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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 1992 von Verena Lautenstein (Verena Lautenstein).
Veröffentlicht: 24.01.2023. Rubrik: Unsortiert


Hallo, ich bin Angela, es gibt Shrimps!

Ich hatte zwar immer Spaß, wenn ich Reiner besuchte, aber sein Kühlschrank bot immer einen trostlosen Anblick: Drei Dosen Bier, abgepackte Salami aus dem Supermarkt und zwei Becher Yoghurt unbestimmten Datums. Dann lernte er Angela kennen, und alles wurde anders.

Ich besuchte ihn an einem Freitagabend, und schon als ich in das Treppenhaus kam, strömte mir ein unwiderstehlicher Knoblauch-Öl-Meeresfrüchte-Geruch entgegen und versetzte mich sofort in mediterrane Ferienstimmung. Angela streckte kurz ihren Kopf aus der Küchentür, begrüßte mich mit den Worten: “ Hallo, ich bin Angela - es gibt Shrimps “, schickte noch ein „Köstlich“ hinterher, doch das Wort ging schon in dem lauten Aufzischen heißen Öls unter.

Die Küche war noch in völlig unberührtem Zustand. „Es ist gleich alles fertig, ich mach nur schnell ein paar Dips und Salate - sucht doch schon mal den Wein aus.“
Auf dem Buffet stand eine beachtliche Batterie verschiedener Rot- und Weißweine. Die seien von Achim, erklärte mir Reiner, einem Bruder von Angela, der vor kurzem dem Geschäftsführer einer Weinhandelsfiliale ein Motorrad verkauft hatte, und dadurch sehr zufrieden ist und sich seitdem mit unzähligen Probeflaschen revanchiere.

Ich entschied mich für einen Orvieto, doch mein Schwager hatte sich binnen weniger Tage zum geschulten Weinkenner entwickelt:“ Zu Schalentieren trinken wir immer Muscadet.“ Er reicht mir ein Probiergläschen: „ Da nimm, schmeckt prima.“

Angela balancierte gerade beidhändig fünf kleine Schälchen mit verschiedenfarbigen Dips auf den Tisch - wann und wie sie die gemacht hatte, war mir völlig entgangen, nahm selbst einen Schluck Weißwein und prostete mir heiter zu: „ Schön, dass wir uns mal kennen lernen, ich mach noch schnell einen Tomatensalat.“

Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einen kleinen Schwips.

Reiner trägt eine Lautsprecherbox aus dem Wohnzimmer in die Küche, durch das geöffnete Fenster flutete das warme Licht der Abendsonne, und ich hätte gerne eine Polaroid dabei gehabt, um das appetitliche Ensemble auf dem Küchentisch festzuhalten: in einer feuerfesten Form brutzelten dunkelrosafarbene Shrimps, deren Schale sich unter der Hitze im Backofen leicht weißlich verfärbt hatten, daneben knackig grüne Salate, warmes Stangenbrot und vielversprechende Soßen..

Es wurde ein wunderschöner Abend (wie sooo viele andere) und ich bin seitdem der Meinung, dass zu Schalentieren wirklich nur ein Muscadet in Frage kommt.

Ein halbes Jahr später zogen die Beiden aus der Stadt weg in ein kleines Häuschen, zu Angelas Mutter, auf dem Land - für mich bis heute der Inbegriff behaglicher Gastlichkeit, vor allem, seit die schwedische Essecke samt großen Tisch angeschafft wurde. Der läßt sich nämlich mit Angelas Schreibtisch wunderbar verlängern, und es passen noch mehr Schälchen drauf, ohne dass man mit den vielen Schüsseln auf unhandlichen Beistelltischen operieren muss.

Dort auf dem Land gibt es viele saisonale Besonderheiten der Behaglichkeit, und wenn ich mich entscheiden müßte, ich würde den Winter vorziehen. Vor allem, wenn Schnee gefallen ist und unsere Familie abends ankommt. Dann taucht plötzlich das kleine Häuschen Jungfernstarße 16 auf, aus dessen Schornstein dicker weißer Qualm steigt und das von Weitem nur als ein kleines Licht in die Dunkelheit leuchtet. Und das kommt auf der Küche.

Angela ist der Meinung, die Zubereitung eines guten Essens dürfe keine Minute länger als eine halbe Stunde dauern. Ich habe bis heute nicht durchschaut, wie sie dieses Zeitlimit einhält: Wir müssen uns mit dem Tisch decken beeilen, um nicht verspätet zum Auftragen der Köstlichkeiten im Ess/Wohnzimmer einzutreffen. Wenn auch noch andere Gäste da sind, könnte man beinahe eine Kette bilden, mit der die Schüsseln weiter gereicht werden. Darin dampfen gefüllte Champignons, Tomaten (aus dem eigenen Garten!) mit Schafskäse, Essig, Öl und Basilikum. Spinat mit Käsesahnesoße, eingelegte Zucchini, gefüllte Weinblätter, der dran gestellte Schreibtisch füllt sich wie im Zeitraffer.

Wir haben mühelos ganze Abende damit verbracht wohlig zu seufzen und uns zu versichern, wie gut wir es doch haben.

Ein Besuch im Sommer dagegen ist nicht vorstellbar ohne den Geruch von brennender Holzkohle und dem Anblick von Reiner, wie er mit einem Stück Pappe gegen den Grill fächert oder ein Stück Alufolie darüber ausbreitet - dann gibt es natürlich wieder Shrimps.

Auf dem Gartentisch steht schon der Bottich mit Hühnerschenkeln, eingelegt in einer leicht süßlichen Marinade, im Kühlschrank schimmert es von oben bis unten flaschengrün. Auf dem Terrassentisch die Reste frischer Erdbeeren und Stracciatella - Eis.

Im letzten Jahr habe ich festgestellt, dass Achim um die Hüften herum etwas zugelegt hat.

Alle, die Angela kennen, sind sich einig: Diese Frau kann zaubern!!
Spielend verwandelt sie ihre Umgebung in ein kulinarisches Paradies, dass einem ganz warm ums Herz wird. Und sie braucht wirklich nie lange dafür. Viel Zeit hat sie auch nicht, denn sie arbeitet den ganzen Tag. Aber am Abend, meint Angela, muss man es sich so nett machen, wie es überhaupt nur irgendwie geht. Wer Abends an einer trostlosen Scheibe Schwarzbrot nagt, könne keine rechte Freude am Leben haben, meint sie.

Und nächstes Mal sollten wir Forelle grillen. In Folie eingewickelt und mit ganz viel Basilikum gefüllt.

Wahrscheinlich ist sie garnicht von dieser Welt, sondern von einer himmlischen Agentur, vielleicht für

         Schöneres Leben!

In diesem Sinne herzlichen Dank für viele schöne Stunden und Gaumenfreuden!

Geschrieben 1992 um Polaroid zu erklären :-)

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