Veröffentlicht: 20.03.2026. Rubrik: Unsortiert
Die Veränderung
Ärztehaus, nur weil vier Ärzte dort eine Praxis hatten, nannten alle, selbst im Internet stand es, dieses Gebäude mit eine Apotheke und einer Boutique, Ärztehaus so kannten es alle.
Stadtmitte, umgeben von einem Hotel, mehreren Geschäfte, am Anfang einer Fußgängerzone, ein idealer Standort da die Tiefgarage nur 100 Meter entfernt war, unter einem Supermarkt.
Das Rätselraten begann als die Boutique aufgab, Räumungsverkauf stand im kleinem Schaufenster.
Ich wohnte dort in meiner Zweitwohnung nah an meinem Tätigkeitsbereich auf der Etage mit den Apartments. Es gab ein Treppenhaus doch wer nach oben wollte nahm den Aufzug.
Nach Ende des Räumungsverkaufs zog ein Franchise Massage oder Verwöhn-Unternehmen dort ein. Eine abendliche Massage reichte, um zu sehen hier wurde nicht nur Massage auf thailändische Art angeboten. Für zusätzliche 30 Euro gab es Spezialmassage mit Klangschale und Aroma-Öl. Einmal reicht, sagte ich mir.
Es flog auf, wurde geschlossen. Ärztehaus mit Asia-Erotik mitten in der Stadt sprach sich schnell herum. Leerstand, es reihte sich in dem Jahr ein in eine sichtbare Verödung der Stadt. Überzogene Preise, hohe Mieten und am Ende stöhnte man über Online-Käufer die mehr den eigenen Geldbeutel als Überleben von Geschäftsinhabern im Sinn hatten.
Das kleine Schaufenster zeigte sich eines Morgens schwarz verhüllt. Sichtbar gab es eine kleine Freifläche, die ankündigte eine Venus-Bar demnächst. Die Post im Briefkasten von meinem Vermieter, einem Zahnarzt und Kieferchirurgen, enthielt die Kündigung meines Apartments. Das Wort Eigenbedarf wegen Umbau- Renovierungsarbeiten war eher ein Witz. Mein Telefonat, eingebunden eine kleine Drohung es öffentlich zu machen ließ ihn einlenken, um mir 6000 Euro anzubieten bei schnellem Auszug, ohne weiteren Ärger für ihn.
So wechselte ich, blieb wohnen in der Stadt, zog in ein anderes Gebäude, eine ehemalige Firma die als klimaneutral angeboten wurde egal was das bedeuten sollte. Warum jeden Monat Miete zahlen, so kaufte ich die Wohnung, zahlte lieber das Darlehen ab. Meine Nebenkosten waren nun weniger da es den Aufzug nicht gab.
Ein abendlicher Besuch der Venus Bar geschah aus Neugier, ließ mich vorher auf die Firmen und Praxistafeln vor dem Eingangsbereich sehen. Der Steuerberater, ein Arzt und die vorherige Namensreihe in der Etage mit den Apartments, bestand nun aus wenigen Nummern. Was solls, wohnte ja nicht mehr dort. Eine Art Vorraum stoppte mich, der Spiegel schien durchsichtig in der Türe. Ein roter Klingelknopf, drückte ihn, wartete, bis die Tür sich öffnete, direkt hinter mir sich schloss. Sichtbar war viel verändert in schwarz und Rottönen, einer dunkelblauen Decke. An dem Tresen Spiegel und ein Flaschensortiment neben zwei Bildern mit unbekleideten Frauen in aufreizenden Posen, passten zu der buntbemalten Barfrau, die mir bekannt vorkam. Was Schminke so anrichten kann und ein Wonderbra. Ich muss sie wohl zu lange fasziniert angesehen haben, wurde von hinten angestoßen gefragt, ob ich einen Sekt ausgeben würde.
Ich fühlte mich in die Zange genommen, lächelte, bestellte ein alkoholfreies Bier.
Das Bier im Glas kam vor mich und aus ihrem Mund: „10 Euro bitte, wir kassieren hier gleich“.
Die Musik war für mich ätzend, passend dann kam Je t’aime, dieser uralte Stöhn-Song. Umringt von runden Tischen und einigen Gästen richtete sich ein Strahler auf die übliche Stange, wo Damen, die keine waren, sich sportlich betätigen. Was da nun stand schien der Hauptschule gerade entflohen zu sein. Es bestand aus Haut und Knochen, hatte eine Hungerperiode hinter sich. Ich drehte mich um sah die Barfrau wieder an. Der Vorhang fiel, Mareike Reuter, genau, sah sie an der Kasse bei Aldi sitzen, war schon eine Wochen her.
Mein guten Abend Mareike, ließ sie näher kommen sich über den Tresen beugen.
„Sag Gina zu mir, lass das andere weg, weiß wer du bist, kenn nur deinen Namen nicht“.
„Gut, sag Tom zu mir, reicht. Was ist oben los über der Internisten-Praxis?“
„Frag die kleine Dicke drüben, sie wohnt da“.
„Was kostet das für mich?“
Sie lachte, „frag Vera einfach“.
„Lieber nicht, wollte nur mal bei euch reinsehen“.
„Bei mir reinsehen kostet dich 80 Euro. Der Rest ist gratis, siehst du ja schon“. Sie zapfte Bier, füllte Whiskey in Gläser mit Eisstücken.
Dieses Handtuch an der Stange entblätterte sich. Die nahen Herren forderten Zugabe. Sie ließ sich Zeit, verschwand langsam von der Bühne. Scheinwerfer aus.
Ich zählte, kam auf vier halbnackte Animierdamen, die sich mit Herren beschäftigten.
„Noch ein Bier?“, Gina fragte, ich verneinte, sagte heute nicht mehr mein Bett wartet. Ich rutschte vom Barhocker, sah die Tür mit der Toilettenaufschrift, erinnerte mich an die Thaimassage. Unverändert sah es nicht aus, war erweitert worden, die Türe zum Parkplatz sichtbar gesichert so wie die Fenster mit Gitter. Von hinten rein oder raus ging nicht so einfach.
Rolf Reuter, kannte ihn, den Bruder von Mareike, kam mir entgegen.
„Na wie gefällt dir unsere Bar?“
„Eure? ich staune“.
„Nicht ganz, der Zahnklempner hat das Gebäude gekauft, die Bar gehört ihm“.
„Wo hat er die Euros her?“
„Von seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Wusste keiner von der Druckerei in Düsseldorf. Vor der Pleite haben, die alles verkauft, jetzt gehört der Familie nicht nur dieses Gebäude, das wo Kix ist kauften sie gleich dazu. Soll später abgerissen werden, ist ein Spekulationsobjekt“.
„Du weißt ich wohnte mal hier, oben wo die Apartments waren, musste raus“.
Rolf lachte. „Wir wohnen da mit einigen Tänzerinnen, du kannst sie verwöhnen, es läuft, sind das einzige Haus hier in der Gegend“.
„So einfach genehmigt?“
„Deine Frage ist überflüssig, du kennst doch den Klüngel hier. Bisher weiß niemand davon und du hälst die Klappe, will dich nicht an Mechthild erinnern müssen. Soll ich dich nach hinten rauslassen?“
Ich nickte, wir gingen beide an die frische Nachtluft.
„Mechthild, du wirst nicht wissen, wo und wie sie heute lebt. Ich sage es dir. Sie hat 6 Kinder von vier Männern, sieht echt verlebt, verlebt aus, wohnt am Entenpfuhl, fahr da besser nie hin“.
„Gute Nacht Rolf, wie alt ist dieser Hungerhaken, der an der Stange turnte?“
„Willst du nicht wissen. Frage wird nicht beantwortet. Gute Nacht“.
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