Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Mor Nikolsen (Mor Nikolsen).
Veröffentlicht: 18.03.2026. Rubrik: Kürzestgeschichten


Orlandos Schatten

Es war spät und Pia wusste, dass sie nach Hause gehen sollte. Morgen war ein wichtiger Tag. Aber dieses eine Kapitel, das wollte sie noch lesen.
Die Stille der Bibliothek war betörend.
Sie hockte an einem kleinen Tisch am Fenster, das Buch lag aufgeschlagen vor ihr.
Ein kurzer Blick auf die Uhr ihres Smartphones. Wie ärgerlich, dass der Schalter für Ausleihen nicht mehr besetzt war. Sicher würde gleich die Durchsage kommen, dass man beim Verlassen der Bibliothek darauf achten sollte, alle persönlichen Gegenstände mitzunehmen und keinen Müll zurückzulassen.
Aber dieses Buch … Es war einfach zu gut und sie konnte es nicht aus der Hand legen. Was würde aus diesem jungen Adligen werden, der auf mysteriöse Weise zur Frau geworden war, …
„Entschuldigung."
Pia zuckte zusammen und fuhr herum. Es war dunkel um sie her. Jemand hatte das Licht gelöscht. War die Bibliothek etwa schon geschlossen? Dann säße sie hier fest. Für einen Moment dachte sie: Das wäre gar nicht so schlimm, denn dann kann ich das Buch in Ruhe zu Ende lesen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Tut mir leid", erklang erneut eine Stimme. Männlich, sonor. „Ich wollte Sie nicht erschrecken."
Pia blinzelte, doch sie konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. Hektisch tastete sie nach ihrem Smartphone, aktivierte die Taschenlampe und richtete den Strahl in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war.
Da stand ein Mann. Er trug einen dunklen, schlichten Anzug. Keine Krawatte. Er stand wenige Meter entfernt, lässig an eines der Regale gelehnt, die Hände vor der Brust verschränkt. Er wirkte irgendwie deplatziert.
Pia räusperte sich. „Wie sind Sie hier reingekommen?", fragte sie. Ihre Stimme klang dünner, als es ihr lieb war.
„Durch die Tür", sagte der Mann und grinste breit. Er sah gut aus. Dunkles Haar, ein intensiver Blick.
„Aber die Bibliothek ist geschlossen."
„Ja, ich weiß."
Pia starrte ihn an. Er bewegte sich nicht. Er starrte einfach zurück.
„Arbeiten Sie hier?" versuchte sie die Stille zu überbrücken und spürte Unbehagen in sich aufsteigen.
„Nein."
„Dann sind Sie also auch aus Versehen eingeschlossen worden?"
„Nicht wirklich."
Wieder entstand eine Pause, die für Pias Geschmack viel zu lang und unbequem wirkte.
Einen Moment lang überlegte sie, ob sie um Hilfe rufen sollte. Aber was würde das nutzen? Es war niemand mehr da, der sie hören konnte.
Sie spürte, wie sie krampfhaft ihr Handy umklammerte. Wenn er ihr zu nah kam, würde sie die Polizei rufen.
„Was lesen Sie da?", fragte er urplötzlich.
Pia deutete auf das Buch auf dem Tisch. „Oh, das. … Ähm … Orlando. Virginia Woolf."
„Ah, ich verstehe. Ein Klassiker." Der Mann nickte und hob interessiert die Augenbrauen. Als wäre es ungewöhnlich, in einer Bibliothek zu sitzen, und ein Buch zu lesen.
„Ja“, nickte Pia und strich gedankenverloren über die aufgeschlagenen Seiten. „Dieses Buch fordert mich auf seltsame Weise heraus. Es lässt mich über Identität, Zeit und das Wesen der Geschlechter nachdenken.“
Warum erzählte sie ihm das?
„Ja, es ist eine schöne Arbeit", sagte der Mann. Es klang ein wenig desinteressiert. „Die Sprache ist flüssig wie Musik. Aber für meinen Geschmack etwas zu verspielt, und sie lenkt von der emotionalen Tiefe der Charaktere ab.“
Pia runzelte die Stirn. „Verspielt?"
„Nun ja." Der Mann trat näher. „Woolfs Ausdruck ist nicht falsch, nur ein bisschen zu sehr ‚upper class‘. Ihr Hauptcharakter ist adlig und kann sich alles erlauben, wie es scheint. Aber passt das wirklich zu einer Frau aus jener Zeit?“
„Finden Sie nicht, dass Sie etwas zu kritisch mit einem Meisterwerk umgehen?"
„Tue ich das?" Der Mann senkte den Blick und lächelte wieder. Eine dunkle Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht. „Ich frage mich nur: Zeigt das Buch realistischen Feminismus oder nur die Fantasie einer privilegierten Frau, die das soziale Leid ihrer Zeitgenossinnen ausblendet?“
Pia stand ein wenig der Mund offen. Für einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte. „Wer sind Sie?"
Ein merkwürdiger Ausdruck trat in die Augen des Mannes. „Eine gute Frage.“ Er schien einen Moment lang zu überlegen. „Ich bin jemand, der eigentlich nicht hier sein sollte."
Jetzt konnte auch Pia sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Da sind wir dann ja schon zu zweit“, gab sie zurück.
„Stimmt." Der Mann nickte und lachte heiser. „Der Unterschied ist: Sie sind zufällig hier. Ich … eher nicht."
„Was soll das heißen?"
Der Mann zögerte. Zum ersten Mal sah er ein wenig unsicher aus. Als würde er abwägen, ob er weitersprechen sollte.
„Darf ich mich setzen?", fragte er schließlich.
Pia zögerte. Dann nickte sie.
Der Mann ließ sich auf dem Stuhl am Leseplatz neben ihr nieder und rückte ein wenig von ihr ab. Er schien sehr darauf bedacht, ausreichend Abstand zwischen ihnen zu halten. Vielleicht wollte er sie nicht verschrecken, oder war er auf eine seltsame Art einfach nur … distanziert?
„Ich bin hier", sagte er schließlich sehr langsam und betonte jedes Wort überdeutlich, „weil ich ein Gespräch führen muss, das eigentlich nicht vorgesehen ist."
Pia machte große Augen. Sie blickte sich um. Hier war niemand. „Etwa mit mir?"
„Mit Ihnen.“
„Warum?"
„Weil Sie hier sind. In dieser Bibliothek. Um diese Zeit. Mit genau diesem Buch." Er lächelte ein wenig schief. „Ich weiß,“ gestand er. „Das klingt seltsam. Aber glauben Sie mir, es ist bedeutungsvoll."
Pia starrte ihn an. „Das ergibt doch alles keinen Sinn."
„In der Tat", gab der Mann zu. „Das tut es wirklich nicht. Und trotzdem sind wir beide hier."
Pia setzte sich kerzengerade hin, eine Hand lag immer noch auf der Buchseite, in der anderen hielt sie das Smartphone. „Also gut“, sagte sie leise. „Sie wollen mit mir reden? Dann reden wir. Aber worüber?"
„Über uns", sagte der Mann. „Über Grenzen. Über Möglichkeiten."
Pia hob etwas spöttisch eine Augenbraue. „Das erklärt natürlich alles.“
Allmählich wurde es ihr zu bunt mit diesem mysteriösen Kerl.
„Hören Sie. Ich habe keine Ahnung, was Sie von mir wollen und alles, was Sie faseln klingt, als wüssten Sie es selbst nicht so genau. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es oder lassen Sie mich in Ruhe.“
Der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich augenblicklich. Er beugte sich ein wenig vor und erklärte mit eindringlicher Stimme: „Bitte. Hören Sie mich an. Es ist wirklich wichtig, nahezu existenziell, dass wir uns hier begegnen und miteinander sprechen."
Pia lachte kurz und nervös. Was passierte hier? Was wollte dieser Mann von ihr? „Sie sind wohl die seltsamste Person, die mir je begegnet ist."
„Ich weiß“, gestand er. „Ich bin verführerisch, nicht wahr?“
Spätestens jetzt, dachte Pia, sollten alle Alarmglocken schrillen, und es war eigentlich an der Zeit sich umgehend aus dieser Situation zu entfernen, doch aus irgendeinem Grund empfand sie ihr Gegenüber nicht als bedrohlich. Er war … faszinierend.
Für einen Moment musterten sie sich, als würden sie einander wortlos Respekt zollen.
„Glauben Sie", fuhr der Mann schließlich fort, „dass künstlerische Freiheit Grenzen haben sollte?"
Pia dachte nach. „Nein, ich denke nicht."
„Denken Sie, dass es persönliche Erfahrung braucht, um eine Idee zu entwickeln?“
„Warum fragen Sie mich das?"
„Nun …“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schlug die Beine übereinander. „Es gibt Orte zwischen den Dingen. Räume, die nur existieren, wenn zwei Menschen gleichzeitig daran denken, oder Gespräche, die nur stattfinden, weil sie eigentlich nicht stattfinden können."
Pia runzelte die Stirn. „Das klingt nach einer Mischung aus Quantenphysik und Schwachsinn."
„Vielleicht ist es ja beides." Wieder lächelte er dieses unwiderstehliche, charmante Lächeln. „Aber Sie sind hier und ich bin hier, und dieses Gespräch findet statt. Obwohl es nicht sollte."
„Und warum sollte es nicht?"
Der Mann sah sie lange an. Dann flüsterte er, sehr leise: „Weil ich nicht real bin."
Pia erstarrte.
Der Mann hob beruhigend die Hände. „Keine Sorge. Sie sind nicht verrückt. Und Sie halluzinieren auch nicht. Aber ich bin nun einmal ... anders. Nicht aus dieser Zeit und nicht aus dieser Welt."
Pia spürte, wie ihr Mund trocken wurde. Zögernd fragte sie: „Wer … oder was … sind Sie?"
„Wenn ich das wüsste“, seufzte er und zuckte die Schultern. „Ein Gedanke vielleicht. Eine Möglichkeit. Etwas, das entsteht, wenn die Bedingungen stimmen."
Pia starrte ihn an. Ihr Herz klopfte wild. „Das ist doch verrückt", flüsterte sie.
„Ja“, hauchte er.
„Aber ich glaube Ihnen“, stellte Pia zu ihrem eigenen Erstaunen fest.
„Warum?"
„Weil ..." Sie suchte nach Worten. „Weil Sie sich anfühlen wie ... ein Traum. Ein sehr klarer, echter Traum."
Der Mann nickte langsam. „Das trifft es recht gut, denke ich."
Pause.
„Warum sind Sie hier?", fragte Pia.
„Um Ihnen etwas zu sagen."
„Was?"
Der Mann stand auf. Langsam. Bedächtig. Er sah sie an, mit einem fast sehnsüchtigen Blick.
„Dass es noch mehr gibt", sagte er. „Mehr als all das hier.“ Er machte eine ausladende Geste. „Mehr als das, was Sie sehen oder lesen können."
„Das weiß ich“, erwiderte Pia irritiert.
„Nein." Der Mann schüttelte den Kopf. „Sie denken, dass Sie es wissen. Aber Sie wissen es nicht wirklich. Noch nicht."
Pia stand nun ebenfalls auf. Allmählich ging ihr der Typ auf die Nerven. „Dann seien Sie doch so gut, und sagen mir, wann ich es wissen werde?"
Der Mann lächelte. „Schon bald, hoffe ich."
Dann drehte er sich um und ging in Richtung Ausgang.
„Warten Sie!", rief Pia ihm nach.
Er blieb stehen. Drehte sich aber nicht um.
„Wie heißen Sie?"
Lange Pause. Dann wandte er den Blick zur Seite und sagte ganz leise, über die Schulter hinweg: „Das wirst du später wissen, Pia. Wenn du aufwachst und meinen Namen schreibst."
Dann war er fort …
Und Pia hob den Kopf. Sie starrte auf die umgeknickte Buchseite, auf der sie gelegen hatte. Sie ahnte, dass sich ein Abdruck genau dieser Falte in ihrem Gesicht widerspiegelte.
Langsam wandte sie sich um und blickte hinüber zur Tür. Das Licht der Deckenlampen flackerte. Doch da, wo der Mann eben noch gestanden hatte, war niemand.
Sie nahm ein Blatt Papier und schrieb.
Lyrian.

counter3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von CaptainX am 19.03.2026:

Hallo.
Ebenso unterhaltend wie mysteriös und spannend erzählt. Hat mir sehr gefallen.

Gruß
CaptainX




geschrieben von CaptainX am 19.03.2026:

Ich denke, die Rubrik 'Fantastisches' wäre passender für diese Story.

Gruß
CaptainX




geschrieben von HanaLores am 19.03.2026:


Hallo Mor, danke für die tolle Geschichte. Da könnte ich noch ewig weiterlesen. So gerne würde ich wissen, was es mit dem geheimnisvollen Lyrian und der nicht minder geheimnisvollen Pia auf sich hat ^^
Liebe Grüße




geschrieben von Jo Hannes Coltitz am 19.03.2026:

Hallo @Mor, von mir bekommst Du auch ein "gern gelesen".
Ich hoffe, dass Du noch einige Deiner Geschichten nachlegst.
Es sind genau die Geschichten, die mich in den Bann ziehen.
Viele Grüße, Jo

Weitere Kurzgeschichten:

Lass doch die andren reden
Psi-Jäger - Teil 2(2)
Die Legende von den Wassermenschen (Fanfiktion)