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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Dan Prescot (Dan Prescot).
Veröffentlicht: 06.03.2021. Rubrik: Historisches


Leonie

Leonie ist elegant, zielbewusst und am Lebensanfang. Die Welt ist im Aufbruch. Leonie ist froh nicht in diese Epoche geboren zu sein. Nicht den Zwängen des letzten Jahrhunderts oder sogar vergangenen Jahrzehnts zu unterliegen. Sie kann weiblich sein und trotzdem hört "Mann" ihr zu. Sie kann ihr Leben sogar, zugegeben in einen noch überschaubaren Rahmen, trotzdem aber selbst bestimmen.
Leonie ist selbstbewusst, hat Charakter, sagt nein und meint es auch so! Zuweilen bricht sie Etikette, wenn es ihr zweckdienlich ist. Greift die Männerdomäne an, hat sie doch erst kürzlich das Rauchen angefangen. Unerhört! Es gefällt Leonie wenn "Mann" über sie redet. Zuweilen auch "Frau", doch ehr nicht, da es nicht genug "Mann" in "Frau" gibt.
Leonie will Freiheit. Uneingeschränkt und Selbstbestimmend. Leonie will selbst wählen können. Beruf, Haus, Politik und auch "Mann". Dann könnte sie auch wieder "Frau" sein. Doch hin und wieder lauert in ihrem Unterbewusstsein der Dämon Mittellosigkeit.
Richard ist im Herbst seines Lebens angekommen. Die Kinder wie die Frau aus dem Haus, residiert er in der Pariser Innenstadt sein Industrieimperium von seinem Penthouse aus. Er ist ruhelos. Sein ich treibt ihn Abend für Abend in die neumodischen Musikclubs und missmutig saugt er jeden Augenblick der sich vergnügenden Jugend auf. Er baute sein Imperium auf, sicher. Doch der Preis waren Zwänge, Enthaltsamkeit und Verlust. Die eigenen Kinder sind ihm so fremd wie seine geschiedene Frau. Elegant sieht er aus und zielbewusst. Doch steht er auf der falschen Seite seiner Lebensspanne.
Heute ist er in so einem Jazzclub, in dem jeder Musiker seine eigene Melodie spielt und trotzdem alle Instrumente sich ergänzen. Er mag diese Verspieltheit, ruft sie doch in ihm eine Freiheit wach. Sein Fuß wippt in dem nicht vorhandenen Takt, den nur er hört.
Leonie sieht diesen Außenseiter. Er ist alt. Doch wenn er der Musik lauscht und das verschmitzte Lächeln sein weißes Gesicht erhellt, sieht sie den ausgelassenen Jungen. Unbändig, lebensfroh und unabhängig. Er sieht selbstbewusst und erfahren aus. Er bestimmt oft, aber sein Ego unterdrückt nicht, nicht mehr. Leonie steht auf und geht zu Richard. Eine Zigarette in der Hand haltend wendet sie sich zu dem sitzenden Mann.
"Haben sie Feuer?"
Zwei Seelen betrachten sich. Aus unterschiedlichen Enden der Zeit Linie, wissend wenn sie vor sich haben.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 06.03.2021:
In der Rubrik "Historisches" hätte ich deine Story jetzt nicht verortet... Aber, gut geschrieben und insgesamt glaubwürdig und rund. 👍🏻

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