Veröffentlicht: 24.02.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Die verlässliche Kälte - 4
Fläche
Die Fläche lag außerhalb der Stadt, aber nicht weit genug, um fremd zu wirken. Man erreichte sie mit der Straßenbahn, Endstation, dann noch ein Stück zu Fuß. Früher hatte es dort Spazierwege gegeben. Jetzt nur noch einen befestigten Randstreifen und ein Schild mit einer Nummer.
Sie kannte die Nummer. Sie tauchte regelmäßig in den Unterlagen auf. Fläche 17-B. Nutzbar, eingeschränkt. Die Einschränkungen waren präzise formuliert und änderten sich selten.
Der Boden war fest. Nicht gefroren, aber vorbereitet. Man sah es an der Struktur, an den Spuren der Maschinen, die nicht tief gingen. Tiefe lohnte sich nicht mehr. Der Frost kam zuverlässig, aber nicht hart genug, um alte Muster zu rechtfertigen.
Am Rand standen Kisten, gestapelt, beschriftet. Keine Namen, nur Codes. Inhalt, Datum, Ziel. Sie las sie, ohne stehen zu bleiben. Das Meiste ging weiter, nicht hierher. Die Fläche war ein Durchgangsort geworden.
Ein Mann kam ihr entgegen, blieb stehen, nickte kurz. Arbeitskleidung, neutral, sauber. Sie kannte ihn nicht, wusste aber, was er tat. Das genügte.
„Passt es so?“ fragte er und deutete auf den Boden.
Sie sah hin. Die Reihen waren gleichmäßig, der Abstand korrekt. Alles innerhalb der vorgesehenen Periode.
„Ja“, sagte sie. „Es passt.“
Er nickte wieder, als hätte er nichts anderes erwartet, und ging weiter. Gespräche dieser Art dauerten nicht länger. Es gab nichts zu verhandeln.
Am Rand der Fläche standen Markierungen. Nicht für Grenzen, sondern für Zeit. Kleine Schilder, farbig, mit Daten versehen. Beginn Nutzung, Ende Nutzung. Dazwischen lag ein schmaler Abschnitt ohne Bezeichnung. Sie wusste, dass dort früher Wachstum gewesen war. Jetzt war es ein Puffer.
In den Unterlagen hieß es vegetationsfrei nutzbar. Ein Wort, das nichts versprach.
Sie dachte an die Exkursion der Schule, die in den nächsten Wo-chen stattfinden sollte. Der Termin lag richtig. Nach der Ernte, vor dem Frost. Er würde gehalten werden können. Das war das Entscheidende.
Am Himmel zogen Wolken, niedrig, gleichmäßig. Kein Anzeichen für Wetter, nur für Zustand. Die Fläche nahm es hin. Sie tat, was vorgesehen war.
Auf dem Rückweg blieb sie kurz stehen und sah zurück. Nicht aus Interesse, eher aus Gewohnheit. Die Fläche wirkte kleiner, als sie war. Funktional. Erledigt.
Später, im Büro, tauchte die Nummer wieder auf. Fläche 17-B. Abgehakt. Bestätigt. Keine weiteren Maßnahmen.
Sie schloss die Akte.
Die Fläche würde bleiben.
Nicht, weil sie gebraucht wurde.
Sondern weil sie passte.
Ferien
Die Ferien standen fest.
Nicht wie früher, mit einem vagen Beginn und der Hoffnung auf gutes Wetter, sondern klar markiert, eingerahmt von Daten, die man kannte. Winterferien begannen zuverlässig. Sommerferien ebenfalls, nur kürzer. Dazwischen lag nichts, was man planen musste.
Sie hatte den Zettel aus der Schule mitgebracht. Zwei Seiten, sachlich, ohne Bilder. Hinweise zu Abfahrtszeiten, Kleidung, empfohlene Ausrüstung. Kein Wort über Schnee. Schnee war implizit geworden.
In den Reisebüros hingen wieder Plakate. Nicht viele, nicht auffällig. Weiße Flächen, klare Schrift. Höhenangaben statt Versprechen. Schneesicher, stand dort nicht mehr. Es war nicht nötig.
Sie erinnerte sich an Jahre, in denen man gewartet hatte. Auf Prognosen, auf Modelle, auf letzte Kaltlufteinbrüche. Buchungen waren riskant gewesen, Stornierungen häufig. Das hatte sich erledigt. Jetzt buchte man, weil es passte.
Ein Kollege erzählte von einer Woche in den Bergen. Nicht begeistert, nicht enttäuscht. Er sprach über Wege, über klare Tage, über die Ruhe. Dass die Kinder es gewohnt seien, sagte er, und zuckte mit den Schultern. Gewohnheit war ein Argument geworden.
In den Nachrichten ging es um Verkehr. Nicht um Wetter. Die Routen waren angepasst, die Kapazitäten berechnet. Alles lief im Rahmen der Erwartungen. Niemand sprach von Ausnahmen.
Sie saß abends am Tisch und sah sich Angebote an. Nicht lange. Die Auswahl war überschaubar. Das hatte etwas Beruhigendes. Entscheidungen dauerten nicht mehr.
Ein Eintrag im Kalender reichte. Ferien. Kein Zusatz.
Am nächsten Tag sah sie Kinder mit Skiern in der Straßenbahn. Nicht viele, nicht auffällig. Die Ausrüstung wirkte funktional, benutzt, nicht neu. Niemand machte Fotos. Es war kein Ereignis.
Später, im Büro, lag eine Anfrage auf ihrem Tisch. Nutzung öffentlicher Flächen während der Ferienzeit, temporär, planbar. Alles war abgestimmt. Nach der Ernte, vor dem Frost. Die gleichen Formulierungen wie überall.
Sie genehmigte auch diesen Antrag.
Abends zog sie die Jacke aus, legte sie über den Stuhl und ließ sie dort liegen. Für die Dauer der Ferien würde sie gebraucht werden. Das stand fest.
Früher hatte man Urlaub vom Alltag gemacht.
Jetzt machte man Urlaub im Alltag.
Und genau das machte ihn möglich.
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