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geschrieben 2018 von Carl-Paul Hénry (Carl-Paul Hénry).
Veröffentlicht: 20.02.2018. Rubrik: Nachdenkliches


Wahrheit ist, was im Leben Bestand hat

Das deutsche Wort "wahr" und seine Substantivierung "Wahrheit" leiten sich von dem althochdeutschen "wār" und von dem germanisch "wēra" ab, welche soviel wie "andauern, bleiben, Bestand haben" bedeuten.

Das altgriechische Wort „alätheia“ bedeutet soviel wie „Wahrheit“. Es setzt sich aus dem Verbum „lanthano“ = „verborgen sein“ und dem Präfix „a“ zusammen. Das „a„ verkehrt hier das nachfolgende Wort in genau das Gegenteil (Beispiel: typisch und a-typisch) und wird auch als „Privativum“ = ‚das Entfernen von etwas Vorhandenem’ bezeichnet. Somit hat das griechische Wort für Wahrheit die eigentliche Bedeutung von „Unverborgenheit“. Das hebräische bzw. aramäische Wort für Wahrheit, „ämät“, leitet sich von der Wurzel „mn“ = ‚fest, zuverlässig, tragfähig sein’ ab und bezieht sich ursprünglich auf den Gott Jahwe/Jehova.

„Wahrhaftig“ ist demnach jemand, dem die ‚Wahrheit anhaftet’, wenn man denn dieses Wortspiel zulässt. Wahrhaftigkeit bezeichnet das subjektive „Für-Wahr-Halten“ der eigenen Aussage in einem konkreten Kontext. Wahrhaftigkeit ist eine Denkhaltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Bekanntlich hat der Römer Pontius Pilatus den (historischen) Juden Jesus aus Nazareth gefragt: „Was ist Wahrheit?“ und darauf nie eine Antwort erhalten, obwohl dieser es doch hätte wissen müssen, und offensichtlich hat der Statthalter Jerusalems auch keine Antwort erwartet. Beide wussten, dass es die Wahrheit nicht gibt.

Seit der Antike (Aristoteles), dem Mittelalter (Thomas von Aquin) bis in die Neuzeit (Immanuel Kant, Karl Rahner) wird über die „wahre Wahrheit“ gestritten. In seinem Evangelium lässt der Apostel Johannes Jesus sagen: „Ich, ich (ego eimi = Doppelung) bin die Wahrheit.“ Wohlgemerkt sagt Jesus nicht: Ich kenne die Wahrheit, sondern eben „ich, ich bin die Wahrheit“., oder noch besser: „Ich, ich bin der Unverborgene“. Und um zu unterstreichen und zu erläutern, was der Unterschied zwischen ‚Sein’ (bin) und ‚Wissen’ (kennen) ist und was hier eigentlich gemeint und was nicht gemeint ist, sagt Jesus im selben Satz unmittelbar zuvor: „Ich, ich bin der Weg. “Er behauptet nicht, das ‚Ziel’ zu sein, sondern eben der Weg (zum Ziel). Ein gewaltiger Unterschied.

Mit anderen Worten sagt Jesus: Wer die Wahrheit besitzen will, der muss mich besitzen. Und genau das behaupten fälschlicher Weise viele Christen weltweit von sich, weil sie sich zu Gott (und Allah) und Jesus bekennen und dieser versprochen hat, durch seinen Geist in ihnen zu wohnen. Das genau ist der Punkt: Jemanden „zu Gast haben“ (wohnen) oder ihn „besitzen“ (beherrschen, verfügen) ist ein gewaltiger Unterschied. Gott ässt sich nicht vereinnahmen, von niemandem, auch nicht vom Papst oder Donald Trump. Warum wohl, gibt es weltweit über 10.000 christliche Denominationen allein im Bereich der evangelischen Christenwelt? Weil die unbeantwortete Frage nach der Wahrheit die eine ursprüngliche Kirche vor allem nach Martin Luther immer weiter aufspaltet und sich die Menschen an dem Wort Jesu (nicht nur über die Wahrheit) „die Zähne ausbeißen“.

Im Zen-Buddhismus gibt es die Tradition, dass die Meister den Schülern ein Koan geben, ein paradoxes, unverständliches und sinnloses Rätsel, auf das es keine, oder jedenfalls nicht die Antwort gibt. Das Ziel eines Koans ist, den Schüler auf eine höhere Bewusstseinsebene zu bringen (Selbsterkenntnis und die Wahrheit über sich selbst). Ein solches Rätsel kann nicht mit dem Verstand verstanden werden und es gibt auch keine wahrhafte Lösung, weshalb wohl auch der gebildete Pilatus eine Antwort auf seine rhetorische Frage nicht abwartete. Und überhaupt: Wahrheit ohne Liebe ist wie eine Nadel ohne Faden: Sie sticht, aber sie verbindet nicht.

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