Veröffentlicht: 02.10.2026. Rubrik: Menschliches
Valentinstag
Charlie, die eigentlich Charlotte hieß, sah aus dem Fenster. Es war endlich mal wieder etwas sonnig, wenn auch noch recht kühl, aber für Februar nichts Ungewöhnliches. Sie hatte heute frei und der Tag bot sich förmlich an, um auf den Wochenmarkt in Alsterdorf zu gehen.
Sie schaute nach unten. „Na, Sunny, Lust auf einen kleinen Spaziergang?“
Sunny war ihr zweijähriger, kleiner Jack Russell Terrier, den sie über alles liebte und der, zugegebenermaßen, etwas verwöhnt war. Aber das war ihr egal.
„Komm, Sunny“, sagte Charlie, „wir gehen eine Wurst essen.“
Sunny sprang auf, lief zur Tür und bellte diese an, als ob sie sich von alleine öffnen würde. Was sie natürlich nicht tat, was Sunny nicht daran hinderte, es immer wieder auszutesten.
Charlie freute sich nicht nur auf die Bratwurst. Sie mochte das ausgelassene Treiben auf dem Marktplatz und freute sich auch auf die musikalische Beschallung durch die „Wurstbude“. Freitags wurde hier nicht nur regelmäßig Bratwurst gegrillt, das Lied „Hoch die Hände, Wochenende“ war ebenfalls ein regelmäßiger Bestandteil des Wochenmarktes.
Noch mehr als Charlie freute sich jedoch Sunny, da regelmäßig und aus unerfindlichen Gründen von irgendwo aus der Luft eine kleine Wurst vom Himmel fiel, meistens fast direkt in sein Maul. Und natürlich genoss Sunny die Aufmerksamkeit der Bewohner, die auf dem Gelände des Alsterdorfer Marktes wohnten.
Da war zum Beispiel Michi, der regelmäßig die Leute nach einem Euro fragte, damit er sich bei Aldi einen Liter Milch kaufen konnte. Dass er einem dabei auch gern schon mal den Einkaufswagen direkt aus den Händen riss, wenn sich darin der derzeit einzige Euro befand, den man als Kleingeld in der Tasche hatte, war für Charlie nichts Ungewöhnliches.
An diesem Tag beobachtete Charlie jedoch eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Michi sprach die Frau an, die erschrocken zusammenfuhr. Ob aus Schreck, weil sie gerade mit ihren Gedanken woanders war, oder ob es an der Erscheinung von Michi lag, war schwer zu sagen. Sie schaute nicht unfreundlich, aber eben erschrocken.
Ihre kleine Tochter, die vielleicht sechs Jahre alt war, schaute ihre Mutter an.
„Mama“, sagte sie, „haben wir keinen Euro mehr? Wie wollen wir dann bezahlen?“
„Mit der Kreditkarte, mein Schatz“, sagte die Mutter.
„Dann können wir doch einen Liter Milch für den Mann kaufen und ihm geben. Dann können wir unseren Einkaufswagen behalten“, sagte die Kleine.
Michi, der die Unterhaltung verfolgte und irgendwie immer noch auf seinen Euro wartete, schaute die Kleine an und strich ihr sanft über den Kopf, was die Mutter mit einem irritierten Blick registrierte.
„Komm“, sagte die Mutter, „wir müssen uns ein wenig beeilen. Wir haben heute noch viel vor.“
Nachdem Charlie und Sunny jeweils ihre Wurst verspeist hatten, machte sich Charlie an ihren Wochenendeinkauf. Eine halbe Stunde später hatte sie Kartoffeln, Eier und reichlich frisches Gemüse zu schleppen.
Am Ende ihrer Einkaufsrunde gönnte sie sich wie immer einen Kaffee beim Tabak-Mann.
Als sie vor der Tür ihren Kaffee trank und überlegte, ob sie noch irgendetwas vergessen hatte, sah sie die Mutter und ihre kleine Tochter auf sich zukommen. Die beiden gingen in den Tabakladen.
Charlie musste ein bisschen grinsen, als sie auch Michi wieder sah, der sich langsam auf das Geschäft zubewegte. Er hoffte offenbar immer noch auf den Euro, der im Einkaufswagen steckte.
Auch Sunny entdeckte Michi und riss an der Leine. Die beiden kannten sich ziemlich gut, da Michi sehr tierlieb war und Sunny immer kraulte, wenn sie sich trafen.
Charlie ließ die Leine los. Sunny stürmte zu Michi, der jetzt schon fast im Laden war, und die beiden begrüßten sich wie immer sehr intensiv.
Das kleine Mädchen entdeckte die beiden und strahlte.
„Guck mal, Mama, ich möchte auch einen Hund.“
Die Mutter schaute hoch und entdeckte Sunny. Und auch Michi. Ihr Blick war zwar immer noch ein wenig irritiert, jedoch nach wie vor freundlich.
„Darf ich den Hund auch mal streicheln?“, fragte das Mädchen.
Die Mutter sah Charlie an.
„Natürlich“, sagte Charlie und wandte sich an das Mädchen. „Du bist zwar selber noch klein, aber hock dich trotzdem hin, damit Sunny, so heißt der Kleine, dir auf Augenhöhe begegnen kann. Er kennt dich noch nicht und möchte dich bestimmt erst mal beschnuppern.“
Michi, der sich jetzt voll und ganz auf den Einkaufswagen konzentrierte, schaute die Mutter an und hielt ihr eine rote Rose entgegen.
Sie lächelte, nahm ihre Sachen aus dem Einkaufswagen, nahm die Rose entgegen und gab Michi den Einkaufswagen, der sich damit umgehend auf den Weg machte, um sein Honorar einzustreichen.
„Mama“, sagte die Kleine, „warum hast du eine Rose von dem Mann bekommen?“
„Heute ist Valentinstag“, sagte die Mutter mit einem Lächeln im Gesicht.
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