Veröffentlicht: 26.04.2026. Rubrik: Fantastisches
Mysteriös! - Teil 2(6)
Hinweis: Die komplette Story ist in der pdf des Posts von Teil 1 verfügbar.
Zwei
Eiskalter Wind peitschte ihr noch kälteren Regen und Graupel ins Gesicht. Bald schon fühlten sich Nase und Wangen taub an. Sie konnte kaum die Augen öffnen.
Der Gitterkasten, in dem das Treppenhaus die Landefläche mit den Wartungsebenen verband, war zwar überdacht, schützte aber kaum vor den Wassermassen.
Die beiden Scouts stolperten die Stufen hinunter zur untersten, zweiten Ebene - ein Gewirr von Laufgängen entlang und zwischen den Pylonen, zehn Meter über der tobenden See. Walten-Berg zog ihren Materialscanner und deutete Helloway den Wartungsgang an, in dem sie ihre Prüfungen durchführen sollte. Der Chief stolperte in die entgegengesetzte Richtung.
Helloway ging vorsichtig los. Riesige Wellen brachen sich an die Pylone. Das Knallen war ohrenbetäubend.
Die Messungen selbst waren einfach durchzuführen. An verschiedenen Stellen der Unterkonstruktion hatten die Konstrukteure Messpunkte angebracht. Zuerst wurde der Positionscode gelesen und dann der Scanner auf einen darunter markierten Punkt gedrückt und aktiviert. Den Rest machte der Computer.
Nach einigen Scanvorgängen sah sie zum Chief zurück. Walten-Berg stand etwa zehn Meter hinter ihr und gab ihr ein 'Daumen hoch'.
Helloway steuerte den nächsten Kontrollpunkt an. Blaue Blitze entluden sich an den Pylonen, als sie den Scanner aktivierte - aber das Ding blockierte. Sie blickte Hilfe suchend nach dem Chief, aber Walten-Berg war nicht mehr zu sehen.
"Antonia!", brüllte sie in den Lärm vor sich, was natürlich unter diesen Umständen unsinnig war.
Helloway hielt ihre Hand schützen über das Mikro ihres Headsets und aktivierte den Kommunikator.
"Helloway an Walten-Berg. Hören sie mich?"
Keine Antwort!
Sie stolperte so schnell wie möglich zu der Position, wo sie den Chief zuletzt gesehen hatte.
"Chief! Melden sie sich!"
Wieder nichts!
Panisch blickte Helloway über die Brüstung der Servicegänge. Unten waren stählerne Sicherheitsnetze angebracht, um Stürze in die schäumende See zu verhindert. Aber auch da fand sie keine Spur von ihrer Kollegin.
"Eneri an Helloway.", meldete sich ihr Kommandant: "Was ist da unten los?"
"Der Chief ist weg!", antwortete Helloway hysterisch.
Einige Sekunden blieb die Verbindung stumm, dann: "Wiederholen sie bitte!"
"Antonia ist verschwunden. Vor einem Augenblick war sie noch da."
"Okay! Ich komme runter zu ihnen, aber wenn sie mich verarschen, werfe ich sie Beide in die See, verstanden?" Der Kommandant schaltete ab.
Eine oder zwei Minuten stand Helloway da und sah sich um. Der Chief hätte niemals in wenigen Sekunden ihr Blickfeld verlassen können! Es sei denn, sie wäre über das Geländer gefallen, aber die Sicherheitsnetze waren leer.
Durch eine Gischwand kämpfte sich Commander Kirkumu. Anstatt sie anzubrüllen, sprach er über den Kommunikator mit ihr.
"Wo haben sie den Chief das letzte Mal gesehen?"
Helloway deutete auf den Ort. Eneri blickte hinunter und schüttelte den Kopf: "Nichts zu sehen." Dann überlegte er.
"Helloway. An den Enden von diesem Servicegang führen Leitern von den Netzen zu uns hinauf. Vielleicht hat sich Antonia schon bis dort gerettet. Sie gehen zurück und ich in die andere Richtung! Alles klar?"
Sie nickte und drehte sich um. Als sie den Gang entlang wankte, wurde ihr klar, dass der Chief auf dem schwankenden Netz nicht so schnell gewesen sein konnte. Blaue Blitze beleuchteten die Szenerie. Sie drehte sich um und wollte ihrem Kommandanten ihren Einwand mitteilen, aber Eneri war verschwunden.
Unschlüssig stand sie da und hielt sich krampfhaft am Geländer fest. Auch jetzt war das Sicherheitsnetz unter ihnen leer.
"Helloway an Kommandant. Wo sind sie?"
Keine Antwort!
Da knackte es in ihrem Kopfhörer.
"Lee an Helloway. Was ist los bei dir?"
"Ich weiß nicht, Ephrahim. Der Chief und Kommandant Eneri sind verschwunden. Weg. Von einem Moment auf den anderen."
"Verschwunden? Aber wie?"
"Ich weiß es nicht!", sagte sie betont genervt und dann entschlossen: "Wir brechen ab. Wo bist du jetzt?"
"Noch im Unterkunftsbereich der Plattform."
"Wir treffen uns am Schiff."
"Verstanden."
Etwa zeitgleich trafen beide an der Luftschleuse des Schiffes ein. Nachdem sie die Irisblende hinter sich geschlossen hatten und das Wetterchaos draußen abrupt endete, ließen sie sich zunächst erschöpft auf den Boden der Luftschleuse fallen. Alle Muskeln und Gelenke taten ihnen weh. Die Gesichter waren durch die peitschenden Schläge der Gisch und des Sturmregens puterrot angelaufen und geschwollen.
Nach ein paar Momenten der Ruhe zogen sie ihre völlig durchnässten Allwetteranzüge aus und eilten auf die Brücke. Mit der stärkeren Sendeleistung des Schiffskommunikators riefen sie ihren Kommandanten. Vergeblich!
"Was machen wir jetzt?", fragte Lee atemlos.
"Wenn das Wetter besser wird, gehen wir nochmal runter und suchen weiter.", schlug Helloway unsicher vor.
"Ohne mich!", wehrte Lee scharf ab: "Zwei Leute sind schon verschwunden und ich will nicht der Dritte sein."
Auch Helloway verspürte eigentlich keinen Drang, das Schiff wieder zu verlassen: "Nagut. Was dann?"
Lee überlegte: "Wir warten eine Stunde. Wenn sich bis dahin nichts geändert hat, starten wir und kehren nach Aramej zurück."
"Hast du schon einmal ein Schiff dieser Klasse geflogen?", fragte Helloway vorsichtig.
"Nur im Simulator, damals während der Grundausbildung. Aber wenn ich mich recht erinnere, gibt es ein Assistenzsystem für Fälle wie diesen."
"Okay. Wir müssen aber doch nochmal raus, um uns von der Auftankeinrichtung abzukoppeln. Der Computer meldet, der Tank ist voll."
Lee schlug sich gegen den Kopf: "Verdammt! Das habe ich vergessen."
Kurz darauf verließen die Beiden nochmal das Schiff und lösten die Tankverbindung. Sie hielten sich dabei so dicht wie möglich am Schiff und blickten misstrauisch die Umgebung ab. Das Wetter war noch schlimmer geworden, aber es passierte nichts Ungewöhnliches mehr. Helloway war froh, als sich die Schleusenblende wieder hinter ihr schloss.
Nach Aktivierung eines entsprechenden Notfallprotokolls gelang es mithilfe des Bordcomputers das Schiff zu starten, in einen Orbit zu bringen und dann den Sprungpunkt anzufliegen.
Die Programmierung des Sprungpunkts verursachte allerdings Probleme, aber nach einigen hin und her entmaterialisierte sich die 'Black Space' aus dem Normalraum.
Die Woche im Hyperraum verlief ereignislos. Helloway und Lee hatten eine Reihe Routineaufgaben zu erledigen, dazwischen aber noch genug Zeit, über die Ereignisse nachzugrübeln - allerdings ergebnislos. Sie hatten nicht den Hauch einer Idee, was auf der Plattform passiert sein könnte.
Nach ihrer Rückkehr wurde von der IISS-Verwaltung eine umfassende Untersuchung eingeleitet und eine Rettungsmission losgeschickt. Aber auch diese fand keine Spur von den beiden vermissten Scouts.
Alle Schiffsprotokolle einschließlich der aufgezeichneten Kommunikation ließen keine Rückschlüsse auf ihr Schicksal zu. Helloway's und Lee's Aussagen sind bestätigt und ihre Reaktionen als angemessen gewertet worden.
Nach einigen Monaten weitere Nachforschungen wurde der Fall eingestellt und die Akte mit dem Vermerk 'Verbleib ungeklärt' geschlossen und vom Sicherheitsdienst gesperrt.
Fortsetzung folgt ...
Geschrieben: April 2026
Autor: Matthias Stilke (c)
www.kurzgeschichten-stories.de
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