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geschrieben 2026 von Kairos Prime (KairosPrime).
Veröffentlicht: 20.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches


Die verlässliche Kälte - 2

Referenzwerte


Die Referenzperiode lag jetzt bei zehn Jahren. Früher waren es dreißig gewesen, dann zwanzig, dann hatte man aufgehört, das alte Maß noch zu erwähnen. Es war nicht falsch gewesen, nur unpraktisch.
Sie öffnete die Tabelle und ließ den Cursor kurz über der Über-schrift stehen. Temperaturmittel Winterhalbjahr. Die Zahlen darunter waren unspektakulär. Keine Ausreißer, keine Warnfarben. Genau deshalb wurden sie regelmäßig überprüft. Stabilität war kein Zustand, sondern eine Annahme.
In der Spalte daneben stand die Vergleichsperiode. Nicht mehr mit Jahreszahlen bezeichnet, sondern mit einem Kürzel. RP-2. Das hatte sich eingebürgert. Niemand fragte mehr, wofür RP-1 gestanden hatte.
Sie erinnerte sich, dass es Diskussionen gegeben hatte, damals. Ob man die alte Referenz beibehalten müsse, aus Gründen der Transparenz. Man hatte es versucht. Die Grafiken waren unüber-sichtlich geworden. Zu viele Linien, zu viele Abweichungen. Irgendwann hatte jemand gesagt, man müsse Vergleichbarkeit her-stellen. Danach war es schnell gegangen.
Sie scrollte weiter. Heizgradtage, Frosttage, Übergangstage. Die Kategorien hatten sich vermehrt, feiner geworden. Der Übergang war kein Zwischenraum mehr, sondern ein eigener Block. Man behandelte ihn mit Vorsicht.
Ein Kollege kam vorbei, blieb stehen, schaute auf den Bildschirm.
„Sieht ruhig aus“, sagte er.
Sie nickte. „Ist es auch.“
Ruhig bedeutete: innerhalb der Erwartung. Erwartung bedeutete: angepasst.
Am Nachmittag gab es eine kurze Besprechung. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Kommunikation. Ein Flyer sollte überarbeitet werden. Hinweise zum Winterbetrieb, hieß er. Man überlegte, ob das Wort Winter noch präzise genug sei. Jemand schlug Kälteperiode vor. Das klang technischer. Niemand widersprach.
Auf dem Heimweg ging sie durch eine Seitenstraße, in der die Sonne nicht mehr hinkam. Der Asphalt war dunkel, der Boden hart. An einer Hauswand war eine Markierung verblasst, ein alter Pegelstand, angeblich aus einem extremen Winter. Sie wusste nicht, ob das stimmte. Extrem war relativ geworden.
Zuhause nahm sie den Ordner mit den alten Ausdrucken aus dem Regal. Sie tat das selten. Die Papiere rochen nach Staub, nach etwas Abgeschlossenem. Diagramme, handschriftliche Notizen, Randbemerkungen. Anomal, stand dort öfter. Das Wort hatte man gestrichen.
Sie legte den Ordner zurück. Es gab keinen Grund, ihn offen zu lassen.
Am Abend stellte sie den Wecker. Nicht früher, nicht später. Der Rhythmus hatte sich eingespielt. Draußen begann es leicht zu schneien, zum ersten Mal in diesem Winter. Es blieb nicht liegen. Das tat es selten.
Sie nahm es zur Kenntnis, wie man etwas zur Kenntnis nimmt, das dazugehört.
Morgen würde sie die Referenzwerte bestätigen.
Oder anpassen.
Beides war vorgesehen.

Winterbeginn


Der Winter begann nicht mit Schnee.
Er begann mit Geräuschen. Mit dem trockenen Knacken von Schuhsohlen auf kaltem Asphalt, mit dem kurzen Zischen von Atem in der Luft. Die Stadt klang anders, gedämpfter, als halte sie etwas fest.
Die Hinweisschilder waren am Morgen angebracht worden. Achtung Frost, stand darauf, darunter die Bitte, Wege freizuhalten. Keine Warnung, keine Dringlichkeit. Eine Erinnerung. Sie hingen jedes Jahr früher, aber niemand sprach darüber.
Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher, nicht ganz. Das hatte sie sich angewöhnt. Ganz schließen bedeutete Stillstand. Offenlassen bedeutete Bewegung. Der Körper wusste das.
An der Kreuzung warteten Menschen. Sie standen näher beieinander als im Sommer, ohne es zu merken. Wärme war nichts Persönliches mehr, sondern etwas, das man teilte, solange man musste. Niemand entschuldigte sich für den geringen Abstand.
Der Park war gesperrt. Nicht vollständig, nur die Wiesen. Die Wege blieben offen, schmal geräumt, hart gefroren. Auf einem Schild stand Bodenschutz. Darunter ein Datum, das keinen Monat trug, nur ein Jahr. Das war ausreichend.
Ein Mann führte einen Hund aus. Der Hund lief schnell, blieb nicht stehen. Tiere passten sich schneller an, hatte man einmal gesagt. Sie wusste nicht, ob das stimmte. Aber sie sah es.
Auf dem Platz vor dem Rathaus war ein Markt geplant gewesen. Er war verschoben worden, nicht abgesagt. Witterungsbedingt, stand in der Ankündigung. Das Wort hatte sich gehalten. Es war neutral genug.
Sie erinnerte sich an Winter, in denen man gewartet hatte. Auf den ersten Schnee, auf den Moment, in dem alles anders aussah. Jetzt wartete niemand mehr. Man stellte um.
In einem Schaufenster lagen Handschuhe, Mützen, Schals. Keine Saisonware mehr, sondern Grundausstattung. Die Auslage änderte sich kaum. Das Licht darin war warm, konstant. Ein Versprechen, das man einlösen konnte.
Als sie die Wohnungstür aufschloss, kam ihr die Kälte nicht ent-gegen. Sie blieb draußen. Das war der größte Fortschritt der letzten Jahre gewesen. Nicht Wärme, sondern Trennung.
Sie stellte die Tasche ab, zog die Schuhe aus und blieb einen Moment stehen. Der Boden war kühl, aber nicht unangenehm. Der Körper registrierte es, ordnete es ein.
Im Radio lief die Wettervorhersage. Ruhig, sachlich. Temperaturen im erwartbaren Bereich. Leichter Frost, keine besonderen Ereignisse. Der Sprecher klang zufrieden damit.
Sie schaltete nicht um.
Später, am Fenster, sah sie die ersten Lichter angehen. Sie wirkten heller im Winter, konzentrierter. Die Dunkelheit kam früher, aber nicht überraschend.
Der Winter hatte begonnen.
Nicht offiziell.
Nicht dramatisch.
Er war einfach da.

Schuljahr


Der Stundenplan begann früher.
Nicht offiziell, nicht überall gleich, aber spürbar. Die Sommerpause war kürzer geworden, die Herbstferien lagen näher am Winterbeginn. Man nannte das eine Anpassung an äußere Bedingun-gen. Die Formulare waren dafür vorbereitet.
Er stand im Lehrerzimmer und sortierte Arbeiten. Das Fenster war gekippt, obwohl es draußen kalt war. Die Luft tat gut. Heizungsluft machte müde, hatte er festgestellt, schon vor Jahren. Jetzt war es einfacher, sie zu vermeiden.
An der Wand hing ein Kalender. Nicht der offizielle, sondern einer, den jemand selbst ausgedruckt hatte. Mit farbigen Balken, ohne Feiertage. Stattdessen: Unterrichtsphase, Prüfungszeit, Exkursion möglich. Das Wort Sommer kam nicht vor.
Die Schüler kamen pünktlich. Jacken wurden nicht mehr aufgehängt, sondern über Stuhllehnen gelegt. Das hatte sich so ergeben. Niemand hatte es angeordnet. Kleidung war etwas geworden, das man griffbereit hielt.
Im Unterricht ging es um Zeiträume. Nicht um Geschichte, sondern um Abläufe. Wann etwas begann, wann es endete, was dazwischen lag. Übergänge waren schwer zu erklären geworden. Die Begriffe existierten noch, aber sie passten schlechter.
„Gab es früher wirklich zwei Ernten?“ fragte ein Mädchen in der zweiten Reihe.
Er zögerte. Nicht wegen der Antwort, sondern wegen des Wortes früher.
„Ja“, sagte er schließlich. „In manchen Regionen.“
„Warum?“
„Weil es wärmer war.“
Das reichte. Niemand fragte weiter. Wärme war kein abstrakter Zustand mehr. Sie war etwas, das man kannte, ohne es erlebt zu haben.
Später besprachen sie eine Exkursion. Ein landwirtschaftlicher Betrieb am Stadtrand, angepasst, modern, überschaubar. Der Termin lag fest. Nach der Ernte, vor dem Frost. Ein schmales Zeitfenster, das jedes Jahr neu bestätigt wurde. Planung bedeute-te, es nicht zu verpassen.
In der Pause ging er hinaus auf den Hof. Die Kinder bewegten sich schnell, liefen Runden, standen nicht herum. Stillstehen machte kalt. Das wussten sie, ohne es erklärt zu bekommen.
Er erinnerte sich an Schulhöfe im Frühling. An Sitzen auf Mauern, an Jacken, die zu früh ausgezogen wurden. Die Erinnerung war da, aber sie hatte keinen Platz mehr im Ablauf.
Am Nachmittag trug er die Termine ins System ein. Die Software fragte nach einer Referenzperiode. Er wählte die aktuelle. Es gab keinen Grund, weiter zurückzugehen.
Bevor er ging, sah er noch einmal auf den Kalender an der Wand. Jemand hatte mit Bleistift eine Linie gezogen, dort, wo früher der Herbst gewesen wäre. Sie verlief jetzt mitten durch den Winterblock.
Er ließ sie stehen.
Draußen begann es zu dämmern. Der Tag war kurz, aber klar. Er zog die Jacke an, schloss sie ganz, diesmal ohne darüber nachzudenken, und machte sich auf den Weg.
Das Schuljahr lief.
Wie vorgesehen.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von CaptainX am 20.02.2026:

Hallo KairosPrime.
Alle Texte, die ich von Dir lese, haben einen dezent-düsteren Unterton, finde ich (das ist als Kompliment gemeint).
Ich kann es nicht so klar festmachen: Ist das so beabsichtigt oder ergibt es sich einfach so aus dem Thema?

Gruß
CaptainX

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