nur zum Zuschauen." Winston schnaufte.
„Und vielleicht zum Ermitteln, so ein kleines bisschen", fügte Milly leise hinzu. „Naja, nur für alle Fälle."

Der beliebte jährliche Nettleby Baking Contest fand traditionell auf dem Dorfanger statt. Das Festzelt mit seinen Streifen erinnerte an einen ausgedienten Zirkus. Lange Tische, eingedeckt mit weißen Decken und geschmückt mit Blumen aus Mrs. Pottingers Garten, luden zum Verweilen ein.
In der Luft lag der unverkennbare Duft von frischem Zitronenkuchen und Scones. Doch dieses Jahr gab es eine Neuerung:
ein verdächtiges Lavendelgebäck, das bei allen Anwesenden für Ratlosigkeit sorgte.
Milly kannte jeden hier. Das war der Vorteil von 38 Jahren als Postbotin.
Sie hatte in viele Briefkasten geschaut, jeden Absender gelesen, und manchmal, aber wirklich nur manchmal, den Inhalt erahnt.
Reginald Fothergill stand am Zelteingang und blickte drein, als hätte er das Wetter persönlich beleidigt. Mit seinen 71 Jahren besaß er das Gesicht eines Mannes, der nie zufrieden war – und die Stimme eines Mannes, der das auch lautstark mitteilte.
Als Vorsitzender des Verschönerungskomitees, Sponsor des Backwettbewerbs und selbsternannter Hüter der Tradition war er der unbeliebteste Mensch im Dorf. Und das mit beeindruckender Konstanz.
„Miss Hartwick", brummelte er mürrisch, als Milly an ihm vorbeizog. Sein Blick fiel auf Winston.
„Sie wissen, dass das Tier letztes Jahr am Preistisch geschnüffelt hat."
„Winston hat eben einen ausgezeichneten Geschmack", erwiderte Milly mit zuckersüßer Stimme.
„Das ist kein Fehler, das ist Qualitätskontrolle."
Fothergill schnaubte. Winston sah ihn an – mit jenem langen Blick, den Corgis perfektioniert haben und der bedeutet: Ich merke mir das. Milly lächelte und ging weiter. Sie mochte Fothergill nicht. Niemand im Dorf mochte ihn. Aber sie hatte gelernt, spätestens seit der Affäre mit dem gestohlenen Gemüsepflanzen-Wettbewerb vor drei Jahren, dass Antipathie allein kein Motiv war.
Noch nicht.

Das Zelt füllte sich rasch. Milly nahm sich eine Tasse Tee vom Begrüßungstisch und begann, was sie innerlich „die Runde" nannte, ein gemächlicher Spaziergang durch die Menge, bei dem sie zuhörte, beobachtete und gelegentlich nickte.
Da war zunächst Dorothy Finch, 54, Inhaberin der Bäckerei und diesjährige Favoritin. Sie stand an ihrem Tisch und arrangierte ihren Zitronenkuchen mit der Präzision einer Chirurgin. Fothergill hatte ihr letztes Jahr den ersten Platz verweigert, mit der Begründung, ihr Guss sei ‚zu glänzend'. Dorothy hatte seitdem kein Wort mehr mit ihm gesprochen.
Dann war da Gerald Humphrey, 63, Rentner und leidenschaftlicher Hobbybäcker, dessen Frau ihn seit Jahren ermutigte, endlich mal zu gewinnen. Er hatte Fothergill vor einem Monat beim Pub lautstark beschuldigt, die Wettbewerbsregeln zu seinen Gunsten zu verbiegen.
Und last but not least: Lavinia Sproat, 47, zugezogen aus Bristol, mit einem Lavendelkuchen und einem Lächeln, das etwas zu breit war. Sie hatte Fothergill erst letzte Woche einen Brief geschrieben, Milly wusste das, weil sie ihn eingeworfen hatte. Was drinstand, davon hatte sie keine Ahnung, denn der Umschlag war fest zugeklebt, sehr fest.
Winston schnüffelte an Lavinias Tischbein und sah dann zu Milly auf.
„Ich weiß", murmelte Milly.
„Ich behalte sie im Auge." Um halb zwölf betrat Constable Jack Pembury das Zelt. 34 Jahre alt, frisch versetzt aus Hereford, mit der Energie eines Mannes, der der völligen Überzeugung war, dass Ordnung durch Autorität entsteht – und der Milly Hartwick für eine nette alte Dame hielt, die aber zu viel Agatha Christie gelesen hatte.
„Miss Hartwick." Er nickte ihr freundlich zu.
„Bitte halten Sie Ihren Hund vom Buffet fern."
„Winston ist kein Hund", sagte Milly.
„Er ist ein Ermittlungsassistent."
Pembury lächelte pflichtbewusst und ging weiter. Milly sah ihm nach. Wenn sie ehrlich war, dann mochte sie ihn ein kleines bisschen. Er war gründlich. Das musste man ihm lassen.

Pünktlich um Viertel nach zwölf, ergriff die Bürgermeisterin, Hilda Crump, das Mikrofon um die Jury vorzustellen. Reginald Fothergill, der am Jurorentisch saß und den letzten Bissen von Dorothys Zitronenkuchen gegessen hatte, legte leicht verkrampft die Gabel hin und griff sich an die Kehle. Sein Gesicht wurde rot, wechselte zu weiß, dann – auf eine Weise, die niemand vergessen würde – lila. Danach fiel er vom Stuhl.

Im Zelt wurde es still. Dann laut. Sekunden später ein Dröhnen. Constable Pembury war als Erster an seiner Seite. Er kniete nieder, überprüfte den Puls, richtete sich auf und sagte mit einer Stimme, die keine Widerrede duldete:
„Bitte verlassen Sie alle das Zelt. Sofort."
Milly rührte sich nicht.
„Miss Hartwick ...", forderte Pembury sie auf .
„Ich stehe außerhalb des Absperrbereichs", sagte sie. „Und ich beobachte lediglich." Pembury sah sie an. Dann sah er Winston an. Dieser saß aufrecht und würdevoll, als wäre er zur Tatortbesichtigung eingeladen worden.
„Fünf Minuten", sagte Pembury.
„Dann gehen Sie."
Es war das erste Mal, dass er ihr fünf Minuten gab. Normalerweise waren es null. Der Notarzt. In der Zwischenzeit eingetroffen, bestätigte, was Milly bereits ahnte: kein natürlicher Tod. Die Art, wie Fothergill kollabiert war, zu schnell und zu dramatisch für einen Herzinfarkt, ließ auf eine Vergiftung schließen. Das Ergebnis der Autopsie würde Tage dauern, aber Milly brauchte keine Autopsie. Sie brauchte nur ihre Nase. Und Winston.
Als Pembury aus dem Zelt trat, sah er Milly immer noch dort stehen:
„Sie werden jetzt nach Hause gehen", forderte er sie auf.
„Ich gehe gleich", sagte Milly. „Nur noch eine beiläufige Frage: Haben Sie bemerkt, dass Fothergill ausschließlich von Dorothys Kuchen gegessen hat, bevor er zusammenbrach?" Pembury hielt inne.
„ Ähm jaja, natürlich, das ist eine Beobachtung, die ich selbst gemacht habe.", antwortete etwas verlegen.
„Natürlich." Milly lächelte. „Und haben Sie auch gewusst, dass Dorothy ihn seit einem Jahr nicht mehr angesehen hat?"
„Miss Hartwick ..."unterbrach Pembury energisch.
„Und dass Gerald Humphrey beim Hereingehen sehr blass war? Noch bevor irgendetwas passiert ist?"
Pembury verschränkte nun sichtlich verärgert die Arme.
„Ich ermittle in diesem Fall. Nicht Sie."
„Selbstverständlich.", beschwichtigte Milly und zog Winston sanft an der Leine. „Ich habe ja nur gemeint."
Sie sah, wie Pembury ihr nachschaute. Und sie sah auch, ganz kurz, kaum merklich, wie er sich eine Notiz machte:
Dorothy Finch. Gerald Humphrey.
Milly lächelte in sich hinein.

Am Nachmittag war Milly überzeugt: Es konnte nur Dorothy gewesen sein.
Die Logik war wasserdicht. Sie hatte das Motiv, Fothergills Ungerechtigkeit, die Mittel, sie war Bäckerin, Gift im Kuchen war geradezu naheliegend und die Gelegenheit, sie hatte den Kuchen selbst auf den Jurorentisch gestellt. All das passte perfekt.
Milly trank ihren Tee, notierte sich noch ein paar Fakten und war so sicher, dass sie fast, aber wirklich nur fast, Pembury angerufen hätte.
Winston saß ihr gegenüber und sah sie an.
„Was?", fragte .Milly. Er sah sie weiter an.
„Dorothy hat ein Motiv." Winston legte den Kopf schief.
„Sie hat ihn nicht gemocht.", begründete sie mit Nachdruck. Er gähnte nur. Es war ein ausdrucksstarkes Gähnen. Milly legte ihren Stift hin.
Sie dachte an den Lavendelkuchen. An Lavinia Sproat und ihr zu breites Lächeln. An den Brief, den sie letzte Woche eingeworfen hatte. Erst jetzt fiel ihr etwas Wichtiges auf: Fothergill hatte von Dorothys Kuchen gegessen – aber er hatte vorher kurz mit Lavinia gesprochen. Und sie hatte ihm dabei etwas gereicht. Etwas Kleines. Eine Serviette? Ein Bonbon? Milly schloss die Augen. Sie erinnerte sich an den Fall mit dem verschwundenen Silberbesteck vor zwei Jahren, damals hatte sie zunächst die falsche Person verdächtigt. Winston hatte sie auf die richtige Spur gebracht, indem er hartnäckig an einer Schublade gekratzt hatte, bis Milly nachgesehen hatte.
„Na gut", sagte sie leise. „Zeig mir, was du weißt. Sie gingen zurück zum Dorfanger. Das Zelt war abgesperrt, aber der Bereich davor war frei. Winston zog sofort in eine andere Richtung, nicht zum Zelt, sondern zum Parkplatz dahinter.
Dort stand Lavinias Auto. Ein blauer Kleinwagen mit einem Aufkleber: „Bristol Botanical Society." Winston schnüffelte an der Fahrertür. Dann an einem kleinen Papierkorb daneben, der noch nicht geleert worden war. Er scharrte mit der Pfote. Milly zog ein Taschentuch aus der Tasche, bückte sich und fischte vorsichtig ein zerknülltes Stück Papier heraus. Es war eine Quittung. Von einer Apotheke in Bristol. Ausgestellt auf den Namen Lavinia Sproat. Für ein Präparat, dessen Name Milly nicht kannte – aber dessen Wirkstoff sie kannte. Sie hatte ihn einmal in einem Krimi gelesen. Und Milly las sehr viele Krimis.
Herzglykoside. In kleinen Mengen harmlos. In großen Mengen: tödlich. Und Fothergill hatte ein schwaches Herz gehabt. Das wusste das ganze Dorf.
Milly richtete sich auf. Winston sah sie an mit dem Ausdruck eines Wesens, das eine Gehaltserhöhung verdient hätte.
„Braver Hund", sagte Milly.Winston schnaubte. Er war kein Hund. Er war ein Ermittlungsassistent.
Im Polizeiposten hörte Constable Pembury ihr interessiert zu. Er unterbrach sie zweimal, widersprach ihr einmal und schwieg dann sehr lange.
„Die Quittung allein reicht nicht", sagte er schließlich.
„Nein", stimmte Milly zu. „Aber in Kombination mit dem Brief, den sie ihm letzte Woche geschrieben hat, und der Tatsache, dass sie ihm beim Hereingehen etwas gereicht hat – das reicht für eine Befragung."
Pembury sah sie an. Dann sah er Winston an.
„Hat Ihr Hund ... ?"
„Ermittlungsassistent."unterbroch Milly den Constable.
„Hat Ihr ... ähm... Assistent die Quittung gefunden?", diese Frage viel Pembury sichtlich schwer. Ein Hund als Ermittlungsassistent, wo sind wir eigentlich ging es ihm durch den Kopf.
„Nun, sagen wir mal so, er hat mich darauf aufmerksam gemacht", erwiderte Milly. Pembury schwieg wieder.
Dann, sehr leise, fast unhörbar:
„Gut gemacht, Winston."
Es war das erste Mal. Milly beschloss, es nicht zu kommentieren.
Lavinia Sproat wurde noch am selben Abend zur Befragung gebeten. Zwei Tage später bestätigte die Autopsie: Vergiftung durch Digitalis. In Lavinias Wohnung fand man Unterlagen, die belegten, dass Fothergill ihr vor Jahren ein Grundstück weggenommen hatte, durch eine zweifelhafte Art und Weise, die ihn reich und sie mittellos gemacht hatte.
Das Dorf war erschüttert. Drei Tage lang sprach man von nichts anderem – beim Bäcker, beim Pub, im Post Office.
Lavinia Sproat hatte man kaum gekannt. Und Reginald Fothergill hatte man kaum gemocht. Beides zusammen ergab eine seltsame, stille Traurigkeit, die sich über Nettleby-on-Wye legte wie Novembernebel über die Wiesen.

Milly saß zufrieden wieder an ihrem Küchentisch, trank Tee und sagte nichts. Winston lag zu ihren Füßen und schlief mit der Hingabe eines Wesens, das seinen Teil getan hatte. Dann klopfte es. Dorothy Finch stand mit einem Stück Zitronenkuchen auf einem Teller und roten Augen vor der Tür.
„Ich wollte mich bedanken", sagte sie leise. „Sie haben gewusst, dass es nicht ich war."
„Nun, ich habe es geahnt", sagte Milly. „Winston war sicher."
Dorothy sah den Corgi an. Winston öffnete ein Auge, betrachtete den Kuchen und schloss es wieder.
„Er bekommt auch eine Belohnung", sagte Dorothy. Winston stand sofort auf. Er nahm den Scone – Dorothy hatte vorsorglich einen mitgebracht. Mit Würde nahm er ihn entgegen, er wusste, dass er ihn verdient hatte. Dann trottete er zur Tür, sah kurz zurück und ließ einen sehr vernehmlichen, sehr zufriedenen Laut hören, der in keinem Benimmbuch für Corgis vorgesehen war.
„Winston!", ermahnte ihn Milly. Doch er war bereits draußen. Sie schüttelte den Kopf, und lächelte dabei.
Drei Tage später lag ein Brief in ihrem Briefkasten.
Kein Absender. Nur drei Zeilen, in sorgfältiger Handschrift:
„Miss Hartwick. Sie sollten aufhören zu schnüffeln. Manche Dinge in Nettleby-on-Wye sind besser begraben und sollten es auch bleiben. Das gilt auch für Sie."
Milly las den Brief zweimal. Dann legte sie ihn auf den Tisch, setzte in aller Ruhe den Wasserkocher auf und sah Winston an.
„Na dann", sagte sie in einem absolut ruhigen Ton.
„Fangen wir jetzt mal an." Winston wedelte einmal mit dem Schwanz.
Der nächste Fall hatte soeben begonnen.

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