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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Phoberos (Phoberos).
Veröffentlicht: 11.04.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die Stimmen der unvollendeten Gedanken

Aus der Reihe die leisen Stimmen

Die Stimmen waren nicht das Problem.
Sie waren nie das Problem gewesen.
Das Problem war…
dass sie recht behielten.

„Du hast es wieder falsch gemacht.“
Er lag still.
Augen geschlossen.

Zug. Leises Rattern. Irgendwo zwischen zwei Haltestellen.
„Er merkt es nicht mal.“

„Doch. Er merkt es. Er will es nur nicht wissen.“
Die Stimmen klangen ruhig. Sachlich.
Keine Drohung. Kein Flüstern.
Wie zwei Leute, die über jemanden reden, der im Raum steht –
und den sie längst aufgegeben haben.
Er wollte diesmal nicht eingreifen.
Nicht denken.
Nicht fragen.
Nur zuhören.
„Er wird heute Abend wieder nachsehen.“
„Ja.“
„Und er wird wieder nichts finden.“
Kurze Pause.
„Weil es nichts zu finden gibt.“
Sein Herz zog sich zusammen.
Er wusste genau, wovon sie sprachen.
Und genau deshalb hatte er bisher nie zugehört.

„Du wirst wieder kontrollieren.“
„Und wieder so tun, als wär’s egal.“

Diesmal hielt er es nicht aus.
„Was soll das heissen?“

Die Stimmen verstummten nicht sofort.
Das war neu.
„Er hat gefragt.“
„Zu früh.“

„Was soll das heissen?“ wiederholte er, leiser.
Eine Pause.

Dann:
„Wir sind nicht gegen dich.“
Sein Atem stockte.
„Wir sind das, was du weglässt.“
Der Zug fuhr in einen Tunnel.
Für einen Moment wurde alles dumpf.
„Du wolltest funktionieren.“
„Du wolltest richtig sein.“
„Du wolltest nichts fühlen, was dich verlangsamt.“
„Also hast du uns leiser gemacht.“

Er schluckte.
„Ihr seid… meine Gedanken?“

„Nein.“
„Wir sind die Gedanken, die du nicht zu Ende denkst.“
Licht flackerte zurück, als der Zug den Tunnel verliess.
Und plötzlich verstand er.
Nicht alles.
Aber genug.
Sie waren nicht fremd.
Sie waren… vollständiger.

In den nächsten Wochen passierte etwas Seltsames.
Er hörte sie seltener.
Anfangs war er erleichtert.
Dann… wurde es still.
Zu still.

Entscheidungen wurden einfacher.
Klarer.
Schneller.
Und irgendwie… flacher.
Er kontrollierte nicht mehr.
Er zweifelte weniger.
Er funktionierte.

Es war wieder im Zug.
Gleicher Sitz.
Gleiche Strecke.
Augen geschlossen.
Er wartete.
Nichts.
Kein Gespräch.
Kein Flüstern.
Kein „Ich hab dir doch gesagt…“
Nur das leise Rattern.
„…ich höre zu“, sagte er in die Stille.
„Egal was ihr sagt.“
Nichts.

Der Zug bremste leicht.
Eine Station kündigte sich an.
Menschen bewegten sich um ihn herum,
standen auf, setzten sich, redeten.
Alles klang… normal.
Zu normal.
Er öffnete die Augen.
Draussen zog die Stadt vorbei.
Für einen Moment überlegte er,
ob er etwas verloren hatte
oder ob er einfach endlich „richtig“ war.
Dann schloss er die Augen wieder.
Nur für einen Augenblick.

„…jetzt hört er wirklich zu.“
Er erstarrte.
Stille.
„Lass ihm Zeit.“
Er öffnete die Augen sofort.
Nichts.
Nur der Zug.
Nur die Leute.
Nur das Rattern.

Ein kaum merkliches Lächeln zog über sein Gesicht.
Vielleicht waren sie nie ganz weg gewesen.
Vielleicht musste man nur leise genug werden,
um sie wieder zu hören.

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