Veröffentlicht: 09.05.2026. Rubrik: Unsortiert
1959
Wir wohnten in einem alten Schloß, welches man - der damaligen Wohnungsnot Rechnung tragend - umgerüstet und bewohnbar gemacht hatte. Kein Bad, Toilette auf dem Flur mit der 6köpfigen Nachbarsfamilie gemeinsam genutzt.
Im Erdgeschoss wohnte eine Flüchtlingsfamilie namens N., ein älteres Ehepaar mit zwei bereits erwachsenen Kindern. Sie hausten zusammen in zwei Räumen: Der Küche und einem großen Raum, in welchem sie alle schliefen. Der Vater war gelernter Schreiner und verdiente sich etwas zu seiner Rente hinzu, indem er kleinere Aufträge erledigte. Auch für uns hat er z.B. eine Umhüllung für die Gasflasche gebaut, welche wir später für den Gasherd in der Küche stehen hatten. Ein bodenloser Leichtsinn, aber so war das damals. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich zum Klempner mit der Karre zog, darin kollerte die leere Gasflasche. Dort holte ich Nachschub und polterte mit voller Gasflasche wieder zurück.
Eine meiner inzwischen zahlreichen Pflichten war es, Brennmaterial für mehrere Tage vom Holzschuppen in die Wohnung zu schleppen. Es war ein langer Weg für eine Neunjährige: Vom Schuppen quer über den Hof und drei Stockwerke hinauf. Beidseits beladen, mit Kohlenschütte und Brikett-Träger, Holzkorb und Ascheimer (den man auf dem Rückweg auch noch belud, damit es sich lohnte.) Mehrere Gänge waren erforderlich. Da wurden meine Arme immer länger, aber meine Altvorderen hatten deswegen nicht die geringsten Skrupel. Ich hätte nie gewagt, mich zu beklagen – genutzt hätte es auch nichts. Jedenfalls passte der alte N. immer die Momente ab, in denen er sich unbeobachtet anschleichen konnte. Und dann stand er plötzlich hinter mir im Eingang, versperrte mir so den Fluchtweg und bedrängte mich. Erst mit Worten, dann mit Handgreiflichkeiten. Ich war noch so sehr Kind, dass ich nicht begriff, worum es da ging. Aber ich spürte, dass es nichts Gutes war, was er mit mir vorhatte. Kinder – und erst recht kleine Mädchen – haben wohl einen Instinkt für solche Dinge. Es war niemand da, dem ich mich anvertrauen konnte, und mehr und mehr graute mir vor den Gängen zum Schuppen. Ich hatte fürchterliche, grauenhafte Angst und ein Gefühl ungeheurer Verlassenheit. Lange, viel zu lange trug ich diese schwerwiegende Last mit mir herum, bis es nicht mehr auszuhalten war. Dann erzählte ich es meiner Mutter. Irgendetwas muss sie unternommen haben, was weiß ich nicht. Jedenfalls war es dann nicht er, der mich beim Holzschuppen abpasste, sondern seine Frau. Sie beschimpfte mich in übelster Weise: Wie ich ihren Mann so verleumden könne, er habe sich doch nur einen Spaß erlaubt und „es doch gar nicht so“ gemeint! Damit impfte sie mir zusätzlich noch ein schlechtes Gewissen ein.
In jener Zeit brach ein großes Stück meiner kindlichen Unbefangenheit ab, und die Wirklichkeit begann, in mein Bewusstsein zu dringen. Wir Kinder nahmen nicht den Stellenwert ein, wie sie es heute tun. Sie waren unerwünschte Nebenprodukte der lästigen Angewohnheiten, die Männer halt hatten und die man eben erdulden mußte als Frau. Wir hatten kein Mitspracherecht, hatten zu parieren und keine Meinung zu haben, erst recht keine Wünsche zu äußern. Prügelnde Lehrer waren normal, und die Eltern ließen es zu. Die Mütter hatten genug damit zu tun, ihre aus dem Kriege heimgekehrten und zu seelischen und oft genug auch körperlichen Krüppeln gemachten Männer wieder aufzurichten und nebenher die Familie zusammen zu halten. Die Frauen hatten im Krieg eine gewisse Selbständigkeit und auch Selbstsicherheit dadurch gewonnen, dass sie erfolgreich Männerarbeit übernahmen, ja übernehmen mussten. Nun waren die Männer wieder da, mussten in den Arbeitsprozess zurückgeführt werden. Dadurch verloren die Frauen die neu erworbene Selbständigkeit, wurden wieder abhängig vom Mann als Ernährer der Familie: Eine Chance war vertan. Viele meiner Schulkameradinnen hatten – samt ihren Müttern – Angst vor dem Mann im Hause, der oft genug gegen sie gewalttätig wurde. Vielleicht waren das Folgen ihrer Kriegserlebnisse. Auch meinen Großvater begann ich mit anderen Augen zu sehen. Je größer ich wurde, umso unerbittlich strenger wurde er, und die ohnehin raren Momente der Gelöstheit und Fröhlichkeit verringerten sich mehr und mehr. An ihre Stelle traten „Zucht und Ordnung“.
(Dies ist ein Teil meiner Lebensgeschichte, welche ich aufgeschrieben habe.)
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