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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Matty63 (Matty63).
Veröffentlicht: 10.03.2026. Rubrik: Unsortiert


Das Mädchen auf dem Fahrrad

Mit zwei Freunden durchwanderte ich den Bayrischen Wald. Gestartet waren wir in Furth im Wald, und unser Ziel war der Dreisesselberg. Offensichtlich hatten wir uns ausgerechnet die heißeste Zeit des Jahres ausgesucht; aber an jenem Tag war die Hitze erträglich. Übernachtet hatten wir im Falkenstein- Schutzhaus, das auf dem Gipfel des gleichnamigen Berges steht; und nun befanden wir uns im Abstieg.
Der Weg führte durch das sogenannte Höllbachgespreng, eine schattige, weltabgelegene Waldschlucht. Hier herein drang kaum ein Sonnenstrahl, und der Wildbach, an dem wir entlanggingen, sorgte für zusätzliche Kühlung.
Wenig später kamen wir an einen Wegweiser: "Buchenau 1 1/4 Stunden" stand da zu lesen. Der Weg wurde zunehmend flacher, und nach einer knappen Stunde wurde der Wald immer lichter. Kurz darauf befanden wir uns auf einer ebenen, wasserdurchflossenen Wiesenfläche. Sie war nur von einzelnen Laubbäumen unterbrochen. Hier weideten Pferde sowie Rinder; und gleich danach sahen wir schon die ersten Häuser des kleinen Ortes Buchenau.
Hier außerhalb des Waldes machte uns die Hitze sehr zu schaffen. Mein väterlicher Freund, der die Wanderung organisiert hatte, wusste jedoch, dass es knapp hinter Buchenau einen Biergarten gab. Und die Aussicht auf ein kühles Blondes beflügelte unsere Schritte.
Inzwischen war es Mittag geworden. Von rechts her mündete ein Kiesweg in unseren Wanderweg ein; und auf einmal sah ich von dort jemanden näherkommen. Zuerst erblickte ich nur etwas Helles. Doch wenig später erkannte ich: Es war ein Mädchen, das langsam auf seinem Fahrrad herankam. Immer deutlicher konnte ich sie erkennen. Schließlich war sie nur noch fünf Meter von mir entfernt. Ihr Alter schätzte ich auf 16 Jahre. Sie hatte langes, schwarzes Haar und trug ein leichtes weißes Sommerkleid; außerdem fiel mir auf, dass sie barfuß war.
In dieser brütenden Hitze konnte ich das gut verstehen; schließlich war es auch mir in meinen Wanderschuhen entschieden zu warm. Dass sie barfuß Fahrrad fuhr, fand ich jedoch ungewöhnlich; wobei ich aber den Eindruck hatte, dass sie dies nicht zum ersten Mal machte.
Sie bog von rechts kommend wenige Meter vor uns in unseren Wanderweg ein; für einige Sekunden trafen sich unsere Blicke. Ich lächelte sie an, und sie lächelte zurück. Dann schaute sie wieder nach vorne über den Lenker ihres Fahrrads.
Langsam fuhr das Mädchen vor uns her. Jetzt hatte sie den Ortseingang von Buchenau erreicht. Am ersten Haus auf der linken Seite hielt sie an und stieg vom Fahrrad. Mit dem rechten Fuß klappte sie die Stütze aus, sodass es am Gartenzaun stehenblieb. Dann öffnete sie das Tor und ging zur Haustür.
Ich staunte über sie, denn weder das Betätigen der Fahrradstütze noch die Schritte über den Kiesweg des Vorgartens schienen ihren bloßen Füßen das Geringste auszumachen.
Soweit ich sehen konnte, klingelte sie an der Tür, und wenig später wurde ihr geöffnet. Eine ältere Frau stand am Eingang. Diese schien das Mädchen bereits erwartet zu haben, und die beiden begrüßten einander mit einer herzlichen Umarmung. Danach gingen sie ins Haus.
Seitdem sind 40 Jahre vergangen, aber bis heute denke ich immer wieder an dieses barfüßige Teenagermädchen auf dem Fahrrad. Und ich frage mich auch jetzt noch manchmal: Wer war sie? Wohnte sie in dem Haus, vor dem sie vom Rad gestiegen war? War sie von woanders gekommen und wollte ihre Omi besuchen? Oder hatte sie ihre Nachbarin gefragt, ob sie ihr etwas helfen könnte?
Diese Begegnung zwischen dem Mädchen und mir hatte nicht lange gedauert; vielleicht drei Minuten; und unsere Augen waren sich höchstens fünf Sekunden begegnet.
Trotzdem kann ich all das nicht vergessen, denn dieses Mädchen hatte etwas Geheimnisvolles an sich. Vielleicht sind wir auch so etwas wie Seelenverwandte, weil die Augen, mit denen sie mich angeschaut hatte, Freundlichkeit, Wohlwollen und ein tiefes Verstehen ausgedrückt hatten. So wie wenn sie sagen wollte: "Dadurch, dass ich dich, der du so viel Lebensfreude ausstrahlst, an diesem herrlichen Sommertag in Gottes schöner Natur gesehen habe, ist mein Leben reicher geworden."
Was sie in meinen Augen gelesen hat, weiß ich nicht. Ich weiß aber noch, dass ich ihr tief und freundlich in die Augen gesehen hatte. In der Hoffnung darauf, dass meine Augen für sie zum Spiegel meiner Seele werden.
Wer sie wirklich war, werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr erfahren; es könnte jedoch sein, dass ich in Gottes Ewigkeit darauf eine Antwort bekommen werde; und wenn ja, dann bin ich gespannt darauf.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Butterblume am 10.03.2026:

Schöne Erinnerung😊

Gern gelesen.
Beste Grüße
Butterblume

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