geschrieben 2026 von Rautus Norvegicus (Rautus Norvegicus).
Veröffentlicht: 21.02.2026. Rubrik: Grusel und Horror
Der Nachtwächter
Endlich wieder einen Job! Vier Jahre hatte ich vom Amt gelebt. Vor einer Woche dann, der Brief von der Arbeitsagentur im Briefkasten. Ein Arbeitsangebot, ich hatte meinen Augen kaum getraut. „Herr Norvegicus, ich habe eine tolle neue Arbeit für sie!“, schrieb meine langjährige Arbeitsvermittlerin, Frau Tipsla Müller. Natürlich nicht als Drucker, daran hatte ich sowieso nicht mehr ernsthaft geglaubt.
Eine Weiterbildung zum Drucker-Meister hatte mir vorgeschwebt, ich liebte diesen Beruf, allein der Geruch des Papiers, der Farben und Lösungsmittel übte eine enorme Faszination auf mich aus. Große Rotations-Druckmaschinen von Roland, MAN, etwas kleinere von Rotaprint und natürlich Heidelberg, darunter der einzigartige Heidelberger-Tiegel, hatte ich in meinen dreißig Berufsjahren kennen und lieben gelernt.
Mit hundert oder mehr Kilo Papierbögen der Größe Din A – null hatte ich die Maschinen neben ihrer allgemeinen Funktions-Einrichtung täglich bestücken müssen. Riesige Endlospapier-Rollen wie sie z. B. zur Herstellung von Tageszeitungen benutzt wurden, gab es in meinem Kleinbetrieb nicht. Es kam, wie es kommen musste, bei der Vorlage eines frischen, 30 Kilo schweren Papierstapels in gebückter Haltung auf die Einzugs-Automatik der großen Heidelberg Speed-Master Offset Maschine, erklang ein lautes,
humorloses Knacken von meinen Lendenwirbeln. Das war das Ende meiner Tätigkeit als Drucker, der sachverständige Arzt der Berufsgenossenschaft bescheinigte mir die Berufsunfähigkeit. Aber tröstete mich damit, dass ich wenigstens nicht den Rest meines Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen wäre.
Nach den erforderlichen Reha-Maßnahmen folgte diese lange Zeit der Arbeitslosigkeit. Heute beginnt meine Tätigkeit als Nachtwächter bei dem Bestattungsunternehmen Multewurf & Spaten GmbH.
Mein Vorgänger, der nun in Rente gegangen ist, drückte mir heute Morgen noch beim Abschied seinen alten Teleskop-Gummiknüppel in die Hand und flüsterte mit brüchiger Stimme: "Du wirst ihn brauchen, Rautus!" Dann verließ er für immer seinen Arbeitsplatz.
Eine graue Uniform inklusive schwarzem Barrett und schwarzen Handschuhen aus feinstem Nappaleder trage ich nun mit einem gewissen Stolz. Gerade einmal neunundfünfzig Jahre bin ich alt, in der Zeit ohne Job hatte ich mich durch Fußball und Krafttraining fit und in Form gehalten. Pünktlich um zweiundzwanzig Uhr beginnt meine Schicht, enden wird sie um sechs Uhr morgens. Nachtschicht eben, die gibt noch mal einen fetten Lohn-Zuschlag. Ich öffne die Tür meines eigenen, kleinen Büros, trete hinaus, hinein in die Halle. Ein wenig komisch ist mir schon zumute, es ist einigermaßen kühl. Das muss aber wohl so sein, denn mein Arbeitsplatz ist schließlich eine Leichenhalle! Mich schaudert ein wenig, es ist mehr als totenstill, in meinen Ohren herrscht das Gefühl eines Vakuums. Beherzt gehe ich in die Halle. Seltsamerweise stehen die Edelstahl-
Leichentische nicht in Reih und Glied, sondern kreuz und quer durcheinander.
Meine eigenen Sneaker sind lautlos, trotzdem vermeine ich gedämpfte Schritte zu hören, wie sie durch barfüßiges Laufen auf Betonboden verursacht werden! Ich höre, wie sich leise knarrend Türen öffnen, um sofort wieder mit einem lauten Knall zuzufallen. Jetzt hat es dermaßen geknallt, dass eine Leiche unter dem sie bedeckenden Totentuch hervor gerutscht ist und mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden fällt! Unsicher gehe ich, zwischen den anderen auf ihren Bahren ruhenden Verstorbenen, zu
ihr rüber. Den Teleskop-Gummiknüppel, das Geschenk meines Vorgängers an mich, habe ich ausgezogen und strecke ihn abwehrend in die Höhe.
Plötzlich ein fieser Schmerz in meiner Magengrube, dadurch klappe ich reflexartig und keuchend nach vorne. Nur deshalb erkenne ich noch schemenhaft den Grund dieses Schmerzes: Eine andere Leiche von der Nebenbahre hat mir ihr Bein in den Bauch gerammt! Sie scheint weitaus frischer zu sein als die
anderen. Der Knüppel fliegt vor Schrecken aus meiner angstschweißnassen, krampfenden Hand. Ich
schnappe nach Luft, während sie mich aus leeren, schwarzen Augenhöhlen wütend anstiert! Von ihr
geht noch immer ein starker, süßlich – beißender Leichengeruch nach Putrescin und Cadaverin aus ,
wobei letzteres als klassisches Leichengift bekannt ist. Dieser unverwechselbar furchtbare Gestank entsteht, wenn die Körper-Zellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden und sich
faulend zersetzen. Im Volksmund bezeichnet man diesen Vorgang ganz lapidar als Verwesung.
Kurz taucht das Bild der Privat-Dozentin Olga Plitschkowa vor meinem geistigen Auge auf, die mich vor etlichen Jahren vier Semester an der Hochschule Bonn-Bad-Godesberg in forensischer Medizin unterrichtete. So habe ich dankenswerterweise dieses Wissen aus ihren Lehren wieder gerade jetzt im Gedächtnis. Dass sich meine berufliche Orientierung änderte, hat andere Ursachen. Aber mir reicht es jetzt endgültig. Panisch, ohne Zögern renne ich in mein kleines Büro und knalle entschlossen die Tür hinter mir zu. Sekunden später, dumpfes Wummern dagegen. Das Glas vibriert und bekommt stetig mehr Risse bei jedem Wumm! Es droht, leise knirschend, zu zerspringen! Das gibt es doch gar nicht, was passiert hier?
Mit zitternden Fingern versuche ich erst über das Festnetz-Telefon, dann über mein Handy Hilfe zu erreichen, doch kein Rufzeichen geht raus. Mittlerweile liege ich in eine Art Schockstarre verfallen, embryonisch verkrümmt, versteckt
unter einem Schreibtisch. Obwohl ich am ganzen Körper von krampfartigen Zuckungen, ausgelöst
durch diese surreale Realität, die mein klarer Menschenverstand nicht einordnen kann, befallen bin,
sinke ich minutenlang in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Ich erwache, es ist noch nicht annähernd
hell, doch wieder so seltsam totenstill. Wenigstens das ändere ich.
An dem Schreibtisch auf der
antiquierten, mechanischen Triumph-Adler Schreibmaschine mit Typenrad meiner Kollegin tippe
ich ratternd auf ein Blatt Papier: 'Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit kündige ich gemäß meines Arbeitsvertrages innerhalb der Probezeit ohne Angabe von Gründen jegliche Tätigkeit bei Ihnen. Mit freundlichen Grüßen Rautus Norvegicus.'
Ich verlasse meinen Arbeitsplatz schon um fünf Uhr fünfundvierzig ohne mich einmal umzudrehen!
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