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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2026 von Marques Ron.
Veröffentlicht: 07.05.2026. Rubrik: Abenteuerliches


Ehrlich währt am längsten

Santo André, Vorort von São Paulo, irgendwann zwischen 2008 und 2012. Ein stickiger früher Donnerstag Nachmittag. Die Sonne brannte fast noch senkrecht auf den Asphalt, und die Luft roch nach Benzin, Grillfleisch und dem süßlichen Duft von Goiabas aus der kleinen Obstbude an der Ecke.
Ich arbeitete im Homeoffice für eine nordamerikanische Softwarefirma und hatte mal wieder den ganzen Vormittag mit einem sturen Problem verbracht. Mein Kopf war voll mit Code und Timeouts. Ich brauchte dringend ein Pause. Ich ging wie fast jeden Tag um die Zeit die Straße runter zur Tankstelle, einen Salzburger Energy-Drink holen. Fünf Reais. Damals noch fast zwei Euro fünfzig. Ein kleiner Luxus.
Die Verkäuferin kannte mich schon. Ich nickte ihr zu, nahm die kalte Dose aus dem Regal, legte einen Zwanziger auf den Tresen und wartete.
Sie begann rauszugeben. Zwanzig… fünfzig… noch einmal zwanzig. Ich starrte auf das Geld und dachte einen Moment lang: "Soll ich das jetzt wie ein guter Brasilianer stillschweigend einstecken?"
Doch: „Halt, halt!“, sagte ich lachend. „Ich hab dir nur einen Zwanziger gegeben. Das ist viel zu viel!“
Sie sah mich an, dann lächelte sie – ein seltsames, erleichtertes, verwirrtes Lächeln.
„Obrigada… muito obrigada“, murmelte sie und nahm das überschüssige Geld zurück. Wir verabschiedeten uns wie immer. Ich ging nach Hause, trank meinen Energy-Drink und dachte nicht mehr darüber nach.

Am nächsten Tag, Freitag, fast dieselbe Uhrzeit. Wieder der gleiche Weg, wieder eine Dose in der Hand. Diesmal wartete die Verkäuferin schon auf mich. Kaum stand ich an der Kassa, beugte sie sich vor und flüsterte, als könnte die Wand mithören: „Hast du gestern den Typen mit der Pistole im Hosenbund hinter dir nicht bemerkt?“ Ich lachte unsicher. „Wie bitte?“ Sie sah mich halb ernst halb amüsiert an. „Du bist mitten in einen Überfall reingelaufen. Und du hast keine Ahnung gehabt!“

Dann erzählte sie die ganze Geschichte.
Drei Banditen hatten die Tankstelle überfallen. Sie nahmen das gesamte Personal als Geiseln – aber sie wollten kein Geld aus der Kasse. Sie warteten auf ein gutes Auto. Ein teures. Eines, das sich lohnte. Deshalb ließen sie den Betrieb ganz normal weiterlaufen. Jedes Mal, wenn ein Kunde kam, schickten sie eine Geisel nach vorn – immer begleitet von einem der Räuber, der wie ein normaler Kunde tat.
Sie hatten schon eine ganze Weile gewartet. Kein Auto war ihnen gut genug.
Dann kam ich.
Wieder wurde eine Geisel losgeschickt, begleitet von einem "Wächter". Er spielte Kunde, betrachtete wohl unauffällig die Waren, so dass ich ihn nicht bemerkte. In Wirklichkeit beobachtete er natürlich alles mit Adleraugen. Pistole im Hosenbund, Hand wahrscheinlich schon am Griff. So muss er hinter mir gestanden haben, während ich mich über den Geldsegen wunderte.
Auch hierfür hatte sie eine Erklärung: Sie war so im Schock, dass sie gar nicht wusste was sie tat, dachte ich sei der Räuber und wollte mir alles Geld geben.*
Nun, ich habe hinten keine Augen und so entging mir die Gefahr - eigentlich zum Glück: ich muss absolut glaubhaft den Ahnungslosen verkörpert haben - und ich entging der Geiselnahme. Seelenruhig spazierte ich mit meiner Dose wieder heim.
Die Banditen haben den ganzen Nachmittag vergeblich auf das passende Auto gewartet. Endlich merkte eine Kundin, dass etwas faul war, wohl von weitem - irgendwie. Sie alarmierte die Polizei und diese kam. Nicht um die Geiseln mit Gewalt zu befreien und die Bande zu schnappen. Nein - sie zeigte sich ganz kurz und zog sich sofort wieder zurück - woraufhin die Banditen das Weite suchten.
Die Verkäuferin sah mich an. „Du hast echt einen Schutzengel gehabt, weißt Du das?“, sagte sie leise.
Ich stand da mit meiner Dose in der Hand, spürte plötzlich die Kälte zwischen meinen Fingern und die Hitze des Nachmittags auf meiner Haut.
Erst jetzt wurde mir bewusst, wie knapp es gewesen war. Dass mich genau das gerettet hatte, was einen in Brasilien eigentlich zur leichten Beute macht: totale Unbekümmertheit. Und: wie peinlich wäre es wohl gewesen, hätte ich das ganze Geld einfach eingesteckt.


* oder sie wollte mir damit mitteilen, dass etwas nicht stimmte ...

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