Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
hab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von JU (Q.A. Juyub).
Veröffentlicht: 03.02.2021. Rubrik: Unsortiert


Jägermeister brutal

Mit einem gierigen Grinsen sadistischer Vorfreude näherte sich, nennen wir ihn meinetwegen – die nicht fiktiven Personen dieses Namens mögen mir verzeihen – Dietmar Henrichs, dem schwerverwundeten Reh, das ihn mit flehenden Augen ansah. Betont langsam holte der erfahrene Waidmann sein geliebtes Aufbruchmesser – einen umfunktionierten, beidseitig geschliffenen Dolch einer Truppe schwarz uniformierten Mörder aus tausendjährigen Zeiten – hervor. Wie sehr liebte er doch die ‚rote Arbeit‘, vor allen Dingen, wenn das Objekt der Begierde noch bei vollem Bewusstsein war! Nachdem er dem unschuldigen Tier noch einen geringschätzigen, aber kräftigen Fußtritt verpasst hatte, begann ‚der beidseitig geschliffene‘ Henrichs sein blutiges ‚Werk‘.
*
Befriedigt betrachtete der passionierte Jäger das Resultat – Bambi befand sich ungefähr in einem Zustand, der dem des fünften Opfers des ‚rippenden‘ Jack entsprach – seiner leidenschaftlichen Bemühungen. Mit vor Erregung zitternden Händen holte der Jagdtracht gewandete ‚Schrecken der Wälder‘ seine silberne, mit einem hakigen Kreuz verzierte Feldflasche hervor und nahm einen Schluck des würzigen, mit weißem Pulver veredelten – Columbian Blend! – Kräuterlikörs. Übrigens gehörten bewusster Dolch und die Trinkflasche noch zu den Utensilien, die noch aus jenen Zeiten stammten, als der messernde Wildtöter als ‚Junker‘ in einer SS-Ordensburg wirkte. Gerne dachte Henrichs an jene braune Ära mit sentimentaler Rührung zurück, deren verbrecherisch unmenschlichen Geist der Mittfünfziger mit wahrem Elan verinnerlichte.
Dem geneigten Leser mag jetzt klar sein, dass wir uns bei dieser Geschichte am Anfang der 70-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts befinden. Die Jüngeren unter uns mögen es nicht ganz glauben, aber zu jenen Zeiten zogen die Gespenster 12-jähriger, faschistischer Terrorherrschaft noch haufenweise und allseits akzeptiert durch die Lande. Da gab es beispielsweise einen Ministerpräsidenten eines Bundeslandes, der als Marinerichter seinem irren Führer so treu ergeben war, dass er selbst im Kriegsgefangenenlager nach dem Ende des großen Verbrechens Leute verfolgen ließ; natürlich konnte er – wie vorher geschehen – seine Opfer nicht mehr zum Tode verurteilen. Das ist aber eine andere Geschichte.
Schon seit dem frühen Morgen war der lustige Jägersmann auf der Pirsch und ballerte gar munter in den anmutigen Gefilden des Bayrischen Waldes herum. So rockte der melodige Sound seines Henrystutzens, gelegentlich unterbrochen vom gröberen Grollen des von Großvater Grubenschreck geerbten ‚Bärentöters‘, das einst wildreiche Jagdrevier. Mit ersterem Hightech-Tötungsinstrument, mit dem vermutlich auch ein fast Blinder sein Ziel schwerlich verfehlen konnte, schoss der wunderbare Waidmann sein letztes Opfer gezielt bewegungsunfähig, um dann seinen ausgefallenen ‚Jagdleidenschaften‘ zu frönen. In früheren Zeiten pflegte unser Jägermeister vorher das edle Wild moderat zu verwunden und dann so lange zu hetzen, bis es erschöpft zusammenbrach. Aber auch hier forderte das Alter seinen Tribut und Henrichs bequemte sich nun damit, direkt zum für ihn erregendsten Teil des kranken Prozederes überzugehen.
Angewiderte wandte sich der kühne Killer der lokalen Fauna von seinem Opfer ab und begann damit das Utensil seiner Lustbarkeiten ebenso wie seine Hände vom Lebenssaft des grausam gemetzelten Rehs im nahgelegenen Bach zu befreien. Unser Meisterschütze hatte nämlich Bambi aufs Korn genommen, als dieses dabei war, aus dem bewussten Gewässer zu trinken. Nach dem heimtückischen Schuss taumelte verwundete das Tier noch einige Meter vom Trinkplatz weg, bevor es dann zu Boden ging.
Diese Sauviecher waren doch immer schwerer zu finden! Schonzeiten galten für den schonungslos jagenden Manager eines Rüstungskonzern übrigens nicht, da er ausgezeichnete, wohl geschmierte Beziehungen zu den höheren Etagen jagdbehördlicher Instanzen besaß und zumal auch Oberförster – alle nicht fiktiven Zeitgenossen dieses Namens, bitte ich ebenfalls um Vergebung – Junker, der elende Säufer, ein alter Kamerad aus seinen Zeiten als menschenmordender Obersturmbannführer war. Dank der innigen Beziehungen seiner einflussreichen zu diversen Nazi-Größen trieb damals der tapfere Jägersmann sein Unwesen in einem ruhigeren Abschnitt von Hitlers terroristischem Fünf-Minuten-Reich, da sich dort die Gefahr eines gewaltsamen Todes auf dem Feld der Unehre in Grenzen hielt. Vornehmlich drangsaliert denn auch der begeisterte Nationalsozialist die ansässige Zivilbevölkerung, die den wesentlichen Vorteil besaß, sich schlecht gegen brutale Repressalien wehren zu können; der heldenhafte (Ex-) Nazi-Offizier bevorzugte es seinem rassistisch überlegenen Charakter gemäß, wenn die Opfer psychopathischer Metzeleien möglichst nicht zurückschossen.
So ungestört sich unser ‚Herrenmensch‘ in seinem Revier nun austoben konnte, brachte dies nun nichts, wenn ihm das Wild ausging. Vielleicht wäre ein Wechsel der Stätte seines Wirkens von einer gewissen Sinnhaftigkeit? Henrichs leckte sich unbewusst die Lippen bei dem Gedanken an ein neues Gebiet voller potentieller Objekte seiner abgedrehten Begierden. Auch wurde es höchste Zeit, seine umfangreiche Trophäensammlung auszumisten. Viele der unzähligen Wildschwein- und Hirschköpfe, die u.a. mit exotischeren Exponaten teilweise aussterbenden Tierarten die Wände seiner Villa zierten, waren schon älter als ein Jahr! Da musste man sich ja richtig bei den alten Jagd- und sonstigen Kameraden schämen!
Solch tiefsinnigen Weisheiten in seinen neuteutonischen Schädel wälzend, beendete unser Denker der besonderen Art die Reinigungsarbeiten. Sich erhebend, warf der gewissermaßen ‚tierliebende‘ Jäger einen missbilligenden Blick auf sein letztes Opfer: Das Mistvieh gab nicht einmal eine gute Trophäe ab. Aber die Jagd war ja noch lange nicht beendet!
Bewundert betrachtete Henrichs den majestätischen Schreiadler, den er zufällig auf dem Ast einer Eiche sitzend erblickte. Schon immer hatte er das braune Gefieder dieses Vogels geliebt, sodass er gar drei ausgestopfte Exemplare dieser seltenen Greifvogelart besaß!
Der König der Lüfte zerplatzte förmlich, als ihn das großkalibriges Dum-Dum-Geschoß aus dem Bärentöter traf. Zu viele Tierpräparationen einer Art galt in des Jägermeisters Kreisen als uncool, sodass Henrichs beschloss, das edle Tier wenigstens nicht leiden zu lassen; außerdem stand er auf die verheerende Wirkung, die Großvaters Waffe verursachte.
Eigentlich war diese Jagdpartie gar nicht so übel! Gerne hätte er zwar noch eine ordinäre Maschinenpistole – für Hasen, Eichhörnchen und sonstigem Kleinzeug – mitgenommen, aber schließlich trug er bereits jetzt schwer an seiner Ausrüstung. Ein Jammer aber auch, dass sein getreuer Träger Dagobert einem tragischen Jagdunfall zum Opfer fiel, als er diesen, nachdem der undankbare Knecht irgendetwas von einer Gehaltserhöhung faselte, mit einem kapitalen Hirsch verwechselte und mit etlichen Schüssen aus seiner großkalibrigen Büchse niederstreckte. Natürlich ließ sich das Ganze nicht mit dem Jagdausflug zur Bespaßung der amerikanischen Kundschaft in Alaska oder der Safari in Südafrika, die sein friedliebender Arbeitgeber – Motto: Ewigen Frieden schaffen mit schweren Waffen – sponserte, vergleichen. Obwohl sich der erfolgreiche Waffendealer als ‚Großwildjäger‘ sah, erfüllte er doch nicht ganz die Maßstäbe des einschlägigen – wer sich für derartigen Quark interessiert, erhält einen ziemlich guten Einblick durch diverse Romane des Hemingways Ernest – Ehrenkodexes, um diese zweifelhafte Bezeichnung zu verdienen. Die gewalttätige Kundenbetreuung im hohen Norden erfolgte vom Helikopter – besoffen die örtliche Fauna abknallen macht erst aus der Luft so richtig Spaß– aus und die ‚Safari‘ in der südafrikanischen Savanne war eigentlich eine Erprobung des neuen Schützenpanzers – deutsche Wertarbeit! – ‚Ragnarök‘, den man über allerlei Kanäle an das rassistische Regime in Südafrika zu verscherbeln gedachte. Bei letzterem Event hatte unser Meister aller Jäger so richtig Fun, durfte er doch die Effektivität der hochexplosiven Geschosse abfeuernden Bordkanone persönlich an allen vier- und zweibeinigen Zielen – alles Terroristen, denn wer läuft denn sonst durch die Steppe? Na gut, vielleicht ein paar farbige Viehhirten, aber Kollateralschäden kommen eben halt manchmal vor, gelle?- ausprobieren.
Nachdem der bewusste Adler nun für alle Zeit ausgeschrien hatte, setzte der in nostalgischen Erinnerungen schwelgende Todesschütze seinen blutigen Weg fort. Wo sich die Viecher wohl versteckelten? Der passionierte Jägermann bedauerte nun, dass er bewusst auf Jagdhunde verzichtete, nachdem ‚Hasso 12‘ und ‚Adolf 16‘ recht unsanft aus dem Leben schieden; was rannten die blöden Tölen auch immer auf die von ihm großzügig verteilten Landminen – das nervte mit der Zeit!
Aber des Fleißes Preis ist heiß – frei nach einer der vielen, dümmlichen TV-Shows. Erblickte er doch tatsächlich eine herzig spielende Fuchsfamilie vor ihrem Bau. Rührend, dieses muntere Treiben. Ein Jammer, dass der renitente Dagobert auf so bedauerliche Weise – ein ‚schrecklicher Unfall‘ wie sein Onkel, Richter Gnadenreich, vom Oberlandesgericht so trefflich augenzwinkernd bemerkte – aus dem Leben schied, denn der hatte immer einen Flammenwerfer mit im Gepäck! Na, dann musste eben ein Feuerstoß aus seinem Henrystutzen reichen!
Genüsslich legte der Töter hilflosen Wildes an und senkte enttäuscht die Waffe. Derweil hatten ihn seine Ziele offensichtlich gewittert und verdrückten sich blitzschnell in ihren Bau. Hinterhältige Mistviecher, Meister Reineke war eben doch ein gerissener Gesell, aber er, der unheimliche Großwildjäger, würde es diesem Untier schon heimzahlen; irgendwo befanden sich da noch zwei Handgranaten in seinem Gepäck!
Die Reste des Fuchsbaus befriedigt betrachtend, gönnte sich Henrichs jetzt erst einmal einen tiefen Schluck seiner Feldflasche, um die bisherigen Jagderfolge gebührend zu begießen. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm ein, dass er gelegentlich wieder den deutschen Repräsentanten des kolumbianischen Regierungsmitgliedes und Großexporteurs ‚pflanzlicher Produkte‘, Don Pablo de Escocar, kontaktieren sollte, um im Austausch mit Sonderangeboten diverser letaler Produkte seiner Firma die schwindenden Koksvorräte so richtig aufzufüllen.
Der würzige Kräuterlikör und dessen spezielle Ingredienz versetzten den umtriebigen Rüstungsmanager in eine beinahe euphorische Stimmung. Vielleicht würde er ja Frau und Kinder nicht ganz so heftig züchtigen, wie der gestrenge Patriarch – hart, aber ungerecht! – nach seinen Streifzügen durch Deutschlands bedauernswerte Wälder sonst zu tun pflegte, da eine zünftige Abreibung ohne Grund ‚noch niemanden geschadet hätte‘.
Derweil setzte der ‚große, weiße Jäger‘ seinen mit Tierkadavern gepflasterten Weg fort, um staunend vor einem bisher unbekannten Gebilde stehenzubleiben, das sich auf einer wohlbekannten Lichtung befand.
Henrichs stand staunend vor dem vier Meter hohen Menhir, der sich definitiv vorher nicht an diesem Platz befunden hatte. Einer der wenigen wirklichen Fähigkeiten des Schreckens aller hilflosen Kreaturen war ein geradezu gespenstischer Orientierungssinn, der es ihm ermöglichte, selbst halb bedröhnt durch sein Revier zu streifen, ohne sich zu verirren.
Das konnte nicht sein, obwohl ihm die Lichtung sehr bekannt vorkam, so musste er sich doch irgendwie verfranzt haben! Es kam dem personifizierten Jagdgott natürlich sehr merkwürdig vor, dass derartig keltischer Untermenschen-schrott – vergessen wir nicht, dass der Meisterjäger als alter Nazi natürlich nur auf germanische Relikte abfuhr – unerkannt in seinem Revier herumstand, aber eine gehörige Portion Plastiksprengstoff würde das Problem gewiss bei der nächsten Jagdpartie beseitigen. Da inzwischen seine Blase arg drückte, beschloss der traditionsbewusste Waidmann, diese am Fuße des verachteten Monuments mit einem zufriedenen Grunzen zu entleeren.
Sein im Gegensatz zu seinem übergroßen Ego stehendes Gemächt nicht ganz verstaut, ließ ein leises Knurren, Henrichs herumfahren, um circa 10 Meter von ihm entfernt einen schneeweißen Wolf zu erblicken.
Zum ersten Mal tauchten in den Gedanken des schwer gerüsteten, aber ansonsten mental unbewaffneten Jägermeisters leichte Zweifel an seiner Wahrnehmung auf. Vielleicht stimmte etwas mit dem Kräuterlikör nicht oder das geliebte Eheweib hatte seine Feldflasche nicht richtig ausgewaschen, sodass sich da noch Reste des Spülmittels befanden? Wie auch immer, jedenfalls würde er seine Frau dafür gehörig mit der Reitpeitsche bestrafen!
Da nach einigen Minuten die ungewöhnliche Erscheinung nicht verschwand, begriff Henrichs allmählich, dass es sich hier um keine Sinnestäuschung handelte. Was die Sache allerdings noch seltsamer machte, war die völlige Bewegungslosigkeit des Wolfes. Egal, das Prachtexemplar gehörte nun ihm!
‚Du Mistvieh wirst ein Prunkstück meiner Trophäensammlung!‘
Gemächlich legte waidmännische Massenmörder mit seinem Henrystutzen auf das Objekt seiner Begierde an. Sorgfältig zielend, um das kostbare Fell nicht zu ruinieren, zog er den Abzug genüsslich durch.
Es dauerte eine gute Minute bis der versierte Todesschütze begriff, dass die Patrone nicht gezündet hatte. Wie zum Hohn rührte sich sein Ziel nicht einen Millimeter und stieß nur ein tiefes Knurren aus, das unheimliche Ähnlichkeit mit einem menschlichen Lachen besaß.
Wutentbrannt warf der enttäuschte Jägermeister seine Waffe zu Boden und ergriff mit einer routinierten Bewegung den grausamen Bärentöter.
‚Dir werde ich es zeigen, Du hinterhältige Bestie!‘
Dieses Mal ergriff den verhinderten Wolfskiller doch eine leichte Panik, als dieser realisierte, dass sich aus Großvaters Donnerbüchse ebenfalls kein Schuss löste und er damit Meister Isegrimm nun völlig schusswaffenlos gegenüberstand.
Völlig souverän ergriff nun die vermeintliche Beute die Initiative und fing an, sich langsam auf den tapferen Waidmann zuzubewegen. Der wiederum stieß einen spitzen Schrei aus und warf mit einer konfusen Bewegung den Bärentöter in Richtung des Wolfes, um dann in kopfloser Panik das Weite zu suchen.
Voller Todesangst rannte der mächtige Jägermeister halb stolpernd durch den von ihm geschändeten Wald, angespornt durch das motivierende Geheul seines unsichtbaren Verfolgers. Nach gut einer Stunde der wilden Hatz, brach der zum Opfer transformierte Täter in der Nähe eines Baches völlig erschöpft zusammen, um aufblickend in den ebenso intelligenten wie belustig funkelnden Augen des Wolfes zu versinken.
Henrichs erwachte wie aus einem bösen Traum. Wohin war denn nun die gnadenlose Bestie verschwunden? Warum, zum Teufel, blickte er jetzt ins Wasser und sah ein verdammtes Reh? Jäh wurden seine Gedanken von dem schmerzhaften Schlag, der ihn einige Meter zurückschleuderte und dem folgenden, lauten Knall unterbrochen. Auf dem Boden liegend, realisierte er seine Metamorphose. Verzweifelt versuchte der transformierte Jägermeister auf die Füße zu kommen und stellte entsetzt fest, dass er sich nicht bewegen konnte. Schließlich bemerkte Henrichs die große Gestalt, die sich auf ihn zubewegte und langsam seinen wohlbekannten SS-Dolch zog (…)

hab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Geheimakte Dschughaschwili – ein Leben im Dienste seiner Majestät
Die verborgenen Wurzeln des Bergmenschen
Werbung zur Wahl zum Klingonischen Parlament der Buddhistisch Psychiatrischen Union
Lernen Sie fremde Länder kennen und deren Reichtümer lieben!
PARSHIT informiert: Neues Glück ab dem 01.01. durch EU