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geschrieben 2021 von Micha Leik (AchimKiel).
Veröffentlicht: 17.03.2021. Rubrik: Nachdenkliches


Nomen est Omen

Im Gegensatz zum leichten Blassrot der beiden Striche neben dem T und dem C musste man ihre Gesichtsfarbe wohl als puterrot bezeichnen. Sie brauchte keinen Spiegel. Ihre Körpertemperatur verriet es ihr unzweifelhaft. Tief puterrot. Am liebsten hätte sie das Test-Kit unauffällig in ihrer Schultasche verschwinden lassen.
„Mama und was ist, wenn ich die einzige an der ganzen Schule bin, die positiv ist?“, hatte sie noch beim Frühstück beklommen gefragt. „Wieso können wir uns nicht einfach alle selbst zu Hause testen? Warum freitags und nicht montags? Und beginnen morgen nicht die Ferien? Was soll das denn überhaupt noch bringen?“ Doch sie wusste, dass ihre Fragen an ihrer Mutter abprallten. Diese hätte sich niemals bei Frau Schedling gemeldet, um einer Testung ihrer Tochter zu widersprechen.
Und die einzige sein, die nicht mitmacht, wollte sie selbst ja eigentlich auch nicht. Und es war für Dreizehnjährige grundsätzlich nicht besonders prickelnd, irgendwas nicht zu machen, wenn alle anderen es machten. Und umgekehrt. Bei dieser Art von Mitmach(t)spielen musste man mitspielen. Das hatte sie schon lange durchblickt. Insofern hatte sie sich widerwillig auch die weiß abstehende Schnabelmaske aufgesetzt. Die, die so hervorragend zu ihrer vornehmen Gesichtsblässe passte. Die, die ihrem – wie sie fand - zu stark abstehenden Hinterteil ein bisschen Körpersymmetrie verlieh. Die, die ihre etwas zu mächtigen Brillengläser regelmäßig beschlagen ließ! Warum musste sie die erste Pandemie ihres Lebens gerade im Zenit der Pubertät ereilen?!
Und heute war ihre gleichermaßen unterdrückte und herbeigeahnte Horrorvorstellung endlich Realität geworden. Um sie herum nur Erleichterungsbekundungen. „Negativ!“ „Nur ein Strich beim C!“. Sie schaute noch mal genau vor sich auf das Plastikteil auf dem Tisch. Aber sie wusste es. Der berüchtigte zweite Strich, der Strich neben dem T würde nicht wieder verschwinden. So sehr sie auch betete und gegen alle Hoffnung hoffte. Wofür eigentlich stand das T? Traurig? Tragisch? Todblass? Todernst, Todgeweiht? Todkrank?
Schon war Frau Schedling dabei, ihre Abfrage für das bundesdeutsche Beamtenformular zu starten. Sie war die Vorletzte im Alphabet. Bei halber Klassenstärke hieß das zwölfmal vorher negativ und einmal danach. Rechnen konnte sie. Aber das durfte man auch nicht zu sehr heraushängen lassen. Dazwischen ein Positiv. Ihr Positiv. Seit März letzten Jahres trug das Wort eine Maske des Grauens. Und sie wusste nicht, ob ihr das Unwort des Jahres überhaupt über die maskierten Lippen kommen würde. Würde es klappen, es auszusprechen, ohne in Tränen auszubrechen?
„Und bei dir?“ Aber schon in dem Moment, als sich Frau Schedlings fragender Blick ihr zuwandte, verwandelte sich das Gesicht der Lehrkraft in einen Spiegel. Sie musste es gar nicht aussprechen. Jeder konnte das Wort klar und deutlich im unmaskierten Restgesicht der Lehrerin ablesen. Positiv.
Unausweichliches folgte. Ekelausrufe. Mehr oder weniger stark wahrnehmbare Würgetöne. Unbewusstes und auch demonstrativ zur Schau gestelltes Abrücken mit den Stühlen. Inszenierte Fluchten in Richtung der geöffneten Fenster. Weit über den gesetzlich verankerten Mindestabstand hinaus.
Und dann, nun endlich ausgesprochen, die pandemische Prophezeiung, die ihr schon so oft in unterschiedlichen Varianten scherzhaft aber schmerzhaft hinterhergerufen worden war. Wegen ihres Namens, den sie bis vor einem Jahr eigentlich gemocht hatte. Der, wie sie gegoogelt hatte, aus dem Lateinischen stammte. „Wertvoll“ und „teuer“ klang er aus den Mündern der anderen nicht: „Carina hat Corona!“
Und auch die Umstellprobe machte nichts besser. Auch das Subjekt am Ende änderte nichts daran. Sie, sie allein war das Subjekt dieses Satzes und gleichzeitig das Objekt ihres Spottes. „Corona hat Carina!“ Nomen est Omen.
Da halfen auch alle gut gemeinten pädagogischen Beschwichtigungsversuche von Frau Schedling nichts mehr. Sie stand am Corona-Positiv-Pranger. „Das muss ja noch nichts heißen, Carina. Das muss ein Arzt ja erst noch mit einem richtigen Test bestätigen.“
Und endlich, Licht am Ende des Fluchttunnels. Der freundliche formulierte Rauswurf: „Gehst du jetzt bitte umgehend zum Sekretariat und meldest dich dort?“ Sie raffte ihre Sachen zusammen und stürzte Richtung Tür. Wie gut nur, dass sie hinten keine Augen hatte.

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