Veröffentlicht: 20.09.2026. Rubrik: Menschliches
Gut siehst du aus
„Gut siehst du aus, ich staunte dich auf der Delegierten-Liste zu sehen Felix“.
Mehr als Hallo, wie geht es dir konnte ich nicht sagen. Konzentriert auf etwas das zur Abstimmung vorlag fiel mir nicht gleich ihr Name ein. Ich wusste, wer sie war, besser ich ahnte es, jetzt musste es nicht sein ihr direkt ins Gesicht zu sehen. Sie sah blendend aus, profimäßig geschminkt und von einem Duft umgeben, der mir bekannt war. Dieses Parfüm für über Hundert damals noch DM und kein Euro schenkte ich ihr einmal zum Geburtstag. Ich saß und sie stand vor mir im Gang zwischen den Tischen vor der Bühne. Bleib ruhig sagte ich mir. 18 Jahre sind eine lange Zeit oder waren es mehr.
„Bist du immer noch mit ihr verheiratet?“ Sie sprach weiter und ich ließ mir Zeit mit der Antwort.
„Ich glaube ja, und du?“
„Ich hab’s gelassen, wollte mich nicht festbinden oder anklammern. Bevor du fragst, frische Luft tanke ich noch immer am Wochenende. Wir Naturalisten brauchen es und schau mich an, faltenlos bin ich doch immer noch“.
Silvia Edelhoff, nun fiel mir ihr Name wieder ein. Es gab eine Zeit, wo ich eine Zweitwohnung brauchte. Die Woche über war ich Firmengebunden und ab Freitagabend ging es zurück zur Familie und dem Haus. Das möblierte Apartment nah am Verwaltungsgebäude war ein Glückstreffer zum Vorteilspreis, der allerdings nach einem Quartal anstieg als das Gebäude den Eigentümer wechselte. Silvia, zuständig für das Archiv hatte da private Probleme, sprach gerne darüber und suchte bisher vergebens eine Lösung. Sie war nett und hilfreich. Das sie raffiniert war und stets auf ihren Vorteil bedacht wusste ich da noch nicht. Es fingen Außentermine an mit Hotelübernachtungen. Die Tagesspesen war eng gefasst, ließen keinen Luxus zu. Abgekürzt, ich sprach davon und Silvia fand die Lösung. Sie zog bei mir ein mit zwei Koffern. Ein verheirateter Mann würde jetzt denken was ist mit der Ehefrau. Meiner Frau verschwieg ich es, lebte so am Wochenende ruhiger. Eine Frau nah war ich gewöhnt mit allem, was eine Frau so hat und nicht jeden Tag gut drauf ist. Wir teilten uns die Monatlichen Kosten und halt später das Bett, nachdem mein Rücken die Couch im Wechsel anfing zu hassen. Unsere Zweckgemeinschaft funktionierte super am Anfang. Besuch von Wohnfremden war nicht gestattet im Apartment. Am Wochenende konnte ich es nicht überprüfen, war ja nicht da. Es war im November als mein Körper streikte während der Arbeit. Notarzt, einen Tag behalten wir sie hier kam in der Notfall-Ambulanz im KH. Keine Panik sagte ich zu meiner Frau aber auf mein Wochenende bei dir muss ich verzichten. Samstag entließ ich mich selbst am Abend da mein Bettnachbar besuch von seiner großen Familie bekam.
Silvia hatte Herrenbesuch und nicht nur das. Ich warf beide raus mit netten Worten und legte mich in mein Bett. Silvia kam erst Sonntagabend zurück musste dann auf der Couch schlafen. Montag, ich durfte noch drei Tage pausieren, die ich nutzte für mich. Am Freitag lag in der Post ein Brief, den ich öffnete und offen liegen ließ, um dann ins Wochenende zu fahren. Ich musste ihr nicht sagen das ich den Brief selbst geschrieben hatte, er erwähnte die Apartmentkündigung zum nächsten Monat. Renovierung und Umbau zur Ferienwohnung fand ich ideal als Kündigungsgrund. Silvia war platt, sprachlos am Montag, beobachtete mich am Abend und ich schwieg, erwähnte nicht den Brief. Ich hielt mich still ging noch eine Runde um den Block und kam, als sie schlief, zurück. Von meiner Versetzung brauchte sie nichts zu erfahren. Gesundheit geht vor und wieder näher zu meiner Frau war unser beider Wunsch schon länger. Am Mittwoch kam Silvia brachte Essen mit und nannte es Henkersmahlzeit. Wir tranken Sekt dazu lagen uns in den Armen und mehr. „War doch schön mit uns, oder?“
„Es war anders aber passt schon und wir beide verlassen nicht nur einander, sondern ich auch diese Stadt und die Zentrale, um wieder meine Kollegen im kleineren Kreis zu erfreuen“.
Bis Freitag spielten wir heile glückliche Welt, packten Samstag nach dem Frühstück unsere Koffer. Keine große Abschied Szene nur Wangenkuss bei der Umarmung.
„Sehen wir uns nach der Abstimmung hier, ich wohne im Hostel an der Kronenstraße, war sonst nah nichts mehr frei“.
„Ich muss zurück, habe Morgenfrüh den nächsten Termin und brauche einen klaren Kopf. So gut wie du habe ich es noch nicht“. Der nächste Redner trat ans Mikrofon und begann seine Rede abzulesen. Postenvergabe, es würde sich nichts ändern und warum ich hier saß, wusste ich plötzlich nicht mehr. Mit Blick zu Silvia dachte ich an Rückzug, an weniger Aufgaben und Schriftkram. Ich verwarf es wieder und blieb sitzen bis die Abstimmungen begannen. Es war diesmal anders. Die Alten bekamen den Dämpfer, zu wenige Stimmen. Es wurde unruhig, so dass ich den Saal verließ und in der Bar nebenan mir ein alkoholfreies Pils trank, hier wieder Silvia sah.
„Wer von uns beiden ging dem anderen nach?“ Silvia stand neben mir.
„Ich bin unschuldig, wollte nur andere Gesichter sehen und nichts mehr hören von Politik. Ein Bier und ab auf die Autobahn, Tempomat einschalten und entspannen“.
„Ich kann das nicht so wie du. Frage nicht, wo ich nun später lande, wenn du weg bist“.
„Ich will es nicht wissen aber das es dir gut geht auch weiterhin wünsche ich dir“. Ich trank langsam mein Glas leer, zahlte 10 Euro. Silvia war verschwunden, als ich mich wieder zu ihr hindrehte. Man sieht sich immer zweimal oder auch nicht.
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